Mail an Piechotta

„Was haben die Apotheken Ihnen angetan?“

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Berlin -

„Die großen Apotheken werden immer größer und reicher und die kleinen werden immer stärker an die Grenze der wirtschaftlichen Tragfähigkeit gebracht“, das hatte die Grünen-Gesundheitspolitikerin Paula Piechotta vergangenen Freitag in ihrer Rede zur ersten Lesung des Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetzes (ApoVWG) erklärt. Ihre klare Botschaft lautete, dass eine pauschale Erhöhung des Packungsfixums angesichts vieler großer, umsatzstarker Apotheken unsolidarisch sei. Es war nicht das erste Mal, dass die Abgeordnete mit ihren Aussagen bei der Apothekerschaft negativ auffiel. Ein Apotheker wendet sich nun direkt an die Abgeordnete.

Mit Bestürzung haben der Inhaber der Apotheke an der Post in Wermelskirchen, Zafer Arslan, und sein Team am vergangenen Freitag die Debatte im Bundestag verfolgt. Verärgert haben den Apotheker vor allem die Äußerungen der Grünen-Politikerin Piechotta – deshalb wendet sich das Team in einer E-Mail an die Abgeordnete. Eine Antwort steht bisher noch aus.

„Wir möchten Sie ernsthaft fragen, woher Ihre deutliche Ablehnung gegenüber den Vor-Ort-Apotheken rührt. Was haben die Apotheken vor Ort Ihnen angetan? Worin genau sehen Sie das Problem bei deutschen Apotheken? Ist Ihr Ziel beziehungsweise Wunsch, dass inhabergeführte Apotheken perspektivisch vom Markt verschwinden und die Versorgung stattdessen über Großkonzerne oder ausländische Versandapotheken organisiert wird? Warum haben Sie ein Problem damit, dass die Apothekenvergütung nach Jahrzehnten erstmals an die Inflationsentwicklung angepasst werden soll?“, fragt Arslan.

Die Politikerin habe in ihrer Rede ausgeführt, dass eine Erhöhung der Krankenkassenbeiträge infolge einer Honoraranpassung für Apotheken einem Lieferdienstfahrer oder einer alleinerziehenden Mutter mit einem Bruttoeinkommen von 2.500 Euro nicht zu erklären sei.

Vor diesem Hintergrund stellt sich für das Team der Apotheke an der Post die Frage, weshalb es bei Honorarerhöhungen anderer Akteure im Gesundheitswesen offenbar weniger grundsätzliche Bedenken gibt. Allein in den letzten zwei Jahren sei es im ärztlichen Bereich zu deutlichen Steigerungen gekommen: Nach einer Anhebung um 3,85 Prozent – ein Plus von rund 1,7 Milliarden Euro – im Jahr 2025 folgten nun für 2026 weitere 2,8 Prozent, was zusätzlichen 1,3 Milliarden Euro entspreche. „Die Honoraranpassungen für Ärztinnen und Ärzte erfolgen regelmäßig und nahezu automatisch. Eine vergleichbar deutliche und energische Kritik, wie wir sie heute von Ihnen gegenüber den Apotheken gehört haben, ist uns in diesem Zusammenhang nicht in Erinnerung“, kritisiert der Apotheker.

Ebenso stelle sich die Frage, wie man einem Lieferdienstfahrer erkläre, dass die Bezüge von Bundestagsabgeordneten in den vergangenen Jahren ebenfalls mehrfach deutlich gestiegen sind. Berichten zufolge erhöhen sich die steuerpflichtigen Abgeordnetenbezüge ab Jahresmitte von 11.833,47 Euro auf rund 12.330 Euro monatlich. Bereits 2023 seien die Diäten um 6 Prozent, 2024 um 5,4 Prozent und in diesem Jahr um weitere 4,2 Prozent gestiegen.

„Wir möchten ausdrücklich betonen: Es geht uns nicht darum, Berufsgruppen gegeneinander auszuspielen. Es geht uns um Fairness, Gleichbehandlung und die Anerkennung unserer Leistungen“, betont der Apotheker. Vor-Ort-Apotheken sicherten die Arzneimittelversorgung, beraten persönlich, übernehmen Nacht- sowie Notdienste und tragen ein unternehmerisches Risiko – „ohne automatische Anpassungsmechanismen, ohne Inflationsausgleich und unter stetig wachsendem wirtschaftlichem Druck“.

Viele Apotheken würden inzwischen ums Überleben kämpfen. „Die wirtschaftliche Realität hat mit den häufig vermittelten Bildern wenig zu tun. Wir wünschen uns daher eine sachliche, respektvolle Diskussion auf Grundlage von Fakten – und keine pauschale Abwertung eines ganzen Berufsstandes.“

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