Wo die Versorgung von Frauen heute scheitert

Menopause ist nicht gleich Klimakterium

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Berlin -

Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungstiefs – und dazu der Satz: „Da muss man halt durch“. Viele Frauen ab Mitte 40 erleben, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen oder gar nicht erst den Wechseljahren zugeordnet werden. Für Apothekenteams lohnt sich der genaue Blick: Wer die Phasen sauber unterscheidet, berät gezielter und erkennt, wann die gynäkologische Praxis gefragt ist.

Schätzungen zufolge befinden sich rund neun Millionen Frauen in Deutschland in der Peri- oder Postmenopause. Allein in der Altersgruppe von 47 bis 54 Jahren, in der die meisten Frauen ihre letzte Regelblutung erleben, waren es 2024 rund 4,1 Millionen. Die Mehrheit berichtet über Beschwerden, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. So steht es in der S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen“, die derzeit aktualisiert wird.

Trotzdem bleiben viele Frauen ohne Hilfe. Ein Grund: Die ersten Symptome treten auf, wenn die Periode noch kommt. Schlafstörungen, innere Unruhe oder Gelenkschmerzen bringen dann weder die Frauen selbst noch die Behandelnden mit den Hormonen in Verbindung. Dazu kommen Scham, das Stigma des Älterwerdens und die nachwirkende Angst vor Hormonen.

Auch die Strukturen tragen dazu bei. Die Apothekerkammer Berlin verweist in ihrem Antrag zum Deutschen Apothekertag auf lange Wartezeiten für gynäkologische Termine und knappe Beratungszeit in den Praxen. Die Leitliniengruppe der S3-Leitlinie spricht selbst von Wissens- und Kompetenzlücken. Die Zahl der Empfehlungen und Statements stieg von 42 auf 102, ein eigenes Kapitel zur Perimenopause kam neu hinzu.

Die Folge ist eine Selbstmedikation, die nur einzelne Symptome behandelt: hier ein Schlafmittel, dort ein Blasentee, zum dritten Mal ein Vaginalantimykotikum. Diese Muster sieht die Apotheke früher als jede Praxis. Wer sie erkennt und behutsam nachfragt, gibt den Beschwerden oft zum ersten Mal einen Namen.

Von der Prä- zur Postmenopause

Die Begriffe rund um die Wechseljahre werden im Alltag oft vermischt. Für die Beratung lohnt die saubere Trennung, denn jede Phase hat ihre eigene Hormonlage und damit ihr eigenes Beschwerdebild.

  • Die Prämenopause ist die fruchtbare Phase von der ersten Regelblutung bis zum Beginn des Übergangs. Der Zyklus ist meist regelmäßig, Östrogen und Progesteron sind im Gleichgewicht. Östrogen baut in der ersten Zyklushälfte die Gebärmutterschleimhaut auf. Progesteron stabilisiert sie durch Umbauprozesse nach dem Eisprung und wirkt beruhigend und schlaffördernd. Gegen Ende dieser Phase, also mit Ende 30 oder Anfang 40, können erste hormonelle Umstellungen bereits einsetzen.
  • Es folgt die Perimenopause, meist ab Mitte 40. Sie macht sich meist durch anhaltende Zyklusveränderungen bemerkbar und endet zwölf Monate nach der letzten Blutung. In der frühen Phase schwankt die Zykluslänge um sieben Tage und mehr. Zuerst sinkt das Progesteron, während das Östradiol stark schwankt. Typisch sind Schlafstörungen, innere Unruhe, Brustspannen und veränderte Blutungen. In der späten Perimenopause liegen mehr als 60 Tage zwischen den Blutungen. Jetzt macht sich zunehmend der Östrogenmangel bemerkbar, vor allem mit anhaltenden Hitzewallungen und Schweißausbrüchen.
  • Die Menopause selbst ist kein Zeitraum, sondern ein Zeitpunkt: die letzte Regelblutung. Sie lässt sich nur rückblickend feststellen, wenn zwölf Monate lang keine vom Eierstock gesteuerte Blutung mehr aufgetreten ist. Das ist im Durchschnitt mit 51 Jahren der Fall.
  • Zwölf Monate nach der letzten Blutung beginnt die Postmenopause. Sie hält lebenslang an, Östradiol und Progesteron bleiben dauerhaft niedrig. Zu den Hitzewallungen kommen nun häufiger Scheidentrockenheit, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Harndrang und wiederkehrende Harnwegsinfekte. Anders als Hitzewallungen bessern sich diese Beschwerden nicht mit der Zeit – unbehandelt nehmen sie sogar zu.

Klimakterium ist der Fachbegriff für die Wechseljahre, also für den Übergang als Ganzes. Laut Leitlinie wird die Perimenopause häufig auch so bezeichnet. Menopause und Klimakterium sind demnach nicht dasselbe: Das eine ist ein Tag im Kalender, das andere ein Prozess über Jahre.

Die Rolle der Apotheke

Für die Apotheke ist diese Abfolge mehr als Theorie. Je nach Phase und fehlendem Hormon zeigen sich unterschiedliche Symptome. Wer die Beschwerden einer Kundin der richtigen Phase zuordnet, kann gezielt beraten und passend empfehlen. Der Satz „Ich habe ja noch meine Periode“ schließt Wechseljahresbeschwerden dabei nicht aus. Laborwerte braucht es in der Regel nicht, die Behandlung richtet sich nach den Symptomen.

Deshalb ist die Menopause Rating Scale (MRS II) ein wertvolles und aussagekräftiges Instrument. Der Bogen fragt elf Symptomkategorien nach ihrer Stärke ab und erfasst so Beschwerden und Leidensdruck strukturiert. Apothekenteams können den Bogen für ihre Kundinnen bereithalten – zum Ausfüllen in Ruhe zu Hause oder gleich gemeinsam im Beratungsgespräch.

Genau hier leistet die Apotheke einen wertvollen Beitrag: Mit dem ausgefüllten Bogen geht die Frau gut vorbereitet ins Arztgespräch. Das zählt umso mehr, als es für die Wechseljahresberatung in gynäkologischen Praxen bislang keine eigene Abrechnungsziffer gibt und die Zeit dort knapp ist. Die Vorarbeit der Apotheke trägt dazu bei, dass Frauen schneller die passende Hilfe bekommen.

Ausnahmezustand Perimenopause: die relative Östrogendominanz

Weil die Eizellreserven zur Neige gehen und die Eisprünge seltener werden, fehlt in der frühen Perimenopause zuerst das Progesteron. Das Östradiol schwankt dagegen stark und liegt zeitweise sogar höher als früher. Der Grund: Mit mehr FSH treibt der Körper die Eierstöcke noch einmal an, aus der schwindenden Reserve Eizellen heranreifen zu lassen. Dieses Ungleichgewicht heißt relative Östrogendominanz: Es liegt nicht zwingend zu viel Östrogen vor, es fehlt der Gegenspieler. Eine Frau Mitte 40 mit Brustspannen, Wassereinlagerungen und stärkeren Blutungen hat also keinen klassischen Östrogenmangel. Sehr starke oder verlängerte Blutungen gehören ärztlich abgeklärt. Die stark schwankenden Hormonspiegel können einen hohen Leidensdruck verursachen, und die Therapie ist in dieser Phase nicht immer einfach.

Durchhalten ist keine Therapie

„Da muss man halt durch“ unterschätzt die Dauer: Setzen Hitzewallungen früh ein, halten sie laut Leitlinie im Median mehr als 11,8 Jahre an. Die Lebensqualität ist nachweislich reduziert, das Risiko für depressive Verstimmung und Angst fast verdoppelt. In der MenoSupport-Befragung der HWR Berlin hatte etwa ein Viertel der Frauen deshalb ihre Arbeitsstunden reduziert. Gute Begleitung lindert diese Beschwerden und behält zugleich die Langzeitfolgen des Östrogenmangels für Knochen, Herz und Stoffwechsel im Blick.

Praxis und Apotheke im interprofessionellen Tandem

Gynäkologische Praxis und Apotheke ergänzen sich gezielt. Die Praxis stellt die Diagnose und entscheidet über die Therapie. Die Apotheke ist ohne Termin erreichbar, bereitet das Arztgespräch vor, begleitet die Therapie bei Anwendung und Nebenwirkungen und erkennt, wann eine Frau in die Praxis gehört. Für die Frauen ist der Mehrwert groß: Sie finden früher Hilfe, gehen vorbereitet ins Arztgespräch und bleiben mit ihrer Therapie nicht allein.

Ärztlich abzuklären sind Blutungen in der Postmenopause, Beschwerden vor dem 40. Lebensjahr und ausgeprägte depressive Symptome. Ein guter Kontakt zu den Praxen im Umfeld und abgestimmte Verweiskriterien stärken die interprofessionelle Zusammenarbeit. Die Patientin erhält so eine durchgehende Betreuung und Beratung, vom ersten Gespräch bis zur laufenden Therapie.

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