Wie ernst meint es das Bundesgesundheitsministerium (BMG) mit der Temperaturkontrolle im Versandhandel? Während Abda und der Großhandelsverband Phagro dazu bislang nur im Rahmen der Anhörung Stellung nehmen konnten, gab es kurz vor Ostern ein exklusives Treffen mit Vertretern der Logistikerbranche. Die sprachen sich gegen die geplanten Verschärfungen aus.
Die Versender laufen Sturm gegen die Pläne, eine strengere Temperaturkontrolle im Versandhandel durchzusetzen. Nicht nur in Brüssel machen ihre Verbände mobil, auch in Berlin gibt es seit Wochen zahlreiche Termine mit politischen Entscheidungsträgern. Zuletzt fand auch ein Treffen im BMG statt: Nach Informationen von APOTHEKE ADHOC waren Vertreter des Bundesverbands Paket- und Expresslogistik (BPEX) kurz vor Ostern bei Staatssekretärin Katja Kohfeld zu Gast.
Mit dabei waren demnach Repräsentanten von DHL, Hermes und Trans-o-flex sowie ein Verbandsvertreter. Wie aus einem internen Memo hervorgeht, waren sie zu einer Anhörung bei Kohfeld geladen. „In diesem sehr exklusiven Kreis konnte der BPEX-Vertreter einem (mit Verlaub) höchst branchenfremden Auditorium aufzeigen, wie sensibel die Paketlogistik für die Arzneimittelversorgung ist. Wichtig war den Beteiligten, deutlich zu machen, dass jede weitere Regulierung sowohl für die Bevölkerung als auch für unsere Branche ausschließlich höhere Kosten, aber keinen Mehrwert darstellen würde.“
Dass die Branche den Versendern zur Seite springt, ist kein Zufall. Denn auch die Logistiker sollen zur Einhaltung der Temperaturkontrolle verpflichtet werden. Das würde den Versand aufwendig und vor allem teuer und damit womöglich unattraktiv machen.
DHL versucht parallel auch auf EU-Ebene im Rahmen des Notifizierungsverfahrens das Vorhaben zu stoppen. Die im Rahmen der Apothekenreform geplanten Maßnahmen würden die Art und Weise, wie pharmazeutische Produkte durch „Standard-Paketdienstleister“ zugestellt würden, maßgeblich verändern, so der Konzern in einer Stellungnahme an die EU-Kommission. DHL warnt vor möglichen negativen Auswirkungen auf den Binnenmarkt und den Patientenzugang. Die Kommission solle prüfen, ob der vorgeschlagene Ansatz „verhältnismäßig, praktikabel und mit den Zielen der EU vereinbar“ sei, fordert der Logistiker.
Außerdem brauche es gar keine Verschärfungen, die aktuelle Aufgabenverteilung habe sich bewährt. Versandapotheken würden, bevor sie Arzneimittel versenden, eine Risikobewertung durchführen, die auf den Herstellerangaben und „ihrem pharmazeutischen Fachwissen“ beruhe. Auf dieser Grundlage werde dann ein geeigneter Lieferdienst sowie die Versandart, die effektivste Verpackung und falls nötig zusätzliche passive Kühlelemente ausgewählt. „Standard-Paketdienstleister gewährleisten einen zuverlässigen und effizienten Transport und die Zustellung gemäß den Vorgaben der Versandapotheken, ohne Kenntnis des Sendungsinhalts, wie es die Bestimmungen zum Postgeheimnis vorschreiben“, versichert DHL.
Die nun neu geplanten Verschärfungen würden weitreichende neue Pflichten für Logistiker bedeuten, die weder mit deren Rolle, Fähigkeiten noch Kompetenzen vereinbar seien. Die überwiegende Mehrheit der in Deutschland versandten Arzneimittel bestehe aus nicht kühlpflichtigen Produkten – der Versand erfolge nach der Risikobewertung ohne aktive Kühlung oder Temperaturüberwachung. Würden die hohen Anforderungen nun auf alle Arzneimittelsendungen ausgeweitet, würde das die effizienten und kostengünstigen Standard-Paketnetzwerke sowie die flächendeckende Versorgung untergraben. Die Transport- und Zustellungsprozesse würden komplizierter werden, ohne die Produktsicherheit zu verbessern, so DHL. Außerdem würden die neuen Regelungen natürlich neue und kostspielige Betriebsstrukturen, Fähigkeiten sowie Infrastrukturen erfordern und zu einem signifikanten Preisanstieg entlang der gesamten Wertschöpfungskette in dem Sektor führen.
Damit würden Paketdienstleister hier sofort aus dem Markt gedrängt. Dies würde die verfügbaren Dienstleister für Versender stark einschränken und zu höheren Preisen für Konsumenten und das Gesundheitssystem insgesamt führen, argumentiert DHL. „Indem den Logistikunternehmen einzigartige und belastende Verpflichtungen auferlegt werden, riskiert man eine Fragmentierung des Binnenmarktes und eine Manipulation des Wettbewerbs zum Nachteil der Verbraucher, begrenzt das grenzüberschreitende Angebot und schafft Barrieren für E-Apotheken, die von anderen Mitgliedstaaten aus operieren.“