Beratungsgespräch endet auf Polizeiwache

Schmerzpatientin offenbart sich als Vergewaltigungsopfer

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Berlin -

Beratungsgespräche können unerwartete Wendungen nehmen, Apotheker:innen und PTA wissen von ihren Erfahrungen zu berichten. Ein dramatischer Fall ereignete sich jetzt in einer Apotheke in Nordrhein-Westfalen. Hier offenbarte sich eine Schmerzpatientin kurz vor Feierabend als Vergewaltigungsopfer. Die Mitarbeiterinnen standen der Stammkundin zur Seite und halfen ihr bis spät in den Abend, die Sache bei der Polizei zur Anzeige zu bringen. Auch über die eigene Rolle haben sie seitdem viel nachgedacht.

Der Fall ereignete sich an einem Dienstag im Mai. Gegen 18 Uhr betrat eine junge Frau die Apotheke, in der eine Approbierte gemeinsam mit zwei PTA den Spätdienst leistete. Den Mitarbeiterinnen war die Kundin bekannt, da sie seit längerem in psychiatrischer Behandlung war und ihre Rezepte immer bei ihnen einreichte. „Eine Kollegin bediente die Frau an jenem Abend“, berichtet die Apothekerin, die zum Schutz der Kundin um Anonymität bittet.

Zunächst habe die Frau mit leiser Stimme ein Schmerzmittel verlangt. „Das war nicht ungewöhnlich, weil sie auch sonst sehr leise spricht.“ Weil sie aber zuletzt schon häufiger Schmerzmittel gekauft hatte, habe die PTA nachgehakt. Welche Beschwerden sie denn habe? Unterleibsschmerzen, sie würde gerne Ibuprofen nehmen, lautete die Antwort. Auf der Suche nach einem geeigneteren Wirkstoff und zur Abklärung, ob ein Arztbesuch angezeigt sei, fragte die Kollegin abermals nach, wo genau die Schmerzen lokalisiert seien.

Plötzlich wurde die 28-Jährige ganz still. Dann offenbarte sie mit zittriger Stimme, dass sie am Vortag vergewaltigt worden sei. Die PTA reagierte sofort und führte die Kundin ins Beratungszimmer. Andere Kunden hätten von dem Vorfall nichts mitbekommen, berichtet ihre Kollegin. „Es waren nur noch wenige Menschen in der Offizin, und das Gespräch fand an der Kasse am Ende des HV statt“, so die Apothekerin.

Im Schutz des Beratungszimmers habe die junge Frau dann berichtet, was ihr passiert sei. „Es war sehr langwierig, nur nach und nach gab sie die Informationen preis. Meine Kollegin hat sich viel Zeit genommen, ist ganz behutsam vorgegangen.“ Geweint habe die Kundin während des Gesprächs nicht, vielmehr habe sie apathisch gewirkt. „Ich denke, dass sie stark traumatisiert war.“

Nach einiger Zeit kam die PTA wieder heraus und informierte die Apothekerin über das Gespräch. Zu zweit erklärten sie der Frau nun, dass die Apotheke gleich schließen werde und dass sie nicht hier bleiben oder mit nach Hause kommen könne, sondern den Vorfall der Polizei melden müsse. „Irgendwann hatte sie so viel Vertrauen in uns, dass sie sich darauf eingelassen hat.“

Aussage auf der Polizeiwache

Es dauerte nicht lange, bis zwei Beamte in der Apotheke eintrafen. „Sie wollte nur mit der Frau sprechen, was auch kein Problem war“, berichtet die Apothekerin weiter. Die Polizistin versicherte der stark verunsicherten Kundin immer und immer wieder, dass sie keinen Fehler gemacht habe und keine Schuld trage. Eine halbe Stunde später war sie bereit, mit zur Wache zu fahren und ihre Aussage zu machen.

In das Polizeiauto einsteigen wollte sie allerdings nicht, auch ohne die beiden Apothekenmitarbeiterinnen wollte sie keinesfalls fahren. „Es war ziemlich viel Überzeugungsarbeit nötig. Weil sie Angst hatte, dass ihr Vergewaltiger sie sehen könnte, sind wir durch den Hinterausgang aus der Apotheke.“

Auf der Wache sprach die Frau erst mit einer Beamtin und der Apothekerin, dann mit einer zweiten Beamtin und der PTA. „Zunächst war es schwierig, sie zur Aussage zu bewegen, weil sie wieder sehr verschlossen war. Irgendwann ging es besser, sie stotterte nicht mehr, sondern sprach lauter. Und ab einem gewissen Punkt schien sie sichtlich erleichtert zu sein, dass sie über den Vorfall gesprochen hatte.“ Sie willigte sogar ein, zur medizinischen Untersuchung in ein Krankenhaus zu gehen.

Bis 22 Uhr waren Apothekerin und PTA mit auf der Wache. „Wir haben uns beide verpflichtet gefühlt zu bleiben, alles andere hätten wir uns nicht verzeihen können.“ Endlich zu Hause angekommen, fiel es ihnen schwer, zur Ruhe und in den Schlaf zu finden. „Es war sehr aufwühlend.“ Trotzdem seien beide am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen.

Was folgte, war die gemeinsame Aufarbeitung im Team. Auch über die eigene Rolle haben sie sich seitdem in der Apotheke viele Gedanken gemacht. „Natürlich war es erst einmal ein Schock für uns, dass sich die Frau ausgerechnet bei uns in der Apotheke offenbart hat. Mit ihren Eltern und Betreuern hatte sie nicht sprechen wollen, und eine Arbeitskollegin von ihr, der sie sich anvertraut hatte, hatte ganz fürchterlich reagiert nach dem Motto: ‚Warum wehrst du dich nicht?‘“

Warum die Apotheke?

Lange habe man gemeinsam darüber gesprochen, warum die Frau ausgerechnet in der Apotheke das Vertrauen fassen konnte. „Vielleicht hat es wirklich mit der berühmten Niedrigschwelligkeit zu tun: Wir sind immer da, haben keine Wartezeiten und bieten offenbar genau das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz.“ Auf weiche Faktoren wie Empathie werde in der öffentlichen Diskussion viel zu wenig eingegangen, weil die Notwendigkeit gar nicht gesehen werde.

In mehr als 30 Berufsjahren sei ihr noch keine vergleichbare Situation passiert, sagt die Apothekerin. Überfordert gefühlt hätten sie und ihre Kollegin sich trotzdem nicht – auch wenn Letztere gerade erst Anfang 20 ist und froh war, dass ihr die Apothekerin zur Seite gestanden habe. „Ich glaube, wir haben instinktiv reagiert und der Frau auch die nötige Zeit gelassen, wenn wir gemerkt haben, dass sie noch nicht so weit ist.“

Trotzdem zeigt der Fall aus ihrer Sicht, wie wichtig auch psychologische Aspekte im Studium und in der Ausbildung wären – und wie wichtig Nachfragen am HV-Tisch sind. „Es geht nicht nur um Medikationsfehler oder Abusus, manchmal kann eine Beratung auch psychische Probleme oder Schlimmeres zu Tage bringen.“ Auch der Inhaber, der in jener Woche selbst im Urlaub war, ist stolz auf seine Mitarbeiterinnen. „Ich bin glücklich, dass sie so kompetent reagiert haben.“

Abgeschlossen ist der Fall für das Team aber nicht. In den vergangenen Wochen kam die Kundin immer wieder in die Apotheke, etwa um einen Schwangerschaftstest zu kaufen, vor allem aber um das Gespräch zu suchen. Die Apothekerin glaubt, dass die Patientin sich bei ihren Eltern und bei ihren Therapeuten nicht gut aufgehoben fühlt. Das bringt die Apothekenmitarbeiter:innen manchmal auch in Bedrängnis. „Oft fehlt uns die Zeit, die wir uns eigentlich nehmen müssten.“

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