Kanzler Friedrich Merz (CDU) meint, der Krankenstand in Deutschland sei zu hoch. Ein Grund könnte aus seiner Sicht die telefonische Krankschreibung sein. Das sehen die Gesundheitsminister:innen einiger Länder anders.
Brandenburgs Gesundheitsministerin Britta Müller (parteilos) verteidigt die Krankschreibung am Telefon gegen Kritik durch Bundeskanzler Merz. „Sie ermöglicht eine ärztliche Einschätzung ohne unnötige Wege und entlastet die Arztpraxen insbesondere in Zeiten hoher Infektionszahlen“, sagte die frühere BSW-Politikerin der „Märkischen Allgemeinen“.
Müller nannte noch mehr Gründe dafür. „Wir haben heute deutlich mehr ältere Beschäftigte, und wir sehen zugleich veränderte Krankheitsbilder“, sagte sie. „Insbesondere psychische Erkrankungen nehmen zu und führen häufig zu erheblich längeren Arbeitsausfällen als andere Erkrankungen.“
Der Kanzler hatte seine Kritik am hohen Krankenstand in Deutschland bekräftigt. „Eine der Ursachen ist sicherlich auch die leichte Krankschreibung durch telefonische Krankschreibungen“, sagte Merz. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung nun überprüfen.
Die Brandenburger Gesundheitsministerin sieht keine automatische Gefahr eines Missbrauchs. „Entscheidend ist, dass die Patientinnen und Patienten dem behandelnden Arzt bekannt sind“, sagte Müller. „Ob ein persönlicher Arztkontakt erforderlich ist, entscheidet letztlich stets die Ärztin oder der Arzt.“
Auch Baden-Württembergs Gesundheitsminister will an der Telefon-AU festhalten, betonte Manne Lucha (Grüne). Man habe dieses Instrument bewusst so eingeführt, weil man übervolle Praxen mit dem Risiko einer Infektion verhindern wolle.
Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) verteidigt die Telefon-AU ebenfalls. Die Regelung sei ein wichtiges und geeignetes Instrument zur Entlastung der Haus- und Kinderarztpraxen gerade in der Erkältungssaison, erklärte Drese. „Durch Krankschreibungen per Telefon brauchen leichter erkrankte Menschen, die der Praxis bereits bekannt sind, sich nicht mehr in volle Wartezimmer drängen, wo sie womöglich bei Infektionskrankheiten weitere Personen anstecken.“
Das Bundesgesundheitsministerium solle sich lieber „den wichtigen Themen“ widmen, verlangte die Schweriner Ministerin. „Wir stehen im Gesundheitsbereich vor großen Herausforderungen: Krankenhausreform, Notfallreform, Stärkung der ambulanten Gesundheitsversorgung, Einführung eines Primärarztsystems.“ Jetzt die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung überprüfen zu wollen, sei eine falsche Prioritätensetzung.
Ihr Ministerium sei im ständigen Austausch mit Krankenkassen und Ärztevertretern, so Drese weiter. „Auffälligkeiten bei der telefonischen Krankschreibung werden hierbei nicht benannt.“
APOTHEKE ADHOC Debatte