Die Kassen haben massiv von der Unterfinanzierung der Apotheken profitiert – zu diesem Schluss kommt ein neues Gutachten im Auftrag der Freien Apothekerschaft (FA). Sowohl die ausbleibende Anpassung des Honorars als auch die Verpflichtung zum Apothekenabschlag führten zu Einsparungen in Milliardenhöhe.
„Infolge der ausbleibenden zumindest inflationsgerechten Anpassung des Apothekenhonorars profitieren die Krankenkassen somit nicht nur vom Apothekenabschlag, sondern zusätzlich von einem langfristigen ‚Unterfinanzierungseffekt‘ der Apotheken“, schreiben die Autoren Professor Dr. Andreas Kaapke und Nina Kleber-Herbel. Dabei haben sich die Autoren in ihrer Analyse auf zwei Aspekte konzentriert: Zum einen schätzten sie die Einsparungen zugunsten der GKV wegen der ausbleibenden Honoraranpassung und summierten den geleisteten Abschlag auf. Insgesamt hat die Apothekerschaft den Kassen zwischen 2004 und 2024 dadurch demnach rund 50 Milliarden Euro erspart.
Um zu errechnen, wie viel die Kassen durch die ausbleibende Fixumsanpassung tatsächlich in den vergangenen zwei Jahrzehnten sparen konnten, haben die Autoren ermittelt, welche Ausgaben die Finanzierung des Apothekenfixums tatsächlich verursacht hat und wie hoch die Kosten im Falle eines inflationsgerechten Fixums hätten sein müssen. Insgesamt kommen die Autoren bei ihrer Berechnung auf eine Differenz von rund 21 Milliarden Euro.
Mit Blick auf die im Koalitionsvertrag versprochene Fixumserhöhung auf 9,50 Euro bemerken die Autoren: „Gemäß dieser Hochrechnung würde es also rund 23 Jahre dauern, bis die über die Jahre aufgelaufenen Kosteneinsparungen der Krankenkassen infolge der ausgebliebenen inflationsgerechten Anpassung des apothekerlichen Fixhonorars ausgeglichen wären.“
Aber die Apotheken haben nicht nur keine Honoraranpassung erhalten, sondern auch Zahlungen in Form von Abschlägen an die GKV geleistet. Laut dem Gutachten summieren sich die Apothekenabschläge von 2004 bis 2024 auf noch einmal rund 29 Milliarden Euro.
„Während die Betriebskosten und der bürokratische Aufwand explodieren, wurde das Honorar der Apotheken real entwertet. Dass die Kassen mit diesem Geld unter anderem Werbung und Lifestyle-Maßnahmen finanzieren, ist ein Schlag ins Gesicht jedes Apothekers“, kritisiert Daniela Hänel, Vorsitzende der Freien Apothekerschaft.
Die FA verweist zudem auf aktuelle Analysen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, nach denen die GKV massiv durch „versicherungsfremde Leistungen“ belastet werde.
„Es ist ein politisches Paradoxon: Man verweigert den Apotheken eine inflationsgerechte Entlohnung mit Verweis auf klamme Kassen, während gleichzeitig Milliarden an Beitragsgeldern für staatliche Aufgaben zweckentfremdet werden“, kritisiert Hänel. Würde der Bund diese versicherungsfremden Leistungen aus Steuermitteln ausgleichen, gäbe es mehr als genug Spielraum für die überfällige Honoraranpassung der Apotheken.
Trotz der prekären wirtschaftlichen Lage hatte Gesundheitsministerin Nina Warken auf dem Deutschen Apothekertag (DAT) im vergangenen September der im Koalitionsvertrag versprochenen Fixumserhöhung auf 9,50 Euro zunächst eine Absage erteilt. „Während für die ärztliche Vergütung Verbesserungen in Aussicht gestellt wurden, bleibt die Apothekenbranche ohne wirtschaftliche Perspektive“, kritisiert die FA. Mittlerweile hat Warken mehrfach zugesagt, die Fixumserhöhung solle im Frühjahr per Verordnung folgen; einen festen Termin gibt es aber Stand jetzt nicht.
Auch Hänel bemängelt, dass die versprochenen 9,50 Euro bereits vor elf Monaten als Notmaßnahme gedacht gewesen seien und heute durch die Inflation wieder entwertet wären. „Wenn die Politik weiterhin jährlich drei Milliarden Euro aus dem System presst, nimmt sie das Sterben der wohnortnahen Arzneimittelversorgung fahrlässig in Kauf. Das ist politisch unverantwortlich.“
Die FA fordert die sofortige Umsetzung der Honorarerhöhung auf mindestens 9,50 Euro, einen transparenten, dynamischen Anpassungsmechanismus, um künftige Inflationsschübe abzufangen und ein Ende der Belastung durch den Apothekenabschlag.
APOTHEKE ADHOC Debatte