ApoRetrO – Der satirische Wochenrückblick

Apotheke vor Ort: Teilzeit ist out

, , Uhr
Berlin -

Ab sofort ist Schluss mit dem „Teilzeit-Luxus“: Weniger als 50 Stunden schuften und Pausezeiten nicht effizient nutzen? Das gehört der Vergangenheit an. Während die Politik noch über Arbeitsmoral debattiert, haben eine Inhaberin und ihre PTA das System längst optimiert. Dank einer Wohnung direkt über der Apotheke fallen Arbeitswege schlicht weg und auch Fieber oder Magen-Darm-Erkrankungen können keine Ausrede mehr sein. In dieser neuen Welt ist Freizeit kein Recht, sondern ein vermeidbares Betriebsrisiko.

An einem gewöhnlichen Samstagmorgen flatterte ein anonymes Rundschreiben zwischen Preisänderungen und Lieferengpassmeldungen direkt in die Faxgeräte der Apotheken: der Pharmazeutische Effizienz- und Lifestyle-Harmonisierungsindex (P.E.L.H.I.). Ohne Absender, aber mit bürokratischer Präzision, transformiert das Papier die politische Debatte um den angeblichen Teilzeit-Luxus in ein knallhartes Kontrollinstrument.

Das Ziel: Die lückenlose Überwachung des persönlichen Arbeitsengagements anhand folgender Kriterien:

  • Über 50h/Woche: Erfüllung der Premium-Engagement-Norm (PEN) – der Goldstandard für totale Betriebshingabe ohne Freizeitbedürfnis.
  • Unter 40h/Woche: Einstufung in die Lifestyle-Pufferzone inklusive obligatorischem Coaching zur Prioritätenkorrektur.
  • Kaffeepause > 10 Minuten: Ein schwerwiegender Anti-Lifestyle-Verstoß, der die Punktzahl ins Bodenlose stürzen lässt.
  • Fehlender Notdienst-Enthusiasmus: Wer während der 24-Stunden-Bereitschaft nicht lächelt, wird als Resilienz-Verweigerer gebrandmarkt.

Faulenzerpausen werden abgeschafft, es gibt nur noch aktive Pausen, in denen beispielsweise beim der Milchpumpenreinigung oder dem Gang ins Warenlager, um 72 Packungen Nasenspray zu holen, tief durchgeatmet werden darf. Die Neusortierung des Kompressionsstrumpflagers nach Größen und Farben wird gerade noch so als aktive Pause akzeptiert. Eigentlich zu entspannend – gemacht werden muss es dennoch.

Work-Life-Fusion ist die Lösung

Der Index versteht Freizeit, Familie und Erholung als individuelles Risiko, das betrieblich zu überwachen ist. Offiziell reagiert das Modell damit auf politische Stimmen, die Teilzeitarbeit als reinen Luxus diffamieren. Dabei ignoriert der P.E.L.H.I. bewusst die Realität der laut Adexa über zwei Drittel der Beschäftigten, die in Teilzeit arbeiten, um Familie, Pflege und Beruf überhaupt vereinbaren zu können.

Auch Inhaberin Isabel Wagner bekam das anonyme Schreiben – und kann über das P.E.L.H.I.-Konzepte nur trocken lachen. „Teilzeit ist doch Schnee von gestern“, kommentiert sie schnippisch. Ihre Angestellte Frau Puffreuther lebt längst, was andere noch regulieren wollen. Sie wohnt über der Apotheke – ein modernes Effizienzprinzip ohne Arbeitsweg, ohne Ausreden bei Schnee, Hitze oder existenzieller Erschöpfung. „Selbst nach einem Dienst bis in den späten Abend hinein, braucht sie doch nur die paar Stufen in ihre Wohnung laufen.“

Überstunden? Was sind Überstunden?

Und überhaupt: Überstunden? Ein Relikt. „Überstunden gibt es nicht. Wer zu Hause ist, arbeitet automatisch,“ sagt Wagner. Krankgeschrieben? Kein Problem. Wer im Bett liegt, kann trotzdem telefonische Bestellungen aufnehmen. „Fieber ist keine Entschuldigung, sondern nur ein Maß für Engagement,“ fügt die Inhaberin hinzu. „Dr. Holiday kann zumachen.“ Selbst mit Magen-Darm könne sie immerhin noch die Rückrufe der AMK-Nachrichten bearbeiten.

Die Verschmelzung von Arbeit, Leben und allem Dazwischen ist konsequent. Wasserbad und Spülmaschine werden mit dem Labor geteilt, jedwede Trennung gilt als ineffizient. Da die Waschmaschine im Keller steht, kann Frau Puffreuther auf dem Weg die Apothekenwäsche gleich mitnehmen. „Ich trage nur noch weiß, das steigert unsere Effizienz“, kommentiert die PTA und schnappt sich für den Weg nach oben gleich noch ein paar Traubenzucker für die Schütte im HV.

„Teilzeit braucht kein Mensch“

Ein Notdienstzimmer? Überflüssig. Warum eine Pritsche unten aufstellen, wenn man die Couch in der Wohnung der PTA nutzen kann? „Kniffeln kann man ohnehin besser zu zweit“, so Wagner. Wer über der Apotheke wohnt, kann Arbeits- und Privatleben nahtlos verbinden: Lieferungen prüfen, Kundengespräche vorbereiten, Bestellungen koordinieren – alles ohne Unterbrechung durch Wegzeiten oder Pausen. „Wenn ich überlege, wie viel Zeit ich damals liegengelassen habe“, kommentiert Puffreuther sich fassungslos selbst.

Teilzeit? Überflüssig. „Teilzeit braucht kein Mensch,“ betont Wagner. „Wer Teilzeit will, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Auch mal sonntags aufschließen? Keine Pflicht, nur Haltung. „Meine PTA ist doch ohnehin da.“ Das hier ist nicht Arbeit. Das hier ist Work-Life-Fusion: ein durchdachtes, fließendes System, das Isabel Wagner und Frau Puffreuther längst perfektioniert haben – der Index könnte sie höchstens noch aufholen.

Pantazis, AEP, Salbutamol

Tatsächlich fordert der Wirtschaftsflügel der CDU die Abschaffung des gesetzlichen Anspruchs auf Teilzeit für Apothekenteams – die Adexa schlägt Alarm. Bei den Apothekenteams stehe die Work-Life-Balance nicht immer im Vordergrund und Teilzeitarbeit sei kein freiwilliges „Lifestyle-Modell“. Im Gegenteil.

In dieser Woche hat außerdem SPD-Gesundheitssprecher Christos Pantazis mit seinen Aussagen bei einem von DocMorris gesponsorten Panel beim Kongress des Bundesverbands Managed Care (BMC) für Entrüstung gesorgt. Zahlreiche Apotheker:innen lassen ihrem Ärger über die Position seiner Partei zum Thema Versandhandel öffentlich und im direkten Kontakt mit seinem Büro freien Lauf. Pantazis selbst fühlte sich falsch wiedergegeben und versucht, die Sache mit einigen allgemeineren Aussagen klarzustellen.

Der Großhändler AEP ist verkauft. The Platform Group (TPG) übernimmt das Unternehmen mit Sitz in Alzenau. Neben der Österreichischen Post als Mehrheitsgesellschafterin haben auch die anderen Anteilseigner ihre Beteiligungen abgegeben. Der Kaufpreis ist nicht bekannt.

Auch nach dem Auslaufen der AOK-Rabattverträge für Salbutamol-Dosieraerosole übernimmt die Kasse bei Lieferengpässen weiterhin die Mehrkosten über dem Festbetrag. Eine entsprechende Ausnahmeregelung der AOK sichert diese Übernahme über den Februar hinaus ab.

In diesem Sinne: Schönes Wochenende!

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Lesen Sie auch
Mehr zum Thema
Sachsens Linke fordert sofortiges Handeln
Apothekensterben: „Unverzüglich zu Potte kommen“
Mehr aus Ressort
Regierungspräsidium scheitert vor Gericht
Klinikapotheke: Kommissionierer ohne Endkontrolle

APOTHEKE ADHOC Debatte