Wird der „Notdienst“ durch die Verdoppelung der Notdienstpauschale tatsächlich „vergoldet“? In vielen Kammerbezirken wird die Anzahl der Notdienste derzeit eher weniger als mehr – ob also in der Fläche profitiert werden kann, ist fraglich. Anders sieht es hingegen dort aus, wo das Netz an Notdienstapotheken kaum dünner werden kann: Zwei Apotheken teilen sich auf der Nordseeinsel Föhr alle 365 Tage im Jahr. Die mögliche höhere Pauschale wird hier unterschiedlich aufgenommen – kostendeckend sei aber auch die Verdoppelung nicht.
Bis zum vergangenen Jahr gab es auf Föhr noch drei Apotheken, doch Inhaber Thorsten Knoke gab seine Apotheke auf und wurde Angestellter bei Kollegin Rebekka Lehmann. Die Notdienste werden hier nun also 50:50 zwischen der Hafen-Apotheke von Lehmann und der Insel-Apotheke Föhr von Christian Daegel aufgeteilt.
Knoke findet es gut, dass die Notdienstpauschale erhöht werden soll – das Geld werde aber auch gebraucht: „Das ist ein wichtiger Beitrag, um die Versorgung irgendwie aufrechtzuerhalten. Wir brauchen entsprechendes Personal und das ist teuer.“ Schließlich garantiere man mit den Diensten nicht nur die Versorgung der Menschen vor Ort, sondern auch die vieler Touristen.
Zwar seien die Notdienste in der Hafen-Apotheke gut zu verteilen: Vier Approbierte gibt es hier, die die etwa 180 Dienste stemmen, teilweise könnten so auch Nächte und Tage aufgespalten werden. „In vielen Apotheken, besonders auf dem Festland, ist es der Inhaber als einziger Approbierter, der den Notdienst machen muss“, gibt Knoke zu bedenken.
Doch Inhaberin Lehmann muss die drei Kolleg:innen für ihre Notdienste natürlich auch entsprechend bezahlen. Die Erhöhung der Pauschale werde somit auch ein Stückweit weitergegeben. Zudem weiß Knoke: „Das ist immer noch nicht kostendeckend.“ Zuletzt wurden 535 Euro pro Notdienst gezahlt, eine Verdoppelung brächte also 1070 Euro. Aber auch Geräte und Strom müssten bezahlt werden „und der Kollege sitzt da, auch wenn keine Kund:innen kommen“.
Dr. Sebastian Schwintek, Generalbevollmächtigter der Treuhand Hannover, rechnete im vergangenen Jahr nach Bekanntwerden der Reformpläne bereits durch: Aktuell gebe es Einnahmen von 871 Euro – 270 Euro durch Warenverkauf, 45 Euro durch die Notdienstgebühr und bis zu 556 Euro durch Notdienstpauschale. Dem stünden Kosten in Höhe von 1124 Euro gegenüber, davon 888 Euro für Personal. Unter dem Strich stehe also ein Verlust von 253 Euro.
Nach der Reform könnte die Notdienstpauschale auf 1112 Euro steigen, sodass bei gleich bleibenden sonstigen Einnahmen und leicht steigenden Kosten ein Plus von 227 Euro übrig bleibe. „Aber das ist auch nichts, wofür man sich die Nacht um die Ohren schlagen will“, so Schwintek. Und der 24-stündige Notdienst bleibe weiter defizitär, auch wenn sich der Verlust von 957 auf 511 Euro halbiere.
Daegel hat in seiner Insel-Apotheke noch gar nichts mitbekommen von den Plänen aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG). Er stellt jedoch grundsätzlich beim Notdienst die persönliche Verpflichtung in den Vordergrund – egal bei welcher Vergütung: „Man ist angespannt und eingespannt. Letztens war ein Treffen mit Freunden, da konnte ich dann nicht hin.“
Klar gehöre der Dienst zum Job dazu, doch privat stoße man immer wieder an Grenzen. „Lieber wäre ich weniger eingespannt als das Geld zu bekommen. Der Notdienst nimmt Freiheit, das muss jeder sich überlegen, ob er das will.“ Die Planung sei immer schwierig, der Tausch mit nur einer möglichen Alternative auch – spontane Urlaube gingen nicht einfach, wie jetzt, da seine Tochter Mutter werde.
Hinzu komme bei ihm sein Alter: „Ich bin jetzt 63. Ich kann jederzeit abgeben“, so Daegel. Die Notdienstlage auf der Insel werde sich dadurch aber wohl nicht ändern: Auch wenn es hier zwar nicht so viele Approbierte gebe, ist er zuversichtlich, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu finden. Diese Aussicht erleichtert den Blick in die Zukunft: „Ich muss nicht unbedingt weitermachen. Das ist ein total tolles Gefühl.“ Mit Blick auf eine verdoppelte Notdienstpauschale komme er aber tatsächlich ins Rechnen, ob er nicht doch noch etwas länger macht.