China

Apothekerin verbringt Elternzeit in Shanghai

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Berlin -

Das Badezimmer in der Wohnung in Shanghai steht unter Wasser, die Heizung ist kaputt, Baby Jonas weint. Eine Apothekerin bringt das natürlich nicht aus der Ruhe. Andrea Kirwel ist für einige Zeit mit ihrer kleinen Familie nach China gegangen. Für die Lieben daheim gibt es einen Blog.

Der erste Eintrag: Hilfe, die Folsäure und das Jod gehen aus! Eine Hiobs-Botschaft für junge Mütter. „Als wir in Shanghai angekommen sind, waren unsere Möbel und persönlichen Dinge noch mit dem Schiff unterwegs. Meine Orthomol Natal Packung war auf dem Seeweg irgendwo zwischen Deutschland und China.“ Also machte sie sich samt Baby auf in die nächste Apotheke. Eine Apothekerin überlässt natürlich nichts dem Zufall, vorher hatte sie die nötigen Begriffe gegoogelt.

„Mit den übersetzten Wörtern Yèsuān für Folsäure, Diǎn für Jod und Yào für Medikament betrat ich voller Zuversicht die nächstgelegene Apotheke“, schreibt Kirwel. „Folsäure war schnell gefunden, die Apothekerin holte ein Päckchen hervor, auf dem eine schwangere Frau abgebildet war, ich war also auf dem richtigen Weg!“

Nur beim Jod gab es ein kleines Missverständnis, die chinesische Apothekerin empfahl erst eine Wunddesinfektion. „Anscheinend ist in China eine Versorgung mit Jod nicht Standard, aufgrund der Ernährungsweise mit Algen und Fisch als Jodlieferanten ist sie logischerweise auch nicht notwendig.“ Nach einer Weile brachte die Apothekerin dann ein Päckchen, das Pater vertraut erschien: eine grüne Packung Centrum. „Nach etwas Suchen entdeckte ich die chinesischen Zeichen für Jod auf der Verpackung.“ Aufgrund der niedrigen Dosierung „verordnete“ sich die Apothekerin kurzerhand mehr chinesische Küche in Form von Algen.

Mit chinesischen Apothekern und Handwerkern zu kommunizieren, ist eine Herausforderung. Aber genau deshalb übersiedeln neugierige Menschen ja unter anderem ins Ausland. „Die Entscheidung, nach Shanghai zu gehen, ist relativ spontan gefallen“, sagt Kirwel, die bis Mai in der Apotheke Unter Linden in Köln gearbeitet hat. 2012 zog es sie zum ersten Mal ins Ausland. „Gemeinsam mit meinem Mann war ich in den USA und die Lust auf einen weiteren Auslandsaufenthalt hat uns in Richtung China geführt. Der Zeitpunkt erschien uns als günstig, da ich aufgrund der Schwangerschaft und der Elternzeit in der Apotheke sowieso eine gewisse Zeit ausfallen würde.“ In Ann Arbor in Michigan arbeitete sie 2011-2012 zehn Monate als Freiwillige in der Thoraxchirurgie in einem Krankenhaus.

Baby Jonas machte der Umzug nichts aus. „Er ist noch so klein, dass man ihn aus keinem Verbund wie Kindergarten oder Schule herausreißen würde“, sagt die 38-Jährige. Am 26. Mai wurde er geboren. „Am 4. September sind wir nach Shanghai gereist. Wir sind noch dabei, uns zu orientieren.“

Pläne, in China zu arbeiten, hat sie derzeit nicht. „Es ist schwierig, ein Arbeitsvisum zu erhalten und ich habe keine Betreuung für Jonas.“ Der Wettlauf um den Kindergartenplatz ist aber auch in Shanghai nicht anders als in München oder Hamburg. „Seine Kindergartenanmeldung habe ich schon abgegeben, mit 18 Monaten kann er, wenn es einen freien Platz gibt, den Kindergarten in der deutschen Schule besuchen.“ Dann wäre es für Kirwel auch einfacher, zu arbeiten: „Ich könnte mir ein Praktikum wie in den USA vorstellen.“ In China könnte sie im Krankenhaus arbeiten oder sich in Richtung TCM weiterbilden. „Wir planen, zweieinhalb bis drei Jahre in Shanghai zu bleiben.“

Gerne erkunden Jonas und seine Mutter ihre neue Heimat. „Wir waren schon in einer traditionellen chinesischen Apotheke, haben an Kräutern geschnuppert. Ich werde sicher wiederkommen.“ Mit Baby ins Ausland zu gehen, ist immer ein kleines Abenteuer. In China warten besondere Herausforderungen. „Man lernt auf Dinge zu achten, besonders mit einem kleinen Kind. Ich frage mich zum Beispiel, bei welchen Luftwerten ich mit einem Säugling möglichst nicht vor die Tür sollte.“ In Deutschland kein Thema, in Shanghai eines der wichtigsten Probleme.

„Derzeit recherchiere ich, wo ich ökologisch angebautes Gemüse für den Start mit der Beikost bei Jonas herbekomme“, erzählt Kirwel. Eine weitere Frage: Wie organisiere ich den Alltag ohne Hilfe von Familie? Die ist schließlich weit weg. Eine Lösung wäre es, eine Ayi (wörtlich übersetzt: Tante) einzustellen, die sich um Jonas kümmert.

Wenn die Familie eines Tages nach Deutschland zurückkehrt, wird Jonas laufen können und seine Mutter freut sich darauf, eines Tages wieder in „ihrer“ Apotheke zu arbeiten. „Hoffentlich kann ich die Apotheke dann mit TCM-Kenntnissen bereichern!“

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