Covid-19

Erhöhen Legionellen die Todesrate einer Corona-Infektion?

, Uhr
Berlin -

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Vorkommen von Legionellen und einem erhöhten Risiko für einen schwerwiegenden Verlauf von Covid-19? Zwar scheint dies derzeit noch spekulativ, doch geben die ungewöhnlich hohen Mortalitätsraten im italienischen Bergamo und Brescia allen Grund zur Annahme, wie Oliver Thronicker, Geschäftsführer des Umweltlabors Blue Biolabs, erklärt.

Die Mortalitätsrate aufgrund des neuartigen Coronavirus ist in einzelnen Regionen Italiens besonders hoch. Bislang sind dort mehr als 100.000 Menschen an Covid-19 erkrankt und mehr als 13.000 Infizierte an den Folgen der Erkrankung verstorben (Stand 2. April). Risikogebiet ist vor allem die Lombardei in Norditalien. Die Provinz Brescia war bereits vor zwei Jahren in den Schlagzahlen, als hunderte Menschen auf mysteriöse Weise an einer Lungenentzündung erkrankten. Als Infektionsquelle wurde damals das Bakterium Legionella pneumophila ausgemacht, das nicht aus Wasserleitungen, sondern aus Verdunstungskühlanlagen, die ihr Wasser aus einem stark belasteten Fluss gezogen haben, in die Umwelt gelangte. Diese Aerosole wurden von den Bewohnern eingeatmet und lösten schließlich bei vielen der Betroffenen eine Legionellose aus.

Legionellen sind weit verbreitete Umweltkeime, die vor allem in technischen Einrichtungen wie offenen Rückkühlwerken, Trinkwassersystemen und Kläranlagen zu finden sind. Für Thronicker, der sich seit Jahren mit der hygienischen Prüfung solcher Anlagen befasst, sind die Indizien schlüssig. „Möglicherweise kann eine hohe Hintergrundbelastung mit Legionellen im Zusammenhang mit einer erhöhten Mortalitätsrate einer Sars-CoV-2-Infektion stehen.“ Neben Italien sind auch Spanien, Frankreich und die Niederlande laut Zahlen des European Center for Disease Prevention and Control Spitzenreiter bei der registrierten Legionellose pro Einwohner. Die genannten Länder verzeichnen derzeit mit 7 bis 11 Prozent die höchsten Mortalitätsraten aufgrund von Covid-19-Infektionen in Europa. Zum Vergleich: Im Durchschnitt liegt die Covid-19 bedingte Mortalität in den europäischen Ländern bei circa 2 Prozent.

Möglicherweise könnten die Bewohner der Lombardei aufgrund der Legionellenbelastung und einer ohnehin geschwächten Lunge anfälliger für Superinfektionen sein. Thronicker erklärt: „Ist die Lunge wie in der aktuellen Situation durch eine Virusinfektion geschwächt, haben Bakterien leichtes Spiel, können den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen und Komplikationen verursachen. Besonders häufig treten Superinfektionen im Zusammenhang mit Staphylokokken und Streptokokken auf. Weil Sars-CoV-2 ohnehin Auslöser für Lungenentzündungen ist, können die ebenfalls für die Atemwege hochgefährlichen Legionellen, die Situation noch verschärfen.“

Schwache Indizien für einen Zusammenhang auch in Deutschland

Vergleicht man die Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu Covid-19-bedingten Todesfällen je Einwohner mit den gemeldeten Legionellen-Infektionen im jeweiligen Bundesland (Stand 2018), zeigt sich, dass insbesondere Bayern und Baden-Württemberg in beiden Statistiken besonders stark hervortreten.

„Das fatale Zusammenwirken der Legionärskrankheit und virusbedingten Lungenkrankungen wurde auch bereits in einer italienischen Studie aus dem Jahr 2011 (Michele Iannuzzi et al.) thematisiert. Ein Umstand, der die Diagnose einer Superinfektion erschwert, ist, dass virale Lungeninfekte und Legionellosen teilweise sehr ähnliche Symptome aufweisen können“, so Thronicker.

Auch wenn die mögliche Superinfektion durch Legionellen nur einen geringen Anteil an den vielen Faktoren darstelle, welche die Mortalität einer Covid-19-Erkrankung beeinflussen, ist aus Sicht des Trinkwasserexperten grade in diesen Tagen eine besondere Sorgfalt bei der mikrobiologischen Überprüfung bestehender Anlagen angebracht. Bestehende gesetzliche Fristen zur Überprüfung sollte man daher keinesfalls aufschieben.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Lesen Sie auch

APOTHEKE ADHOC Debatte

Weiteres
37,6 Millionen Euro in Cannabis
Tabakhersteller steigt bei Sanity ein»
Forderungen müssen angemeldet werden
Beragena: Apotheken als Insolvenzgläubiger»
Augentropfen mit Farbstoff
Dr. Theiss macht Augen blau»
EU-Kommission sichert 10.000 Einheiten
Affenpocken: Was kann Tecovirimat?»
Stada-Produkt in EU zugelassen
Kinpeygo: Budesonid gegen Nephropathie»
Limit für geringfügige Beschäftigung erhöht
Minijob: 70 Euro mehr verdienen»
A-Ausgabe Oktober
90 Seconds of my life»
Kompetenter Begleiter für alle Leser:innen ab 60
my life Senioren»
Das Kindermagazin der my life Familie
Platsch»
Debatte geht in die nächste Runde
EMA befürwortet Biosimilar-Austausch»
Jede Verordnungszeile einzeln
Mehrfachverordnungen: Wie wird beliefert?»
Was wird von der Kasse erstattet
Retaxgefahr: Sprechstundenbedarf auf Rezept»