„Die Arbeit ist momentan der einzige Zufluchtsort“

Kiosk-Inferno von Düsseldorf: ARZ-Belegschaft sammelt für Kollegin

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Berlin -

Mitten in der Nacht wird Thiy Tam Nguyen aus Düsseldorf von einem lauten Knall aus dem Schlaf gerissen. Ihre Schlafzimmerfenster haben keine Scheiben mehr, es liegen Glassplitter auf dem Boden. Was genau passiert ist, erfährt sie erst später, doch sie versteht instinktiv, dass sie ihre Wohnung schleunigst verlassen muss. Sie kann sich retten, doch von ihrem Zuhause bleibt wenig übrig. Nguyen ist Datenerfasserin beim ARZ Haan, und ihre Kolleginnen und Kollegen wollen mit Spenden helfen.

Das Haus an der Kreuzung Lichtstraße und Grafenberger Allee, in dem Thiy Tam Nguyen lebte, nun völlig ausgebrannt. Foto: Nguyen

Am 16. Mai explodierte gegen 2:30 Uhr in Düsseldorf ein Kiosk. Vier Menschen kamen ums Leben, 16 wurden verletzt. Mehr als 70 Anwohnerinnen und Anwohner des Mehrfamilienhauses mussten in Sicherheit gebracht werden. Noch laufen die Ermittlungen, mittlerweile steht wohl fest, dass im Kiosk Benzin als Brandbeschleuniger eingesetzt wurde.

Direkt in der Etage darüber lag die Wohnung von Nguyen. Durch die Explosion wurde sie aus dem Schlaf gerissen. „Mir war klar, dass ich aus der Wohnung herausmuss. Ich habe nur meine Jacke und meine Schlüssel gegriffen“, erinnert sie sich. Sie ging zunächst zur Wohnungstür, doch der Hausflur war bereits voller Rauch und heiß, sodass sie die Tür sofort wieder schloss. Stattdessen kletterte sie über ihren Balkon an der Regenrinne hinab, die letzten zwei Meter fiel sie. Endlich auf der Straße und in Sicherheit rief sie ihren Schwiegersohn an. „Die Einsatzkräfte haben die Opfer nach und nach in die umliegenden Krankenhäuser gebracht“, erinnert sie sich. Ihr Schwiegersohn begleitete sie.

Wenigstens da gab es eine gute Nachricht: Trotz des Sturzes hatte sich Nguyen nichts gebrochen, und weil sie die Tür zum Hausflur nur einen kurzen Moment aufgemacht hatte, hatte sie sich keine Rauchvergiftung zugezogen. Sie bekam lediglich Schmerztabletten wegen der Prellungen. Danach fuhr sie mit ihrem Schwiegersohn zu ihrer Tochter nach Hause. Dort kann sie erst einmal unterkommen.

Kaum was zu retten

Nguyens Wohnung lag im ersten Stock, über dem Kiosk. Direkt über dem Geschäft befand sich die Küche, daneben ihr Wohnzimmer und dann kam zum Glück erst das Schlafzimmer. Wie groß der Schaden tatsächlich ist, weiß sie noch nicht. An Pfingsten durften die ehemaligen Bewohner zusammen mit Beamten kurz in ihre Wohnungen. „Es ist nicht viel zu retten“, sagt Nguyen. Eine Hausratversicherung hatte sie nicht abgeschlossen. Wenigstens konnte sie ihre Dokumente, vor allem ihre Bankkarte und Kreditkarte, mitnehmen.

Nach dem Brand ist auf Nguyen erst einmal viel Bürokratie zugekommen. Strom und Gasanbieter mussten kontaktiert, das Brandprotokoll übersendet werden. Jetzt muss sie sich auf die Suche nach einer neuen Wohnung machen.

Zurzeit wohnt sie noch bei ihrer Tochter. Zwar sind von der Stadt Unterkünfte bereitgestellt worden, die Räume waren aber in einem unzumutbaren Zustand. „Ich erwarte nicht viel, aber das ging nicht“, erzählt sie. Dabei hätte sie sich eigentlich sehr gefreut, wenigstens einen kleinen Rückzugsort für sich zu haben. Die Seelsorge der Stadt hat sie aber in Anspruch genommen, um ihre Erfahrungen besser zu verarbeiten.

Unterstützung durch Kollegen

Schon am Freitag nach dem Brand ging Nguyen wieder zur Arbeit beim ARZ Haan, wo sie als Datenerfasserin arbeitet. Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung habe sie zwar bekommen, und auch ihr Vorgesetzter habe ihr angeboten, frei zu nehmen. Doch Nguyen wollte zur Arbeit. „Die Arbeit ist momentan mein einziger Zufluchtsort“, sagt sie.

Als ihre Kollegen erfahren hatten, was vorgefallen ist, begannen sie sofort, innerhalb des Unternehmens Spenden zu sammeln. Noch am Freitag kamen 1600 Euro zusammen, die sie Nguyen am Nachmittag in einem Umschlag bar übergaben. Zu der Zeit hatte Nguyen noch nicht einmal ihre Bankkarte. „Mir wurde so viel Unterstützung angeboten, das hat mich aufgefangen“, erzählt sie. Auch ihr Bereichsleiter Thorsten Littkemann freut sich darüber, dass man sich in der Notsituation kollegial zeigt.

In der darauffolgenden Woche kamen noch einmal 650 Euro bar dazu, zusätzliche 1400 Euro wird sie noch über die nächste Gehaltsabrechnung bekommen. Auch Sachspenden sind ihr schon angeboten worden, wie Töpfe und Ähnliches. Sobald sie eine neue Wohnung gefunden hat, will sie darauf zurückkommen.

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