Ein halbes Jahr ist Apotheker Gerben Klein Nulent nicht mehr selbstständig. Ein Schritt, den er nicht bereut. Der 70-Jährige verkaufte seine Anteile an der Apotheke am Bahnhof in Emmerich und wurde damit auch dieses „Gefängnis-Gefühl“ los. Der Niederländer, der in seinem Heimatland die Apothekenkette Mediq mit aufbaute, plädiert für eine deutlich geringere Zahl an Betrieben, mit dem Vorteil: „Dann hat man starke Apotheken.“ In ländlichen Regionen müsse man ohnehin bereits Fahrtwege in Kauf nehmen.
Klein Nulent wollte es vor drei Jahren noch einmal wissen: Er übernahm als OHG-Partner die Apotheke am Bahnhof in Emmerich unweit der niederländischen Grenze. „Das war vielleicht ein bisschen übermütig“, sagt er heute rückblickend. „Ich hatte gedacht, nachdem ich Apotheken in Holland und Polen hatte, warum nicht auch in Deutschland.“ Drei Jahre arbeitete er laut eigenem Bekunden mit viel Freude und sehr gutem Personal.
Doch immer öfter kamen Zweifel an der Selbstständigkeit auf. Die Hauptgründe seien das System und die strengen Vorschriften für die Inhaberinnen und Inhaber. Jeden Tag in der Apotheke stehen zu müssen, gebe einem ein „unglaublich schlechtes Gefühl“, sagt er. „Das hat sich in den drei Jahren wie ein Gefängnis angefühlt.“ In den Niederlanden sei es kein Problem, wenn man anderweitige Termine außerhalb der Apotheke wahrnehme und kein Apotheker vor Ort sei.
Für ihn ist die strikte Präsenzregel auch ein Grund, weshalb der Nachwuchs an jungen Pharmazeutinnen und Pharmazeuten fehlt, die bereit sind, eine Apotheke zu gründen. „Viele wollen deshalb kein Inhaber sein.“ Er selbst plädiert für Ketten-Apotheken – nicht ohne Grund. Denn Klein Nulent war nach seiner knapp 20-jährigen Selbstständigkeit in Rotterdam laut eigenen Angaben dabei, die Apothekenkette Mediq zu etablieren. Zudem war er Vorsitzender der Königlichen Niederländischen Apothekervereinigung (KNMP). „Ich habe die Kette aufgebaut und zuletzt gab es mehr als 220 Apotheken.“
2016 übernahm die Phoenix-Tochter Brocacef die Mediq Apotheken Nederland und firmierte die Standorte in Benu um. In den Niederlanden gibt es laut Abda-Zahlen elf Apotheken je 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, in Deutschland sind es 20.
Die in Deutschland herrschende Kritik an Kettenapotheken kann der Niederländer nicht verstehen. „In Holland gehören jetzt ein Drittel der Betriebe zu Ketten. Die Arbeit ist super für die Apotheker, die nicht die komplette Verantwortung haben wollen. Sie können – je nach Vertrag – immer noch mitentscheiden und sind mitverantwortlich. Wenn der Arbeitsvertrag gut geregelt ist, sehe ich kein Problem.“ In vielen Ländern in Europa hätten sich Ketten im Markt etabliert.
Ein Freund von Apotheken ohne Apothekerinnen oder Apothekern ist er dagegen nicht. „Man muss mal wegkönnen und PTA sind super ausgebildet und können kurz alleine in der Apotheke sein, wenn der Apotheker telefonisch erreichbar ist. Aber eine Apotheke ohne Apotheker in der Endverantwortung darf es niemals geben.“
Seiner Meinung nach wird und sollte sich die Zahl der Apotheken in Deutschland weiter reduzieren. 12.000 Betriebe sollten seiner Meinung nach ausreichen. „Die Apotheken mit einem Apotheker und PTA haben doch nicht mehr die Kraft, zu existieren.“ Dagegen würden sich größere starke Apotheken entwickeln, die auch mit neuen Dienstleistungen gegenüber dem Druck des Versandhandels standhalten könnten. Die Gefahr, dass die Versorgung gerade auf dem Land durch einen weiteren Rückgang der Apothekenzahl leidet, sieht er nicht: Bereits jetzt würden Fahrtwege in Kauf genommen oder die Rezepte aus nichtversorgten Gemeinden „abgeholt“.
Generell sieht er in der Zusammenarbeit zwischen Apotheken und Arztpraxis Potenzial, das noch nicht ausgeschöpft ist. „Auch in Holland war es lange zurück ein Streit zwischen den Heilberuflern, als die Apotheke mehr Aufgaben übernommen hat. Aber mittlerweile ist die Zusammenarbeit sehr eng.“