Anwalt klagt über Blockadehaltung

„Mir erscheinen Apotheken wie Dinosaurier“

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Berlin -

Sebastian Vorberg ist Fachanwalt für Medizinrecht in Hamburg; aktuell verteidigt er etwa das Konzept des Augenscreenings bei der Drogeriekette dm, gegen das die Wettbewerbszentrale vorgeht. Er vertritt eine äußerst liberale Position zur Ausgestaltung des Gesundheitswesen, gerade hat er ein Buch mit dem Titel „Das Wesen der Gesundheit im Zentrum des Universums“ veröffentlicht. Seine Positionen (und die seiner Mandanten) untermauert er gerne auch mit provokanten, mitunter sogar polemischen Aussagen. In einem Interview mit der „Welt“ lässt er kein gutes Haar an den Arztpraxen und vor allem den Apotheken.

Vorberg geht davon aus, dass die Digitalisierung das Gesundheitswesen auf den Kopf stellen wird – und dass das auch gut so ist: Denn ohne moderne Konzepte werde man die immer längeren Wartezeiten bei Ärzten und die Kostenexplosion im Gesundheitswesen nicht lösen können. Ärzte und Apotheker fühlten sich durch die Digitalisierung und KI in ihrem Bestand angegriffen und lehnten deshalb aus einem Reflex heraus jede Innovation in diesem Bereich ab. Man müsse das Gesundheitswesen aber ohne Scheuklappen aus Sicht derjenigen betrachten, für die eigentlich da sei: die Patienten.

„Anstatt es ernst zu nehmen, dass Menschen sich im Internet oder im Austausch mit der KI über Symptome informieren wollen, macht man das lächerlich und spricht davon, dass die Leute über Google oder ChatGPT nur Desinformation über ihre Beschwerden beziehen. Damit ignoriert man aber, was der Patient will. Der will nämlich nicht monatelang auf einen Facharzt warten, sondern eine schnelle Antwort auf seine drängenden Fragen zu seinem Gesundheitszustand haben. Und die KI ist bereits in der Lage, solche Antworten zu liefern“, so Vorbergs These.

Das Argument, die KI liefere viel zu oft falsche Antworten, lässt der Anwalt im Welt-Interview nicht gelten: „Ärzte und Apotheker halluzinieren auch mitunter. Oder glauben Sie, dass jede Diagnose die richtige ist? Warum laufen denn so viele Patienten von Arzt zu Arzt? Das wird nicht daran liegen, dass Ärzte nur unumstößliche Wahrheiten von sich geben.“

Lieber KI als Apotheker

Auch das persönliche Gespräch wird laut Vorberg überschätzt: „Oft heißt es auch, dass der Apotheker nicht durch die KI ersetzt werden kann, weil seine Nähe zum Kunden entscheidend ist. Die Wahrheit ist aber, dass Sie in einer Apotheke oft nur ein paar Sekunden Zeit haben, um mit Ihrem Apotheker zu sprechen, weil hinter Ihnen schon eine Schlange aus Leuten steht und wartet. Und dann reden Sie mit dem Apotheker doch mal über Prostataprobleme, während hinter Ihnen fünf Leute zuhören. Ich weiß nicht, wie wohl die meisten Patienten sich dabei fühlen. Ich vermute allerdings, dass die meisten lieber mit der KI in ihrem Wohnzimmer über Prostataprobleme sprechen als in einer solchen Situation mit dem Apotheker.“

Mit seinem Buch wolle er „Denkblockaden“ lösen, denn um die Möglichkeiten der digitalen Transformation auszuschöpfen, müsse man ohne Scheuklappen auf das System schauen. „Ich denke, es ist unser gutes Recht, aus dieser Perspektive darüber nachzudenken – und dabei einfach mal überhaupt kein Interesse an der Sicht der Apothekerkammer und deren Fernbehandlungsphobie zu zeigen.“ Für den Bestandsschutz der Ärzte und Apotheker gebe es nämlich schon genügend Fürsprecher.

„Vollkommene Blockade gegenüber Neuem“

Dass die Anzahl der Apotheken zurückgeht, stört den Anwalt nicht. „Dafür entstehen gleichzeitig andere Angebote für Patienten. Apotheken verweigern sich leider dem Wandel und der Transformation in ein digitales Zeitalter. Mir erscheinen Apotheken wie Dinosaurier, auf die Digitalisierung und KI wie ein Komet zukommen. Der Schrei nach Bestandsschutz wird diesen Kometen allerdings nicht aufhalten. Eine Transformation beginnt mit Interesse und Verständnis für ein neues Thema. In der Apothekerschaft herrscht aber eine vollkommene Blockade gegenüber Neuem.“

Seine Schlussfolgerung daher: „Ich fürchte, die Zukunft der Versorgung mit pharmazeutischen Mitteln wird nicht die klassische Apotheke sein. Die KI wird viel von der Beratungsfunktion übernehmen. Und statt klassischer Geschäfte wird der Online-Versand zunehmen. Ich kann Apothekern deshalb nur den Ratschlag geben, ihre Leistungen auch mal den Drogeriemärkten anzubieten oder sich in anderer Weise ins Online-Geschäft zu integrieren. Für die Apotheker hätte das auch Vorteile. Viele könnten dann auch mal vom Ausland aus arbeiten und Beratung von Mallorca aus anbieten.“

Einige Apotheken hätten zusätzliche Geschäftsmodelle gefunden, etwa indem sie Verblisterung für Heime machten, so der Anwalt im Interview. „Aber das Gros der Apothekerschaft schützt sich wie eine Oligarchie, die ihre Pfründe verteidigt – auch wenn das den Patienten mehr schadet als nützt. Die Digitalisierung bringt nun mal eine Transformation, die den Markt für Arzneimittel komplett verändert. Manche werden Lösungen dafür finden und sich anpassen. Andere werden sich diesen Lösungen verweigern und untergehen. Und das ist meiner Ansicht nach auch gut so.“

Spotify-Moment im Gesundheitswesen

Die Drogeriekette dm habe durch die Screenings vor Ort und die Online-Apotheke gerade eine Führungsrolle in der Transformation übernommen. „Aber wir stehen noch ganz am Beginn dieser Entwicklung. Vielleicht wird dm ein ähnliches Schicksal wie Yahoo nehmen: Eine Firma, die wichtig ist, um eine Idee groß zu machen. Die aber dann auch von anderen Unternehmen überboten wird.“ Die digitalen Geschäftsmodelle im Gesundheitsbereich müssten sich erst herausbilden, dann werde auch dieser Markt seinen „Spotify-Moment“ erleben. „Musik im Internet galt lange als Zerstörung bisheriger Geschäftsmodelle und Niedergang der Kunst. Mit den Streaming-Diensten hat sich das geändert. Noch fließt aber viel zu wenig Geld in digitale Gesundheitslösungen, um bald zu einem solchen Spotify-Moment zu gelangen.“

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