Höhere Vergütung

„Lieber keinen Notdienst als das Geld“

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Berlin -

Kommt die Apothekenreform, könnte sich künftig auch der Notdienst mehr lohnen – fast die doppelte Vergütung ist hierfür vorgesehen. Wie Thomas Müller, Abteilungseiter im Bundesgesundheitsministerium (BMG), kürzlich beim APOTHEKE LIVE sagte, werde der Notdienst damit sozusagen „vergoldet“. Doch bringt das den Apotheken etwas, wenn sie aufgrund von Umstrukturierungen seitens der Kammer seltener Dienst haben? Ein Inhaber auf dem Land sagt klar: „Man könnte mir auch 10.000 Euro geben, aber ich muss immer noch hier sitzen.“

„Lieber keinen Notdienst als das Geld“, sagt Inhaber Peter Schmieder. Er betreibt im 1400-Einwohner-Dorf Golzow in der Nähe von Brandenburg an der Havel eine kleine Landapotheke und sieht den Anpassungen beim Apothekennotdienst „vorsichtig optimistisch“ entgegen. „Denn die Belastung wird immer höher“, sagt er.

Notdienst bleibt persönliche Belastung

Wie das neue Modellprojekt in der Praxis laufe, werde sich jetzt zeigen. Für ihn, der als einziger Apotheker in seinem Betrieb immer den Notdienst machen müsse, sei die geringere Notdienstfrequenz gut. „Man konnte ja keine 14 Tage Urlaub machen.“ Jetzt wird aus dem bisherigen 13er-Turnus ein 20-tägiger. Teilnotdienste seien nicht geplant.

Dass mit der geplanten Apothekenreform der Notdienst sozusagen „vergoldet“ werde, er durch die Umstellung aber wiederum weniger Notdienste machen wird, störe Schmieder nicht. „Mich macht das nicht arm und nicht reich“, meint er. Natürlich gehöre der Notdienst zum Berufsbild dazu, trotzdem sei und bleibe er eine persönliche Belastung. „Und selbst wenn du einen Approbierten hast, dann willst du den nicht verbrennen. Trotzdem sind wir nicht irgendwelche Maschinen, nur weil wir selbstständig sind.“

Umfrage zeigt reinen Wochenendbedarf

Ja, „die Leute müssen weiter fahren“ – das weiß auch er. Um den Turnus derartig auszudehnen, mussten die bisherigen Notdienstkreise aufgeweicht werden. Für Schmieders Kund:innen könne das im schlimmsten Fall auch eine Autofahrt von 30 Minuten quer durch die Region bedeuten.

Doch wie oft dies vorkommen werde und die Menschen in der Region überhaupt beeinträchtige, sei ohnehin fraglich. Wie eine Umfrage der Landesapothekerkammer (LAK) ergeben habe, sei der Bedarf für den Notdienst eigentlich nur am Wochenende da. „In der Woche kommt keiner“, weiß auch Schmieder. Wie die Leute mit den längeren Wegen umgehen werden, müsse sich zeigen. Grundsätzlich erlebe er seine Kundschaft aber als verständnisvoll.

Notdienst am Krankenhaus?

Der Inhaber plädiert zudem für ein anderes System, das mit der Notfallreform diskutiert wird, bei der Standesvertretung aber keine Freunde findet: den Notdienst am Krankenhaus anzusiedeln. „Das ist doch viel praxisnäher, als die Leute hier durch die Gegend fahren zu lassen.“ So kämen die Patient:innen häufig aus der Notaufnahme mit einem Rezept und müssten sich erst die nächste Notdienst habende Apotheke suchen. „Aus Patientensicht bringt das nichts.“

Daher findet Schmieder die angedachten Integrierten Notfallzentren (INZ) gar nicht so verkehrt. Statt sich gegen solche Ideen zu sperren, wäre der Kampf an anderen Stellen viel wichtiger: „Man sollte lieber mal beim Versandhandel ansetzen, damit es gleich lange Spieße gibt.“ Damit wäre den Apotheken vor Ort viel mehr geholfen.

Modellprojekt startete zum 1. März

Neu sind die Pläne für das jetzt kommende Notdienstprojekt nicht, so der Inhaber. Das Vorhaben sei bereits unter der früheren Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) angestoßen worden und hätte auch schon zum 1. Januar dieses Jahres starten sollen. Etwa seit der Jahrtausendwende habe man den Rhythmus nicht mehr angepasst.

Dass die Umsetzung nun doch jetzt noch plötzlich kommt, habe manche Kolleg:innen vor Herausforderungen gestellt. „Die Urlaube waren schon geplant teilweise. Einige Kollegen müssen jetzt schieben“, so Schmieder. Auch er habe einer Kollegin im Kreis geholfen, die ihren Urlaub bereits geplant hatte. Der Dienst werde nun getauscht.

Erst Anfang Februar informierte die LAK über die Neuorganisation. Die Neuregelung läuft zunächst bis zum 31. Dezember als Modellprojekt. So sollten die flächendeckende Arzneimittelversorgung in Brandenburg langfristig sichergestellt und die vorhandenen personellen Ressourcen effizienter genutzt werden, heißt es von der Kammer.

„Gerechtere Verteilung“

„Wir reagieren mit dieser Neuorganisation verantwortungsvoll auf die veränderte Apothekenlandschaft in Brandenburg. Allein seit Beginn 2022 haben im Land Brandenburg 47 Apotheken geschlossen und 11 Orte haben bereits ihre einzige Apotheke verloren“, so Kammerpräsident Jens Dobbert. „Unser Anspruch ist es, Versorgungssicherheit und Belastbarkeit der Apotheken gleichermaßen im Blick zu behalten. Der 20-Tage-Rhythmus schafft eine gerechtere Verteilung der Dienste und entlastet viele Apothekenteams spürbar.“

Die Neuorganisation sei keine Einschränkung, sondern eine notwendige Strukturreform, erklärt Dobbert. Dies gelte auch dann, wenn sich für die Patient:innen spürbar längere Wege ergeben könnten. Doch eine Anpassung an veränderte Gegebenheiten sei unumgänglich gewesen. Die nun kommende Neuorganisation „verbindet Entlastung für die Apothekenteams mit einer stabilen Arzneimittelversorgung für die Bevölkerung – modern, gerecht und nachhaltig“.

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