Seehund-Apotheke

Wenn der Kutscher zweimal klingelt

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Berlin -

Auf Juist geht ohne Pferde nichts: Weil Autos auf der Nordseeinsel seit jeher verboten sind, wird der gesamte Transport per Vierbeiner abgewickelt. Vor der Seehund-Apotheke hält zweimal täglich die Transportkutsche: Die Medikamentenlieferung ist da!

Auf Juist ist des Apothekers Welt noch in Ordnung. Erich Hrdina, gebürtiger Hesse, kam 1983 auf die Insel. „Ich habe in Berlin studiert und lebte dort. Nach meiner Scheidung wollte ich eigentlich nur Urlaub machen und mich erholen“, sagt der 67-Jährige. Die Erholung gelang. Weil es so schön war, blieb er einfach. Und als sich die Gelegenheit ergab, die einzige Apotheke auf der Insel zu übernehmen, ergriff er die Chance.

Er liebt und lobt die Natur und den Lebensrhythmus dieses ganz besonderen Ortes. „Ich bin jetzt ein Landei. Juist ist autofrei, sogar Elektrofahrzeuge sind verboten. Hier ist alles zu 100 Prozent Pferdetransport, vom Hausbau bis zum Supermarkt wird alles per Pferd transportiert. Natürlich auch die Medikamente.“

Pferdetransport, das klingt ein bisschen nach Mittelalter, ist es aber nicht. „Wir sind in der Belieferung schneller als manche auf dem Festland. Wenn wir mittags bis 12 Uhr bestellen, kommen die Arzneimittel um drei mit dem Flugzeug.“

Binnen kurzer Zeit sind sie per Pferdetransport dann bei ihm. Dahinter steckt perfekte Logistik. „Die Ware wird in Oldenburg über den Großhandel geliefert, dann via Emden zum Flugplatz in Norddeich gebracht.“ Dann geht es mit dem Linienflugzeug auf die Ostfriesische Insel, die zwischen Norderney und Borkum liegt. Sie ist mit rund 17 Kilometern die längste, mit nur 500 Metern Breite gleichzeitig auch die schmalste der Inselkette.

„Es gibt zwei Linienflüge täglich, einen morgens um acht, einen um 15 Uhr. Es ist der kürzeste Linienflug Deutschlands.“ Er dauert fünf Minuten, die Insulaner benutzen die Flieger wie Städter ein Taxi, rund 130.000 Touristen treffen jedes Jahr via Fähre oder Flieger auf der kleinen Insel ein.

Am Flugplatz Juist wartet schon die Kutsche, die die Seehund-Apotheke beliefert. „Wir haben keinen Botendienst“, erzählt der Apotheker. Das würde auf der kleinen Insel auch nur wenig Sinn machen; die Insulaner sind es seit jeher gewohnt, ihre Medikamente selbst abzuholen. „Und wenn ein Tourist erkrankt, schicken die Hotels auch mal den Concierge, um die Arzneimittel abzuholen.“ Eine „Linien-Kutsche“ fährt in der Dauerschleife die Strecke Flughafen-Zentrum. Und der Pizza-Bote kommt auf Juist mit dem Fahrrad.

Der Pferde-Transport wird von Fachunternehmen organisiert, Hrdina nimmt gern die Kutsche, besitzt aber kein Pferd. „Ich habe Angst vor dem Reiten.“ Er nimmt lieber das Fahrrad oder läuft zu Fuß. Alle Strecken sind überschaubar: Seine Apotheke befindet sich drei Minuten vom Ortszentrum entfernt, zum Strand sind es zwei Minuten.

In Eile ist hier selten jemand. Außer es gibt einen medizinischen Notfall. Dafür sind die Experten gut gerüstet: „Wir haben kein Krankenhaus, im Notfall werden die Patienten per Hubschrauber in die Klinik auf dem Festland gebracht.“ Hrdina besitzt den Flugschein für Hubschrauber und Kleinflugzeuge und ist zwei- bis dreimal im Jahr bei Notfällen im Einsatz.

„Ich habe zwar kein Pferd, aber einen Flugschein“, erzählt Hrdina. Mit dem Hubschrauber fliegt er gelegentlich aufs Festland. Und dann wieder schnell zurück. Denn auf Juist genießen Bewohner und Touristen ihr kleines Paradies. Hektik ist etwas für Städter. Noch ein Argument für Juist: Hier scheint richtig oft die Sonne, im Jahr 2010 war die kleine Insel mit 1983 Sonnenstunden sogar der sonnigste Ort Deutschlands.

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