Conection:health

Teufelskreis Migräne: Wege zu einer besseren Versorgung

, Uhr
Berlin -

Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz: Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und massive Beeinträchtigungen prägen den Alltag der Betroffenen. Doch wie können sie besser versorgt werden? Wer trägt die Verantwortung in der Versorgungssteuerung? Darüber diskutierten Experten aus Apotheke, Ärzteschaft, Industrie und Krankenkassen auf der Connection:Health. 

Bereits mit elf Jahren erhielt Pia Quantius, Autorin und Patientin, ihre Diagnose: Migräne mit Aura. Was das bedeutete, wusste sie damals nicht – und Hilfe bekam sie kaum. „Von 11 bis 20 hat diese Krankheit mein Leben sehr kompliziert gemacht, auch weil mich keiner ernst genommen hat“, berichtete sie. Sie habe Angst davor entwickelt, Profis zu fragen, da sie schlechte Erfahrungen gemacht habe: In der Notaufnahme wurde sie weggeschickt, beim Rettungsdienst ausgelacht. Schließlich informierte sie sich selbst über alternative Therapien. „Ich möchte nicht mein eigener Experte sein; ich möchte zu Experten gehen und dort Hilfe bekommen“, so Quantius.

Das sei leider eine typische Geschichte, erklärte Dr. Lars Neeb, DMKG. Viele Patienten machten diese Odyssee durch, bis sie an der richtigen Stelle landeten. Oft erfolge die Behandlung zu spät oder am falschen Ort. Um eine Chronifizierung zu vermeiden, müsse frühzeitig und richtig therapiert werden. Das schaffe man aufgrund der hohen Patientenzahlen jedoch nicht allein. Es brauche ein Netzwerk aus Ärzt:innen, Therapeut:innen und Apotheker:innen. „Davon sind wir leider noch sehr weit entfernt“, so Neeb.

Sebastian John, Geschäftsführer Hausärzteverband, betonte, dass es mehr Bewusstsein sowohl bei Hausärzten als auch bei Patienten brauche. Die Anerkennung der Problematik sei die erste Hürde, erklärte er. In der jüngeren Ärzteschaft werde das Thema, auch durch Fortbildungen, bereits stärker gewichtet. Man befinde sich auf einem guten Weg, auch wenn auf allen Seiten „Luft nach oben“ sei. Die Erkrankung sollte initial im hausärztlichen Setting behandelt werden, eingebettet in ein funktionierendes Netzwerk.

„Wir sehen ein breites Feld in der öffentlichen Apotheke“, berichtete Abda-Vize, Dr. Ina Lucas. Auch sie bestätigte, dass in der Bevölkerung das Bewusstsein für das Krankheitsbild fehle; man habe viel zu lange über Migräne als „einfachen Kopfschmerz“ hinweggesehen. Dabei bestehe die Gefahr, dass Patienten in eine Spirale der Selbstmedikation geraten. „Man bekommt etwas verschrieben, das hilft, also nimmt man es weiter und steigert die Dosis. Da kommt man in einen Teufelskreis“, so Lucas. Die Apotheken stünden bereit, Patienten niedrigschwellig zu beraten. „Kopfschmerz ist nicht immer gleich Kopfschmerz.“

Dr. Arnd Carrette, AbbVie ergänzte, dass Versorgung immer auch lokal stattfinden müsse. Je früher diagnostiziert werde, desto besser. Innovative Präparate könnten heute viel mehr Patienten helfen als früher. AbbVie sehe seinen Beitrag in der Entwicklung und Zulassung solcher Arzneimittel und suche aktiv die ärztliche Kooperation.

Primärversorgung und Patientensteuerung

„Ich finde es gut, dass es nicht mehr Primärarzt, sondern Primärversorgung heißt“, sagte Daniela Teichert, AOK Nordost. Primärversorgung bedeute für die Kasse vor allem Patientensteuerung. Es sei ein systemisches Problem, dass Patienten unterschiedlich diagnostiziert und therapiert würden, je nachdem, wo sie zuerst im System auftauchen. Es brauche ein System, das sicherstelle, dass Patienten immer auf den richtigen Weg geschickt werden – etwa durch strukturiert-digitale Anamnesen oder medizinische Fachkräfte. „Egal, wo der Patient auftaucht, muss ein evidenzbasiertes System anlaufen“, so Teichert. So könne geklärt werden, ob wirklich ein Facharzttermin nötig sei.

John wandte ein, dass ein digitales System die hausärztliche Steuerung nicht ersetzen könne. Er gehe davon aus, dass Patienten einer Praxis fest zugeordnet sein. Versorgungsanliegen müssten in der Primärversorgungsebene geklärt und bei Bedarf interdisziplinär gestuft werden. Außerdem warnte er davor, dass digitale Fragebögen auch „überkorrigieren“ könnten, indem sie Patienten in die fachärztliche Versorgung leiten, die eigentlich auf Primärebene versorgt werden könnten.

Neeb ergänzte, dass die Digitalisierung keinen neuen Sektor aufmachen, sondern bestehende Ebenen besser verknüpfen sollte. Informationen müssten so strukturiert und zusammenlaufen, wo verschiedene Berufsgruppen Zugang haben.

Apotheken als Anlaufstelle

Man müsse in Patientenpfaden denken, da nicht jeder Patient einen Hausarzt habe, so Lucas. So habe eine Patientin wie Quantius vermutlich keinen Hausarzt sondern einen Neurologen als ersten Ansprechpartner. Sie forderte konkrete „Use Cases“: „Was haben die Patienten, was brauchen die Patienten tatsächlich?“ Dabei gelte der Ansatz: Digital vor ambulant vor stationär. Dabei müssten alle Akteure, inklusive der Apotheke vor Ort, mitgedacht werden.

Auch pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) könnten eine stärkere Rolle spielen. „pDL sind die Zukunft“, so Lucas. Aktuell gebe es fünf; sie könne sich viel mehr vorstellen, besonders im Bereich Adhärenz und Compliance. Hierzu gehörten die Therapiebegleitung und die Rückmeldung an die behandelnden Ärzt:innen.

Die Vergütungsfrage

„Unser Einzelleistungsvergütungssystem ist ein Problem, da nie die Hilfe als Ganzes gesehen wird“, erklärte Daniela Teichert. Es gebe zwar Koordinationspauschalen, doch oft gehe es erst ums Geld und dann um den Prozess. Casemanagement sei sinnvoll, existiere aktuell aber meist nur in Modellvorhaben. Die Kompetenzerweiterung in der Pflege sei zwar beschlossen, allerdings noch nicht Teil der Regelversorgung. „In der Regelversorgung sollte kein selektiver, sondern ein kollektiver Wettbewerb stattfinden“, so Teichert. Ein früherer Vertrag für Migränepatienten habe sich wegen der sehr geringen Fallzahl nicht rentiert; es brauche nun ein skalierbares System für alle.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Lesen Sie auch

APOTHEKE ADHOC Debatte