Patient mittlerweile symptomfrei

Sindbis-Fieber: Geringes Risiko in Deutschland

, Uhr aktualisiert am 02.10.2026 16:26 Uhr
Stuttgart/Hamburg -

Trotz der ersten nachgewiesenen Ansteckung eines Menschen in Deutschland mit dem Sindbis-Virus (SINV) gibt es nach Einschätzung eines Experten keinen Grund zur Sorge. „Das Risiko, sich überhaupt anzustecken, ist für alle gering, weil Infektionen bei uns selten sind“, erklärte Virologe Professor Dr. Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Auch früher hätten sich schon Menschen in Deutschland mit dem Virus angesteckt, aber ohne es zu merken.

SINV ist ein Krankheitserreger, der vor allem bei Vögeln kursiert und durch Stechmücken übertragen wird. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat mitgeteilt, dass bei einem 60-Jährigen aus Stuttgart im September im Labor eine SINV-Infektion bestätigt wurde. Der Mann sei im Juli erkrankt. Er sei im für die Infektion relevanten Zeitraum nicht verreist gewesen, teilte eine Sprecherin des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg mit. „Der Patient ist mittlerweile wieder symptomfrei.“

Besondere Schutzmaßnahmen gegen SINV sind laut Schmidt-Chanasit nicht nötig. „Sinnvoll ist, was ohnehin gegen Mückenstiche empfohlen wird und auch vor dem West-Nil-Virus schützt: Mückenschutzmittel auf der Haut, lange Kleidung vor allem abends und nachts, Fliegengitter an den Fenstern, Regentonnen abdecken und Wasser in Blumenuntersetzern regelmäßig ausleeren, damit Mücken dort nicht brüten können.“

Die Mückensaison neige sich im Herbst ohnehin dem Ende zu.

Symptome

Die Asiatische Tigermücke kann laut dem Landesgesundheitsamt zwar theoretisch das Sindbis-Virus übertragen. Die heimische Culex-Mücke gelte aber als Hauptüberträger. Von Mensch zu Mensch wird es nicht übertragen, wie Schmidt-Chanasit erklärt. Die meisten Infektionen verlaufen laut ihm ohne oder mit nur leichten Beschwerden und bleiben deshalb unbemerkt. Wer erkranke, bekomme typischerweise Fieber, einen juckenden Hautausschlag und Gelenkschmerzen. „Das ist unangenehm, und die Gelenkbeschwerden können bei einem Teil der Patienten über Monate anhalten“, ordnet der Fachmann ein. „Lebensbedrohlich ist die Erkrankung nach allem, was wir wissen, aber nicht.“ Es seien keine Risikogruppen für schwere Verläufe bekannt.

Ärzte sollten bei Fieber, Hautausschlag und ausgeprägten Gelenkschmerzen während der Mückensaison auch dann an das SINV denken, wenn die Betroffenen nicht verreist waren. Der aktuelle Fall sei ein gutes Beispiel dafür. „Man findet eben nur, wonach man sucht.“ Breit angelegte Tests etwa bei Menschen ohne Beschwerden seien nicht sinnvoll.

Auch in dem RKI-Bericht, an dem Expertinnen des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg mitgeschrieben haben, wird empfohlen, bei einem negativen Befund etwa für Dengue- und Chikungunya-Fieber an eine SINV-Infektion zu denken. „Eine erhöhte Sensibilisierung der Ärzteschaft kann dazu beitragen, bislang unerkannt gebliebene Infektionen zu identifizieren.“ Zudem bestätige der aktuelle Fall, dass bei bekanntem Vorkommen in Stechmücken und Wildvögeln auch mit Fällen bei Menschen zu rechnen sei.

Ausbreitung

In Finnland, wo den Angaben nach allein zwischen 1981 und 1996 mehr als 2000 Erkrankungen bestätigt wurden, erkrankten am häufigsten Erwachsene mittleren Alters, vor allem Frauen zwischen 45 und 65. Infizierte Kinder hätten meist keine Beschwerden. Für Schwangere und Neugeborene gebe es nur wenige Daten, aber ohne Hinweise auf eine besondere Gefährdung.

„Das Virus ist in weiten Teilen Eurasiens und Afrikas verbreitet, Erkrankungen in größerer Zahl kannte man bislang aber praktisch nur aus Nordeuropa, vor allem aus Finnland und Schweden, und aus Südafrika“, erklärt Schmidt-Chanasit. „Ob das an den Virusstämmen oder schlicht an fehlender Diagnostik liegt, ist noch offen. Der aktuelle Fall ist ein guter Anlass, genauer hinzuschauen.“

Das Bernhard-Nocht-Institut hatte das Virus 2009 das erste Mal in Stechmücken aus Weinheim nachgewiesen. Seitdem wurde es immer wieder in Mücken und Wildvögeln gefunden, wie Schmidt-Chanasit erläutert. „Auch früher haben sich schon Menschen in Deutschland mit dem Sindbis-Virus angesteckt, aber ohne es überhaupt zu merken.“

In einer 2011 veröffentlichten Studie des Instituts hatten von knapp 3400 Blutspendern demnach vier Antikörper, was auf eine frühere Infektion hindeutet. Von 355 Patienten mit Verdacht auf eine SINV-Infektion sei keiner positiv gewesen. „Infektionen sind also selten, Erkrankungen noch seltener, und wenn es sie gibt, werden sie leicht übersehen.“

Virus verstehen

„Wir wollen verstehen, warum das Virus bei uns seit Jahren zirkuliert, Erkrankungen aber kaum auftreten“, erklärt Schmidt-Chanasit. „Welche Virusstämme sind hier unterwegs, welche Mücken und Vögel sind an der Übertragung beteiligt, und wie häufig infizieren sich Menschen tatsächlich?“

Praktische Konsequenzen für die Bevölkerung ergeben sich dem Virologen zufolge daraus derzeit nicht. Würden sich in einer Region Erkrankungen häufen, könnten Gesundheitsämter Ärzteschaft und Bevölkerung gezielt informieren: „Danach sieht es im Moment aber nicht aus.“

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