Hippo AI: „Fridays For Future“ im Gesundheitswesen

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Berlin - Wissenschaft und medizinischer Fortschritt waren schon immer mit der sozialen Frage verknüpft, von der Forschung über die Entwicklung bis zur anschließenden Therapie. Doch so wie die Digitalisierung Wertschöpfungsketten und Wirtschaftsstrukturen durcheinanderwirbelt, führt der datengetriebene Kapitalismus auch zu gänzlich neuen Konsolidierungsprozessen, die schon in naher Zukunft uns alle angehen werden: Denn Wissen wird zusehends privatisiert und konzentriert sich in den Händen weniger Oligarchen. Der ehemalige IBM-Manager Bart de Witte hat diesen Asymmetrien mit seiner Hippo AI Foundation den Kampf angesagt – und dafür gemeinsam mit Viktoria Prantauer gleich zwei VISION.A Awards abgestaubt.

Die Digitalisierung ist ein wenig wie der Klimawandel: Experten können bereits relativ genau vorhersagen, auf welche Zustände wir zusteuern – einzig der Zeithorizont erschwert es vielen Menschen, die Tragweite der Ereignisse zu begreifen und entsprechend zu handeln. So ähnlich sieht Bart de Witte auch die Ausgangslage: „Wir sind ein bisschen wie Fridays For Future: Wir wollen ein Problem lösen, das erst in ein paar Jahren akut sein wird. Aber es ist oft schwierig, gegen ein Problem in der Zukunft zu kämpfen, weil das heute erst wenige hören wollen.“ Aber es ist ihm ernst: 2019 schmiss er nach fast neun Jahren beim IT-Konzern IBM hin – zuletzt war er Director Digital Health für die DACH-Region – und gründete die Hippo AI Foundation.

Zur selben Zeit musste Viktoria Prantauer anderswo einen der schwersten Momente ihres Lebens durchstehen: Sie erhielt die Diagnose Brustkrebs. Und wie bei den meisten Menschen folgte auf die Phase der initialen Angst die des Nachdenkens. „Ich habe in der Nacht der Diagnose gewusst, dass ich sie nutzen will, um daraus etwas positives für die Menschen zu machen“, sagt die ehemalige PR-Managerin. Sie fing an sich zu informieren und stieß auf die Pläne de Wittes. Vier Tage nach der Diagnose nahm sie Kontakt zu ihm auf. Prantauer wurde ehrenamtliche Botschafterin der ersten Kampagne der Hippo AI Foundation, die gleich ihren Namen trug: Viktoria 1.0. Ziel ist es, möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, die Initiative zu unterstützen. Denn in der Brustkrebsdiagnostik gibt es nach wie vor keine umfassenden und global offenen Datensätze, die die Weltbevölkerung repräsentieren, und mit denen Künstliche Intelligenzen (KI) trainieret werden können, die die Diagnose verbessern – genau darin liegt jedoch die Zukunft. „Ich möchte, dass jeder Mensch mit Hilfe von offener KI den Zugang zu einer schnellen und akkuraten Diagnose bekommt“, sagt Prantauer.

Doch Daten sind als Rohmaterial für Maschinelles Lernen zur begehrtesten Handelsware überhaupt geworden – und das gilt im Gesundheitswesen genauso wie im E-Commerce. So wie bei sozialen Medien, Suchmaschinen oder Handelsplattformen ist die Konzentration und Bildung von Oligopolen auch im Gesundheitswesen eine bereits erkennbare Tendenz. Die Daten-Akkumulation ahmt die Kapitalakkumulation nach. Aber anders als Geld sind Daten nicht nur reines Kapital, sondern konkretes Wissen. „Man kann die Entwicklung heute schon sehen: Corporations wie Google kaufen Daten bei europäischen Krankenhäusern ein und sichern sich exklusive Nutzungsrechte. Dasselbe findet auch in der Pharmaforschung statt, wo akademische Häuser den Datenzugang über Drittmittelverträge an Unternehmen verkaufen“, erklärt de Witte. „Das führt dazu, dass die öffentliche Forschung keinen Zugang mehr zu diesen Daten erhält und damit ihr Auftrag, öffentliches Wissen zu generieren, unterlaufen wird. Damit führt die Datenkapitalisierung zu einer Wissensprivatisierung. Aus diesen Wissensasymmetrien werden dann Machtasymmetrien. Es ist Inequality by Design.“

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