EuGH-Urteil

Gesund Leben greift DocMorris an

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Berlin -

Die „Gesund leben“-Apotheken schalten sich in den Debatte um das EuGH-Urteil ein. Der Beirat der Apothekenkooperation hat ein Musterschreiben entworfen, das Mitglieder an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und/oder an Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) schicken können. „Ergreifen Sie eine wirksame Maßnahme wie beispielsweise ein Rx-Versandhandelsverbot und lassen Sie nicht zu, dass die Sicherheit unseres Gesundheitsmarktes gefährdet wird“, heißt es darin.

Gesund leben ist mit mehr als 2200 Mitgliedern nach eigenen Angaben die größte Kooperation. Um den Kontakt zur Basis zu behalten, gibt es einen Beirat mit Apothekern aus den Vertriebsregionen. Das Gremium um den Vorsitzenden Christian Flössner wurde im März komplett neu besetzt, die Mitglieder werden neuerdings in den Beirat berufen. Die Idee dahinter: Loyale und kritisch-engagierte Mitglieder der Kooperation behalten für die Geschäftsführung ein Ohr an der Basis.

Anfang des Monats traf sich der Beirat turnusmäßig, natürlich war das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zu Rx-Boni Thema. Die Apotheker wollten nicht tatenlos zusehen und verfassten ein Schreiben mit dem Titel „Gegen Benachteiligung der deutschen Vor-Ort-Apotheke gegenüber ausländischen Versandapotheken wie DocMorris“. Der Brief sollte allen Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden. Die Apotheker an der Basis sollen damit auch die Bundestagsabgeordneten in ihrem Wahlkreis kontaktieren.

Aber Gesund leben gehört als Gehe-Kooperation zu Celesio und damit zum US-Konzern McKesson. Weil im insgesamt zehnköpfigen Beirat auch Mitglieder des Großhändlers sitzen, musste das Schreiben noch durch die Rechtsabteilung. Das Ergebnis war wiederum den Apothekern zu soft – so dauerte es letztlich zwei Wochen, bis man sich auf die aktuelle Fassung verständigt hatte. Im Anschreiben des Beirats an die Mitglieder heißt es: „Wir sind überzeugt, dass ein klares Signal der deutschen Apothekerinnen und Apotheker dringend notwendig ist und hoffen sehr auf Ihre Unterstützung.“

Im offenen Brief wird kurz über das EuGH-Urteil vom 19. Oktober informiert, wonach sich ausländische Versandapotheken nicht mehr an die Preisbindung halten müssen. Für deutsche Apotheken gilt sie dagegen weiterhin. „Ich als leidenschaftlicher und politisch interessierter Apotheker in Deutschland möchte hierzu klar mein Entsetzen äußern und Ihnen mitteilen, welche Risiken sich für die in Deutschland lebenden Patienten, aber auch für die inländische Wirtschaft hinter diesem Urteil verbergen“, heißt es in dem Brief.

Die Entscheidung habe „einen klaren Wettbewerbsnachteil für die Apotheken in Deutschland zur Folge und übersieht vollkommen deren gesetzlichen Versorgungsauftrag“. Die Apotheker garantierten die Akutversorgung und Notdienste und versorgten die Patienten mit Individualrezepturen und Betäubungsmitteln. „Ich befürchte eine eklatante Verschlechterung der flächendeckenden Gesundheitsversorgung in Deutschland“, so die klare Botschaft.

Denn seit dem EuGH-Urteil könnten EU-Versender Boni anbieten – letztlich sogar auf Kosten der Solidargemeinschaft, der durch die gewährten Boni Gelder verloren gingen. „Es darf vor allem keine Rosinenpickerei zulasten der Vor-Ort-Apotheken und damit der ortsnahen Versorgung der Patientinnen und Patienten insgesamt geben“, heißt es.

Die Apotheker warnen vor Entlassungen von Apothekenpersonal – immerhin seien derzeit 154.528 Personen in Apotheken beschäftigt. Auch Apothekenschließungen und eine Ausdünnung der Vor-Ort-Apotheken auf dem Land seien zu befürchten. „Wir Apothekerinnen und Apotheker in Deutschland hoffen inständig, dass wir unseren Versorgungsauftrag in Zukunft weiter vollumfänglich erfüllen können“, lautet der Appell. Hierfür soll sich die Politik einsetzen. Ein Rx-Versandhandelsverbot wird als mögliche Maßnahme ins Spiel gebracht.

Für ein Rx-Versandverbot setzt sich auch die ABDA nachdrücklich und vorerst ausschließlich ein. Dass nun ausgerechnet die Gehe-Kooperation mit in die Phalanx rückt, hat einen besonderen Charme: Immerhin gehörte DocMorris viele Jahre zu Celesio, bis die Versandapotheke im Herbst 2012 für 25 Millionen Euro an Zur Rose verkauft wurde.

Seitdem das ungemütliche Nebeneinander mit den DocMorris-Apotheken vor Ort sich dem Ende neigt, setzt auch Gehe wieder verstärkt auf „Gesund leben“. Dass die Mitglieder sich gegen eine Umlackierung in die Konzernvariante „Lloyds Pharmacy“ erfolgreich zur Wehr setzten, war schon Ausdruck eines neu gewonnen Selbstbewusstseins nach dem DocMorris-Fiasko. Der jetzt gestartete politische Angriff auf das einstige Schwesterunternehmen geht weit darüber hinaus. Gehe will DocMorris an die Existenz.

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