Dänemark

Supermärkte: OTC in der Selbstbedienung

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Berlin -

Dänemark geht seit diesem Jahr einen eigenen Weg bei der Regulierung von OTC-Arzneimitteln: Seit Januar dürfen Apotheken und Supermärkte selbstständig darüber entscheiden, ob sie OTC-Produkte unter bestimmten Auflagen nur mit Beratung über den Schalter verkaufen oder frei verfügbar ins Regal stellen. Bisher sind die Reaktionen auf den Schritt aber verhalten.

Die dänische Regierung hatte es sich vergangenes Jahr zum Ziel gesetzt, die Verfügbarkeit von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten zu erhöhen, indem der Zugang zu ihnen erleichtert wird. Dazu hatte das Gesundheitsministerium im Vorfeld die dänische Arzneimittelbehörde MDA damit beauftragt, eine Liste mit OTC-Produkten zu erstellen, die dafür in Frage kommen.

Die Behörde ordnete die auf dem Markt befindlichen Präparate für die Anwendung am Menschen daraufhin in mehrere Kategorien ein: HF, HX und HX18. Produkte der ersten Kategorie dürfen in unbegrenzter Menge erworben werden, von denen der zweiten Kategorie hingegen nur eine Packung pro Person. Gleiches gilt für Kategorie HX18 mit dem Zusatz, dass der Käufer volljährig sein muss. Für HX-Produkte gilt zusätzlich die Einschränkung, dass sie außerhalb von Apotheken lediglich in kleinen Packungsgrößen verkauft werden dürfen.

In Dänemark dürfen viele OTC-Produkte nämlich nicht nur in Apotheken, sondern auch in Supermärkten mit eigens dafür vorgesehenen Schaltern verkauft werden. Von dort aus können sie seit diesem Jahr nach eigenem Ermessen in die Regale gestellt werden – wenn sie in Sichtweite des geschulten Personals bleiben. Dazu reicht allerdings die Überwachung per Kamera, insofern stets ein Mitarbeiter in Echtzeit mitschaut. Außerdem müssen sie getrennt von anderen Produkten wie Schwangerschaftstests und Kondomen, speziell als Arzneimittel gekennzeichnet und in einer Höhe von mindestens 1,40 Meter gelagert werden. So soll sichergestellt werden, dass potentiell gefährliche Arzneimittel außerhalb der Reichweite von Kindern bleiben.

Auf eine ganze Reihe von OTC-Produkten trifft das hingegen nicht zu. Sie wurden von der MDA als nicht tauglich für die freie Auswahl in Supermärkten eingestuft, darunter Präparate mit den Wirkstoffen Loperamid (beispielsweise Imodium), Clotrimazol (Canesten), Amorolfin, Chinin, Meclozin und Cyclizin. Nach zwei und vier Jahren will die Arzneimittelbehörde das Projekt evaluieren und untersuchen, ob es bei den freigegebenen Präparaten zu einem „unangemessenen Anstieg in deren Verkauf und Nutzung“ gekommen ist, wie das dänische Gesundheitsministerium schreibt. Wird dies bejaht, sollen Nachbesserungen durchgeführt werden.

Denn genau das befürchten kritische Fachleute. Wegen der neuen Regeln stiegen die Gefahren von Überdosierungen, Vergiftungen und schweren Nebenwirkungen, warnt beispielsweise Dr. Kim Dalhoff, Professor für Klinische Pharmakologie an der Universität Kopenhagen. Es bestehe das Risiko, dass Verbraucher nicht genügend Informationen über Wirkung und Anwendung der Medikamente erhielten und deshalb Fehler begingen. Auch der dänische Apothekerverband sieht die Gesetzesänderung kritisch. Der Verkauf in Supermarktregalen könne dazu führen, dass Verbraucher Medizinprodukte als harmlose Konsumware wahrnehmen und mit entsprechend wenig Vorsicht anwendeten. Außerdem steige die Missbrauchsgefahr.

Aus der Industrie kommt hingegen Zustimmung. So betont Søren Beicker, Chefberater des Dänischen Verbands der Pharmazeutischen Industrie, dass die Gesetzesänderung auf Erfahrungen basiere, die Schweden und Norwegen mit ähnlichen Modellen gemacht hätten – und die seien durchweg positiv. „Es gibt viele Verbraucher, die sich lieber das Angebot anschauen möchten, statt sich beraten zu lassen, vor allem wenn es um Tabu-Produkte wie Abführmittel geht“, so der Interessenvertreter.

Auch von Supermarktbetreibern kommt gutes Feedback, auch wenn die neuen Regularien bisher noch keine breite Anwendung finden. „Das gibt den Kunden die Möglichkeit, ihren Einkauf zu überdenken und sich in aller Ruhe an den Produkten in den Regalen zu orientieren, ohne sich an der Kasse unter Druck gesetzt zu fühlen“, zitiert die dänische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt DR Torben Mouritsen, Geschäftsführer der Einzelhandelskette Normal. Zwar habe neben Normal auch die Supermarktkette Coop begonnen, OTC-Produkte vereinzelt in Regale umzulagern. Flächendeckend durchgesetzt habe sich das neue System von OTC-Medikamenten in Supermarktregalen allerdings zumindest bis zum Frühjahr noch nicht, berichtet DR.

Bei der EU wiederum kommen die dänischen Reformen offensichtlich gut an. In einem Bericht der Kommission zur Wettbewerbsfähigkeit des stationären Einzelhandels in Europa wird der Verkauf von OTC-Arzneimitteln in Supermärkten in Dänemark neben Portugal und Italien als positives Beispiel für die Liberalisierung des Marktes erwähnt. Auch in Österreich hat die Drogeriekette dm bereits mehrfach versucht, OTC-Produkte in ihr Sortiment aufzunehmen.

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