Protestbriefe an BfArM und Lauterbach

Fiebersäfte: Apothekerin fordert Vorfahrt für Vor-Ort-Apotheken

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Berlin -

Während die Apotheken mit Lieferengpässen an allen Fronten kämpfen, scheint die Welt anderswo noch in Ordnung. Hersteller rühren unbeeindruckt von den eigenen Defekten die Werbetrommel, und die Vorräte bei den Versendern scheinen teils unerschöpflich zu sein. Apothekerin Daniela Hänel hat jetzt einen Protestbrief geschrieben. Und sie ist nicht die einzige Kollegin, die ihrem Ärger Luft macht.

Die Lieferengpässe sind auch in Hänels Linda Apotheke in der Nordvorstadt in Zwickau eine massive Belastung: „Ich komme früh eine Stunde vor dem Öffnen der Apotheke und bleibe länger, um Defekte zu prüfen. Selbst im Notdienst verbringe ich nachts Zeit am PC, um nach verfügbaren Kinderarzneimitteln zu suchen.“ Pharma Mall habe sie faktisch dauerhaft geöffnet, um plötzliche Verfügbarkeiten nicht zu verpassen. Gestern habe sie um 21.37 Uhr plötzlich in der EDV grüne Haken bei Antibiotika entdeckt und sofort bestellt – ohne Rabatt, weil es bei ihrem Defektlieferanten war. „Das ist doch krank.“

Dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Apotheken aufgefordert hat, maximal einen Wochenbedarf an Fiebersäften zu bevorraten, schlägt aus ihrer Sicht dem Fass den Boden aus: „Sie machen es sich zu einfach, uns den Schwarzen Peter zuzuschieben und zu behaupten, wir Vor-Ort-Apo würden hamstern! NEIN! Machen wir eben nicht, wir versuchen die Arzneimittelversorgung in Deutschland noch irgendwie aufrechtzuerhalten unter massiv erschwerten Bedingungen“, machte Hänel gestern in einer E-Mail an die Behörde ihrem Ärger Luft. „Es gibt nichts – und hinzu kommt ein überdurchschnittlicher Krankenstand, insbesondere bei Kindern.“

Vor-Ort-Apotheken zuerst beliefern

Dabei hat Hänel, die auch Vorsitzende der Freien Apothekerschaft (FA) ist, eine Idee, wie die Versorgungsengpässe in den Apotheken zumindest abgemildert werden könnten: „Ich fordere, im Namen der kompletten Kollegenschaft selbständiger Apothekerinnen und Apotheker, sowohl von Ihnen, der Bundesregierung und der pharmazeutischen Industrie, dass die Vor-Ort-Apotheken bevorzugt beliefert werden als investorfinanzierte Versandlogistiker. Schon allein aus dem Grund, dass wir die dringend benötigten Arzneimittel, wegen der flächendeckenden Versorgung im NOTDIENST für die Akutfälle benötigen.“

Laut Hänel lässt sich ein solcher Eingriff durchaus rechtfertigen: „Es kann nicht sein, dass wir Apotheken in Deutschland keine Ware oder unter erschwerten Bedingungen, rationiert, mit wochenlanger Vorbestellung bekommen, aber die Versender hinter der deutschen Grenze lieferfähig sind. Diese übernehmen keinen Nacht- und Notdienst, keine Akutversorgung nach 19 Uhr oder zum Samstagnachmittag, keine Beratung von Erkrankten beziehungsweise der Erziehungsberechtigten inklusive alternative Möglichkeiten zur Linderung der Symptome bei den Patienten.“

Die Empfehlung des BfArM-Beirats für Lieferengpässe, die Versorgung durch Rezepturen zu sichern, geht ihrer Meinung nach ebenfalls ins Leere: „Selbst die Herstellung von Schmerz- und Fiebersäften oder Zäpfchen ist nicht umsetzbar, weil es an Arznei-, Hilfsstoffen und Verpackungsmaterial fehlt.“

Im Übrigen sei in §15 Apothekenvetriebsordnung (ApBetro) vorgeschrieben, dass Apotheken den Bedarf an Arzneimitteln, der mindestens dem durchschnittlichen Bedarf für eine Woche entspricht, vorrätig halten. „Diese Vorgabe können wir für ganz viele Arzneistoffe nicht mehr einhalten, gewähren und garantieren.“

Hänel fordert die Arzneimittelbehörtde auf: „Bitte übernehmen Sie Verantwortung gegenüber der Bevölkerung und sorgen dafür, dass zuerst die Vor-Ort-Apotheken in Deutschland beliefert werden müssen.“

Nur noch am Improvisieren

Auch Hubertus Nehring von der Apotheke am Markt in Winsen an der Aller hat wegen der Engpässe einen Protestbrief verfasst und an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geschickt. „Es ist eine Unverschämtheit zu behaupten, es gäbe keine Lieferengpässe und wir Apotheken sollten den Wochenbedarf Ibuprofen-Säfte bestellen.“ Ratiopharm könne seit Monaten nicht liefern und werde vielleicht im Februar liefern können. „Man kann nicht eine Flasche bestellen von keinem der beiden übrigen Hersteller.“

Engpässe gebe es auch bei zahlreichen anderen Präparaten: „Es gibt kein Penicillin mehr, kein Amox/Clav, keine Amoxi-Säfte, kaum noch Paracetamol-Zäpfchen – und sie verbreiten die Mär, dass es keine Versorgungsprobleme gibt. Wir sind hier nur noch am Improvisieren, brauchen für jeden Kunden Ewigkeiten, um ihm zu helfen. Und Sie kümmern sich nicht darum und behaupten das Gegenteil. Sie haben keine Ahnung, was hier los ist. Und dann muss man sich so einen ‚Quatsch‘ aus Ihrem Ministerium anhören. Zur Belohnung haben Sie uns ja auch das Honorar gekürzt. Unglaublich das alles.“

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