Generikakonzerne

Der Poker um Stada

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Berlin -

Jahrelang hielt lief bei der Stada das Geschäft mehr oder weniger in geordneten Bahnen, viel mehr als 30 Euro waren beim Börsenkurs nicht drin. Seit Investoren den Konzern umschwirren, hat sich der Preis pro Aktie fast verdoppelt. Die Finanzwelt rechnet fest damit, dass es bei der einstigen Apotheker- und Ärzte-AG einen Besitzerwechsel geben wird. Doch die Gespräche ziehen sich mit teils skurrilen Vorfällen hin – und könnten noch scheitern.

Advent und Permira, Bain und Cinven: Zwei Bietergruppen ringen um Stada. Sie wollen je 3,6 Milliarden Euro für den MDax-Konzern zahlen. Doch das reicht Stada nicht. Während das Management den Preis für eine mögliche Übernahme hoch treiben will, gibt es immer wieder Turbulenzen. Wie geht es weiter?

Was macht Stada für Finanzinvestoren überhaupt so interessant?
Wegen der Niedrigzinsen fließt ihnen viel Geld von Anlegern zu, das angelegt werden muss. Und Kaufziele wie Stada sind rar. Der Konzern ist der größte unabhängige Hersteller von Generika in Deutschland und hat bei rezeptfreien Markenprodukten wie Grippostad und der Sonnenmilch Ladival eine starke Position. „Das ist ein wachsender Markt, Stada erwirtschaftet nachhaltige Renditen und hat außerdem den Fuß in interessanten Märkten wie Russland, Spanien und Italien“, sagt Ulrich Huwald, Analyst bei der Bank M.M. Warburg. Tatsächlich ist Stada mit über 10.000 Mitarbeitern in vielen europäischen Ländern, aber auch weltweit, etwa in Asien vertreten.

Steckte Stada nicht zuletzt noch in Schwierigkeiten?
Erst im vergangenen Jahr hatte sich der Investor AOC bei Stada eingekauft, Aufsichtsratschef Martin Abend abgelöst und einen Geschäftsumbau gefordert. Das hat bei Spuren hinterlassen: Zwar stieg der Umsatz um 2 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Doch Abschreibungen wegen des Rückzugs aus Brasilien und Ägypten sowie Währungseffekte belasteten. Mit 92,9 Millionen Euro verdiente Stada 16 Prozent weniger. Investoren glauben, dass der Umbau greift, sagt Huwald. „Sie setzen auf künftig bessere Geschäfte.“

Was haben die Finanzinvestoren mit dem Konzern vor?
Sie wollen Stada komplett übernehmen. Für gewöhnlich veräußern Beteiligungsgesellschaften gekaufte Firmen nach ein paar Jahren wieder, um Gewinn zu machen. Sie sind wegen ihrer teils harten Sanierungsmethoden gefürchtet. Advent hatte auch deshalb beteuert, Stada nicht zerschlagen zu wollen und sich zum Standort Deutschland bekannt. Man werde in die weltweite Expansion investieren.

Wie geht es im Übernahmekampf voran?
Zäh. Gespräche mit den Bietern hatte Stada jüngst verschoben und einen höheren Preis gefordert. Permira und Advent sowie Bain und Cinven sollen 58 Euro je Aktie bieten. Die Gespräche gehen wieder weiter, doch die Prüfung der Bücher, welche Bieter bis Ende März abschließen wollten, zieht sich dahin. Jüngst wurde dann überstürzt die Bilanzvorlage für 2016 wegen einer unbekannten Transaktion verschoben. In Finanzkreisen sieht man eine „Hinhaltetaktik“. Dort schwindet die Geduld. „Es macht sich langsam Unruhe breit.“

Was sorgt noch für Verwunderung?
Wellen schlug ein Bericht, wonach Konzernchef Matthias Wiedenfels 2016 im Dienstwagen zeitweise abgehört wurde. Zudem seien ihm anonym Fotos und Briefe geschickt worden, die Wiedenfels in vertraulichen Geschäftssituationen und im privaten Umfeld zeigten. Unklar ist auch, welche Rolle Aufsichtsratschef Ferdinand Oetker spielt. Er gilt als Verkaufsskeptiker – auch wenn er dies dementierte. Indes hat er einen Ausschuss gegründet, um einen „engen Austausch“ mit dem Vorstand zu gewährleisten. Für Erstaunen sorgte Oetker, da er den Kaufpreis laut Handelsblatt auf mindestens 70 Euro je Aktie treiben will.

Ist Stada so viel wert?
Analysten halten höchstens Preise um die 60 Euro pro Aktie für angemessen. Zumal Stada gut 1,1 Milliarden Euro Schulden hat, die Käufer übernehmen müssten. Gegen höhere Offerten spricht auch die Rechnung der Interessenten. Je mehr sie zahlen, desto weniger lohnt sich ihr Geschäft. Für Investitionen in Stada wäre zudem weniger Geld übrig. Immerhin hat der Konzern die Gewinnziele erhöht: Er verspricht Wachstum mit neuen und besser vertriebenen Medikamenten bis 2019.

Könnte die Übernahme noch scheitern?
Unwahrscheinlich, aber Analysten sehen eine gestiegene Unsicherheit. Platzen könnte ein Kauf wegen zu hoher Preisforderungen. 70 Euro je Aktie sei ein „Deal-Breaker“, sagt Huwald. In Finanzkreisen sucht man eine Entscheidung, aber nicht um jeden Preis. „Um Biegen und Brechen ist man sicher nicht auf Übernahme aus“, heißt es. Großaktionäre wie AOC werden schon unruhig. Sie dringen auf Annahme einer Offerte. Sie wollen mit der zuletzt hochgeschossenen Aktie Kasse machen.

Was würde ein Platzen bedeuten?
Die Aktie würde einbrechen, doch den Arbeitnehmervertretern käme ein „Weiter so“ gerade recht. Der Betriebsrat lehnt eine Übernahme ohnehin ab. Und die Gewerkschaft IG BCE ist in Sorge um die 1300 Stada-Jobs in Deutschland. Sie traut Advents Aussage nicht, nur eine freundliche Übernahme zu wollen. „Wir müssen sehen, ob das ernst gemeint oder ein Lippenbekenntnis ist“, sagte Betriebsbetreuer Alexander Wiesbach. Eine feindliche Übernahme halten auch Analysten nicht für ausgeschlossen. Dann wäre völlig offen, was auf Stada zukommt.

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