In einer gemeinsamen Mitteilung fordern Arztpraxen, Zahnarztpraxen und Apotheken im Freistaat Thüringen einen spürbaren Bürokratieabbau. Die Entlastung von überflüssigen Verwaltungspflichten müsse zu einer zentralen gesundheitspolitischen Aufgabe der Landesregierung werden – damit mehr Zeit für die Patienten bleibe. Thüringen solle eigene Regelungen konsequent vereinfachen und sich auch auf Bundesebene für strukturelle Entlastungen im Gesundheitswesen einsetzen, fordert die Initiative.
„Kein einziger Patient wird besser behandelt, weil seine Apotheke bürokratisch überbordende Formulare ausfüllt“, erklärt Stefan Fink, Vorsitzender des Thüringer Apothekerverbandes (ThAV). Die Apotheken bräuchten endlich wieder mehr Freiheit, tatsächlich wieder am Patienten zu arbeiten. „Wir wollen als Apotheker unsere Kunden und Patienten beraten und mit Arzneimitteln versorgen, anstatt seitenweise Listen und Formulare auszufüllen.“
Die zunehmende Bürokratie belaste Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Psychotherapeuten und Pflegekräfte massiv, kritisieren die Heilberufler. Hochqualifizierte Fachkräfte würden einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Formularen, Checklisten, Dokumentationen und Nachweisen verbringen – wertvolle Zeit, die dann für die Versorgung der Patientinnen und Patienten fehle.
„In den vergangenen Jahren nehmen die Wirtschaftlichkeitsprüfungen der Praxen spürbar zu“, erklärt Dr. Annette Rommel, Erste Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen. Dabei gehe es meist um Rückforderungen kleinerer Beträge bis zu 50 Euro. Allein der Aufwand für die Rückforderungen liege um ein Vielfaches höher. „Daher fordern wir, die Bagatellgrenze für diese Prüfungen auf 300 Euro zu erhöhen. Dies spart Geld und wertvolle Arztzeit“, so Rommel.
Bürokratische Vorgaben bremsten effiziente Arbeitsabläufe, erhöhten die Arbeitsbelastung und frustrierten medizinische, zahnmedizinische und pharmazeutische Fachangestellte sowie weitere Beschäftigte. Zunehmende Bürokratie schrecke zudem den Nachwuchs von Praxisniederlassungen oder Apothekenübernahmen ab und dränge rentennahe Kollegen vorzeitig aus dem Berufsleben, kritisiert die Initiative.
„Angesichts des massiven Fachkräftemangels ist die Bürokratie im Thüringer Gesundheitswesen nicht länger tragbar“, kritisiert Ronald Schreiber, Präsident der Landesapothekerkammer Thüringen (LAKT). „Während überall Personal fehlt, verbringen unsere Teams einen wachsenden Teil der Arbeitszeit mit immer mehr Papierkram. Wer Gesundheitsberufe – vor allem im ländlichen Raum – attraktiver machen will, muss sie von überflüssigen Verwaltungsaufgaben entlasten.“
Dass bestimmte Regelungen für große Kliniken mit hunderten Beschäftigten sinnvoll sein könnten, bezweifle die Initiative nicht. Der ambulante Bereich mit seinen übersichtlichen, freiberuflich geführten Praxen und Apotheken in Thüringen werde durch identische Vorgaben jedoch unverhältnismäßig stark belastet.
„Laut Bundeszahnärztekammer gehen 25 Prozent der Arbeitszeit von Zahnärztinnen, Zahnärzten und Zahnmedizinischen Fachangestellten durch Bürokratie verloren“, so Dr. Ralf Kulick, Präsident der Landeszahnärztekammer Thüringen. 962 Regelungen seien allein im Alltag einer Zahnarztpraxis zu beachten. „Allein für die Reinigung eines einfachen Mundspiegels gelten sieben Verordnungen, elf DIN-Normen, vierzehn Arbeitsanweisungen und neun Dokumentationspflichten. Dieses Ausmaß steht in keinem angemessenen Verhältnis.“
Die Gemeinschaft der Heilberufe in Thüringen fordert daher von der Politik in Land und Bund, jede bestehende Vorschrift kritisch zu überprüfen, ob sie tatsächlich einer besseren Gesundheitsversorgung und Patientensicherheit diene oder lediglich zur Absicherung staatlicher Zuständigkeiten.
„Rund 61 Arbeitstage im Jahr verbringen Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im Schnitt mit Verwaltungsarbeiten. Dabei ließe sich schon heute vieles verschlanken“, meint Dr. Sabine Köhler, Vorsitzende der Gemeinschaft Gebietsärztlicher Berufsverbände in Thüringen. Bislang müsse zum Beispiel vor Beginn einer Psychotherapie ein sogenannter Konsiliarbericht erstellt werden, mit dem ein Vertragsarzt bestätigt, dass keine medizinischen Gründe gegen die Therapie sprechen – auch dann, wenn Patienten eine fachärztliche Überweisung mit differenzierter Indikationsstellung für eine Psychotherapie haben. „Für derartig spezifizierte Überweisungsfälle sollte dies umgehend gestrichen werden“, findet Köhler.
Zwar habe die Politik den Handlungsbedarf erkannt, doch Ankündigungen allein reichten nicht aus. Notwendig seien mutige strukturelle Entscheidungen: weniger staatliche Steuerung und mehr Vertrauen in die Kompetenz der Heilberufe und aller weiteren Gesundheitsberufe.
„Bürokratie entwickelt sich zum Gift für die medizinische Versorgung“, sagt Dr. Knut Karst, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Thüringen. Sie blockiere nicht nur die Praxen, sondern werde von jungen Berufskollegen als abschreckendster Grund angegeben, sich gegen eine eigene Niederlassung zu entscheiden. „Dies wird nur getoppt von nichtfunktionierender Digitalisierung, aber beides greift ja ineinander. Ärzte versorgen nicht während der Dokumentation! – Gebt uns Zeit für unsere Patienten!“
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