Th. Kohl

Vom Rückwärtswaschbecken zum HV-Tisch

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Berlin -

Der Apothekeneinrichter Th. Kohl erlebt turbulente Zeiten. Im Streit mit dem Finanzamt wurde zuletzt gegen eine Firma aus der Unternehmensgruppe Insolvenzantrag gestellt. Firmenchef Theodor Kohl blickt trotzdem zuversichtlich in die Zukunft: Obwohl die goldenen Zeiten vorbei sind, wollen er und seine Familie die Apotheken mit neuen Konzepten und technischen Innovationen nach vorne bringen.

Th. Kohl geht auf die Friseurgenossenschaft Oberpfalz/Niederbayern (Friegon) zurück, einen Großhandel für Friseurbedarf. 1919 gegründet, waren 500 Genossen am Unternehmen beteiligt, darunter Urgroßvater und Großvater des heutigen Firmenchefs. Letzterer hatte irgendwann die Idee, den Kunden auch komplette Ladeneinrichtungen zu verkaufen – das Rückwärtswaschbecken ist seine Erfindung.

Auch wenn sich die erhofften Synergien nicht einstellten: Das Einrichtungsgeschäft entwickelte sich positiv. Als der Firmengründer 1961 starb, übernahm Kohls Vater die Leitung der Geschäfte. Er gab die Spezialisierung auf Friseurgeschäfte auf und suchte sich Kunden aus anderen Einzelhandelsbranchen. Das Großhandelsgeschäft für Friseurbedarf lief bis zum Verkauf im Jahr 2011 separat nebenher.

Als die Niederlassungsfreiheit für Apotheken eingeführt wurde, erkannte Kohls Vater die Gunst der Stunde. Ab 1972 verschrieb er sich der neuen Klientel ganz und gar; in Regensburg ließ er eigens eine neue Fabrik bauen. Die 1970er Jahre waren die erste goldene Ära; von bis zu 800 Apotheken pro Jahr stattete Kohl in den Spitzenzeiten jede fünfte aus.

Die zweite große Welle an Neueröffnungen kam nach der Wende. Damals arbeitete Kohl acht Aufträge pro Woche ab; parallel expandierte die Firma ins Ausland: Frankreich, Italien, Spanien, Österreich, Schweiz und Benelux. Die Internationalisierung half der Gruppe später, auch Krisenzeiten zu überstehen, die einige große Mitbewerber zum Aufgeben zwangen.

Kohl, heute 53 Jahre alt, startete seine Karriere im Unternehmen seiner Familie 1982. Als sein Vater im August 2009 starb, stand plötzlich der Fiskus in der Tür. Von Steuerschulden war die Rede, eine Betriebsprüfung jagte die andere. Der Streit eskalierte; vor zwei Wochen stellte das Finanzamt beim Amtsgericht Insolvenzantrag. Selbst die Steuerberater seien völlig überrascht gewesen.

Vor Gericht wird weiter gestritten, welche Forderungen rechtens sind und welche nicht. Glück im Unglück: In der Gruppe liefen seit jeher verschiedene Unternehmen nebenher; die betroffene Firma war bereits seit einem Jahr nicht mehr operativ tätig. Kohl hatte im September 2014 mit zwei neuen Unternehmen das Geschäft weitergeführt. Die Traditionsmarke Th. Kohl war nie betroffen und wird weiter existieren.

Auch wenn der Streit noch nicht abgeschlossen ist: Kohl will sich nicht ausbremsen lassen. Mit technischen Neuerungen wollen er und seine Familie den Markt weiterentwickeln. Sein Schwager ist mit der Firma Pharmathek vor einem Jahr in den Automatenmarkt eingestiegen; zeitgleich startete seine Tochter die Firma Provia, die virtuelle Konzepte für die Apotheken entwickelt.

„Wir gehen davon aus, dass sich die Technik in den Apotheken in Zukunft durchsetzen wird“, sagt Kohl. „Bislang sind viele Apotheker zurückhaltend, auch weil sie nicht wissen, wie ihre Kunden reagieren werden. Aber das Interesse ist da.“

Europaweit kommen die verschiedenen Firmen mit 300 Mitarbeitern heute auf Umsätze von 15 Millionen Euro. Ein bis zwei Apotheken richtet Kohl pro Woche ein – alleine in Deutschland. Doch das Geschäft ist schwieriger geworden: Neugründungen gibt es so gut wie keine mehr, und auch die Filialisierung hat nicht dazu geführt, dass verstärkt Einrichtungen verkauft werden. Ein Fehler, wie Kohl findet: „Wenn Apotheken, die versagt haben, mit ihrer alten Einrichtung fortgeführt werden, dann ist das aus meiner Sicht kein gutes Konzept.“ Der Klientel will er trotzdem treu bleiben: „Lieber Marktführer als Hansdampf in allen Gassen“, sagt er.

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