Das Sturmtief „Elli“ legt die Apotheken lahm, doch bevorstehende Notdienste dulden keinen Aufschub. Während eine PKA per Langlaufskiern die Warenversorgung retten will, muss ein Inhaber vor der eigenen Apotheke fast kapitulieren: Stromausfall und vereiste Schließanlagen zwingen ihn dazu, kurzerhand selbst in sein Geschäft einzusteigen. Trotz Katastrophenstimmung ist klar: Pünktlich um 8.30 Uhr muss die Versorgung stehen.
Gegen 6.30 Uhr zieht Kunibald Steinmeyer-Lang die Gardine seines Schlafzimmerfensters zur Seite. Normalerweise kann er jetzt auf seine Apotheke blicken, aber au contraire: Draußen türmt sich meterhoher Neuschnee wie eine Kulisse aus einem Triple-A-Katastrophenfilm um die Jahrtausendwende. Gehwege sind verschwunden, Türen nur noch erahnbar unter Eisbergen.
In zwei Stunden beginnt sein Notdienst – und bevor irgendjemand auch nur irgendetwas bekommt, müssen Türen freigelegt, Gehwege gestreut und selbstverständlich rückenschonend Schnee geschoben werden. Glücklicherweise kann den 48-Jährigen kein Wetterchen trüben.
Schnell wirft sich Steinmeyer-Lang für frostige -16 Grad in Schale, rüstet sich für den Fall der Fälle mit Handkurbel-Taschenlampe, einer XXL-Schneeschippe und Gummistiefel bis unter die Kniekehlen aus, schnallt sich eine Stirnlampe um und stapft los. Auf halben Weg trifft er auf seine Chef-PKA Frau Marquard. Elegant wie eine nordische Olympionikin aus den 80ern gleitet sie auf Langlaufskiern an ihm vorbei. Mit dabei: Ein riesiger Rucksack und einige Lieferungen für die auf dem Weg befindliche Kundschaft. „Der Großhandel fällt aus“, schreit sie ihm unnötig laut entgegen, „ich hole alles für die Nacht. Ich bin heute Abend zurück!“ Der Inhaber nickt, als wäre das die normalste Information der Welt, und stapft weiter Richtung Apotheke.
Wider erwarten hat sich zu derart früher Stunde bereits eine Menschentraube eine Schneise zum Haupteingang der Apotheke geschlagen. Steinmeyer-Lang fühlt sich an kampierende Feuerteufel vom letzten Feuerwerksverkauf des lokalen Einzelhandels erinnert: Die Leute warten stoisch, als würde heute eine limitierte Winteredition Heiße Zitrone auf den Markt kommen – oder als hätte ein Vögelchen gezwitschert, dass ein Engpasspräparat wieder lieferbar ist.
Drei Personen schieben aus der Ferne eine Feuertonne wie einen Kinderwagen Richtung Apotheke, während eine Frau sich an drei Handwärmerm wärmt. Wie gut, dass er die im vergangenen Monat als Zugabe ausgegeben hat; jetzt sieht er stolz, wie sie im Schneesturm tatsächlich als Mini-Rettungsgeräte zum Einsatz kommen. Einige der Gesichter hat er schon länger nicht mehr gesehen; ein Schelm, wer bei diesem Anblick denkt, dass die Versender wohl nicht am nächsten Tag liefern können.
Doch erstmal steuert der Apotheker den Seiteneingang an. Nachdem er ihn mühsam freigeschaufelt hat, muss Steinmeyer-Lang feststellen, dass das Schloss derart vereist ist, dass es kein Reinkommen gibt. Dann hört er ein pochendes, klopfendes Geräusch, dass ihn um die Ecke blicken lässt: Von der anderen Seite hat sich ebenfalls jemand Richtung Apotheke gegraben und versucht gerade über das Kellerfenster einzusteigen – erfolglos: „Entschuldigen Sie bitte“ ruft der Inhaber dem Verdächtigen entgegen, der zwar flüchten will, aber dramatisch ausgleitet: „Ich komme selbst nicht hinein, wie gedenken Sie denn gerade einzubrechen? Sie sind doch Experte!“
Doch als er das Kellerfenster erreicht, ist der Einbrecher bereits in die entgegengesetzte Richtung geflohen, hat aber dabei seinen Kuhfuß verloren. Glücklicherweise war es ihm tatsächlich gelungen, dem Fenster einen Sprung zu verleihen. Im Handumdrehen klopft der Inhaber die Glasscherben aus dem Rahmen, rutscht bäuchlings durch die kleine Luke – und ist drin. Er verbarrikadiert als erstes die gesprungene Fensterscheibe. „Jetzt bin ich tatsächlich in meine eigene Apotheke eingebrochen“, murmelt er zu sich selbst.
Drinnen erwartet ihn eine ganze Batterie von Problemen: Die Notdienstklappe ist vereist, der Strom ist natürlich ausgefallen und auch die Heizung springt nicht an. Mit Stirnlampe und dem Bunsenbrenner aus dem Labor versucht der Apotheker zumindest die vereiste Notdienstklappe irgendwie zu öffnen, denn: Die automatische Eingangstür, vor der die Kunden mittlerweile um eine brennende Feuertonne gescharrt warten, wird er unter diesen Umständen heute wohl nicht mehr aufbekommen.
Hauptsache der Notdienst startet pünktlich um 8.30 Uhr! Ach Momentchen, da fällt ihm die Dokumentationspflicht wieder ein. Eilig schießt er noch schnell fünf Bilder, die die Situation in der Apotheke einfangen sollen, denn man weiß ja nie, auf welche Ideen die Apothekerkammer wieder kommt. Schließlich entfällt auch in Katastrophensituationen kein Notdienst automatisch.
Eine solche Katastrophe war in dieser Woche der Anschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten, von dem auch Apotheken betroffen waren. Eine davon war die Dorotheen-Apotheke von Dr. Petra Schneider. „Kein Strom, kein Internet. Wir konnten die Patientinnen und Patienten nur über die Notdienstklappe bedienen, weil sich die elektrischen Türen nicht öffnen ließen“, berichtete sie.
Was durchaus automatisch entfällt ist die Belieferung von abgelaufenen Rezepten. In der Nacht zum Heiligabend wurde Inhaber Bassam Haj Ahmad im Bereitschaftsdienst um 3 Uhr morgens aus dem Bett geklingelt. Als der Kunde dann aber wenige Minuten später an der Notdienstklappe stand, wurde klar: „Es handelte sich um alte Rezepte für zwei Kinder.“
Zwei Apothekenteams berichteten in dieser Woche von hohen Verlusten durch gefälschte Merck-Rechnung. „Es war wirklich kaum zu sehen. Da es unsere erste Bestellung bei Merck war, hatten wir auch keine Vergleichsmöglichkeit“, erklärt Inhaberin Stephanie Harlacher aus der Elisabethen-Apotheke in Leutkirch im Allgäu. Carolin Schleußinger aus der Marien-Apotheke in Roding muss befürchten, dass sie über 25.000 Euro erneut begleichen muss. „Merck hat uns bereits zweimal dazu aufgefordert, das Geld zu bezahlen.“ Der Konzern versucht sich noch aus der Affäre zu reden, die Apotheken seien selbst Angriff von Hackern geworden. Klingt nicht sehr plausibel…
In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende!
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