Aktuell fehlen in Deutschland mehr als 540 Arzneimittel. Betroffen sind wichtige Therapiefelder wie die Psychiatrie, Onkologie, Kardiologie und die Behandlung von Stoffwechselerkrankungen. Martin Schulze, Apotheker und Leiter der pharmazeutischen Kundenbetreuung bei Mycare warnt vor Folgen für Patienten und Apotheken.
Mehrere häufig verwendete Wirkstoffe sind aktuell nicht verfügbar, erklärt Schulze. „Darunter Quetiapin mit rund 50 betroffenen Präparaten, Atomoxetin, Galantamin oder Amitriptylin. Diese Präparate werden unter anderem zur Behandlung von psychischen Erkrankungen, ADHS oder zur Symptomlinderung bei Chemotherapien eingesetzt“, so der Apotheker. Insgesamt sind mit Stand Juni 2026 544 Lieferengpässe gemeldet.
„Auch Thyronajod ist aktuell in allen Dosierungen nicht lieferbar. Das Medikament wird vor allem bei Schilddrüsenerkrankungen verschrieben“, macht er klar. Das Problem: „Anders als bei den meisten anderen Wirkstoffen ist bei Thyronajod kein Austausch des Präparats möglich, weil es auf der Substitutionsausschlussliste steht.“
Das bedeute für die Betroffenen, dass sie aufgrund der engen therapeutischen Breite und der Gefahr von Wirkstoffschwankungen bei einem Herstellerwechsel nicht einfach ein anderes Präparat erhalten dürfen. „Patienten müssen hier zunächst durch ihren Arzt auf ein anderes Medikament umgestellt werden.“
Das belaste Apotheken und Patienten gleichermaßen. „Jede Lieferunterbrechung bedeutet für Apotheken erheblichen Mehraufwand“, so Schulze. „Das Suchen nach verfügbaren Alternativen, der erhöhte Dokumentationsaufwand und präventive Maßnahmen zur Lagerhaltung nehmen zu.“ Hinzu kämen finanzielle Risiken, die Apotheken tragen, wenn Erstattungen für ein anderes verfügbares Präparat im Nachhinein gekürzt oder abgelehnt werden.
„Für Patienten ziehen Lieferengpässe längere Wartezeiten, zusätzliche Arztbesuche und die Unsicherheit mit sich, ob eine Therapie ohne Unterbrechung fortgesetzt werden kann. Sie stellen ein tatsächliches Ärgernis dar und werden voraussichtlich auch langfristig zum Versorgungsalltag dazugehören.“
„Ein Lieferengpass liegt laut BfArM vor, wenn ein Medikament länger als zwei Wochen nicht verfügbar ist oder die Nachfrage das Angebot übersteigt. Kritisch wird es, wenn keine geeigneten Alternativen mehr zur Verfügung stehen, dann entsteht ein Versorgungsengpass“, erklärt Schulze. „In vielen Fällen können wir die Versorgung sichern, doch das kostet Zeit und ist rechtlich eingeschränkt. Häufig ist zudem noch ein neues Rezept nötig.“
„Besonders kritisch sind Engpässe bei krankenhausrelevanten Präparaten. 159 der gemeldeten Fälle betreffen genau diese, die in Kliniken benötigt werden“, so Schulze. Auch bei Orphan Drugs für seltene Erkrankungen fehlen meist Alternativen. „Diese Präparate haben oft Marktexklusivität, sodass es keine gleichwertigen Präparate gibt. Hier können Engpässe schnell zu ernsthaften Versorgungsproblemen werden“, warnt er.
Viele Wirkstoffe kämen nur aus wenigen Fabriken. „Hauptursachen sind Produktionsprobleme, sie betreffen 239 der 558 gemeldeten Engpässe, sowie die Abhängigkeit von wenigen Herstellern und Importen aus Asien.“ Der Preisdruck durch Rabattverträge und niedrige Festbeträge mache den deutschen Markt für viele Anbieter unattraktiv. „Lebenswichtige Medikamente werden daher zunehmend in andere europäische Länder geliefert, in denen höhere Erlöse erzielt werden können. Das hat unmittelbare Folgen für die Versorgungssicherheit in Deutschland“, macht er klar.
Mehr Transparenz allein reiche nicht aus. „Apotheken klären Verfügbarkeiten und Alternativen oft direkt bei pharmazeutischen Unternehmen oder dem Großhandel, um überhaupt kurzfristig agieren zu können“, so Schulze. „Die Verantwortung darf nicht allein bei ihnen liegen“, appelliert er. „Es braucht ein verbindliches Frühwarnsystem, klare Sanktionen bei Verstößen sowie flexible Import- und Bevorratungspflichten für versorgungsrelevante Präparate.“
Zudem müssten politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Produktion stärker nach Europa zurückzuholen und Abhängigkeiten zu reduzieren. Nur so lasse sich die Versorgung langfristig sichern und das Vertrauen der Patienten in die Arzneimittelsicherheit erhalten.
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