Porträt

Angreifer auf das Apothekensortiment Patrick Hollstein, 22.02.2011 10:19 Uhr

Berlin -

Ein Fleischer, ein Friseur und zwei Drogisten krempelten in den vergangenen 40 Jahren die deutsche Drogeriebranche um. Aus Fachgeschäften wurden Filialmärkte, Giftschränke wurden durch Leuchtregale mit Pflegeprodukten ersetzt. Gesundheitspräparate und frei verkäufliche Arzneimittel spielen seit jeher eine wichtige Rolle im Drogeriesortiment. Mit Pick-up und Exklusivware sind Apothekenmarken in greifbare Nähe gerückt.

Branchenprimus Schlecker startete 1967 zunächst als SB-Warenhaus am Stadtrand von Ehingen. Als Metzgermeister Anton Schlecker acht Jahre später in Kirchheim unter Teck schließlich seinen ersten Drogeriemarkt eröffnete, hatten seine heutigen Konkurrenten längst Fuß gefasst: Dirk Rossmann eröffnete 1972 in Hannover den „Markt für Drogeriewaren“. dm-Chef Götz Werner gründete ein Jahr später - nach der Pleite der elterlichen Drogerie in Heidelberg und einer Vor-Ort-Inspektion des Rossmann-Konzepts - sein erstes eigenes Geschäft in Karlsruhe.

Friseurmeister Erwin Franz Müller verkaufte sogar schon 1966 in seinem Haarsalon in Ulm Parfümerie-, Kosmetik- und Drogerieartikel. Zwei Jahre später eröffnete er als Konzessionär von Wertkauf einen „Friseursalon mit Drogerie“ in München. Ab 1973 tauschte auch Müller die Schere komplett gegen die Rechenmaschine.


Der Wegfall der Preisbindung für Drogerieartikel im Jahr 1974 markierte den eigentlichen Startschuss der Drogeriemarktketten. Man kam sich kaum in die Quere, dm und Rossmann kauften zunächst sogar gemeinsam ein. Erst mit der Übernahme der Kaiser's Drogeriemärkte durch Rossmann im Jahr 2003 begannen sich die Gebiete zu überschneiden. Schlecker öffnete 1977 die 100. Filiale, dm ein Jahr später, Rossmann 1982. Die internationale Expansion begann in den 1990er Jahren.

Das Besondere: Gut 40 Jahre nach ihrer Gründung sind die vier Drogerieketten immer noch überwiegend in Familienbesitz. Anton Schlecker haftet als Einzelunternehmer für seine Aktivitäten sogar mit seinem Privatvermögen. Rossmann und dm hatten sich für ihre Expansion Partner und Geldgeber gesucht.

Bei dm stieg 1974 der damalige Inhaber des Karlsruher Lebensmittelfilialisten Pfannkuch, Günther Lehmann, als Geldgeber ein; heute hält Lehmann die Hälfte der Anteile. Weil sich die Kompagnons seitdem angeblich nicht mehr viel zu sagen haben, nahm Werner 1978 für die Expansion nach Österreich statt Lehmann seinen früherer Ruderpartner Günter Bauer mit ins Boot. Das Osteuropa-Geschäft wird seitdem in der Günter-Bauer-Straße 1 in Salzburg koordiniert. Neben dem deutschen Mutterkonzern und Bauer ist die Handelsgruppe Spar beteiligt.

An Rossmann ist seit 2003 der Hongkonger Handelskonzern A.S. Watson mit 40 Prozent beteiligt. Dessen Mutterkonzern Hutchison Whampoa, der rund ein Drittel der Marktkapitalisierung der Hongkonger Börse ausmacht und mehrheitlich im Besitz des Milliardärs Li Ka-shing ist, hatte zuvor die niederländische Drogeriegruppe Kruidvat gekauft, der wiederum ihre Rossmann-Anteile zuvor von Hannover Finanz übernommen hatte.


Mit einem Umsatz von 7,2 Milliarden Euro und geschätzten 14.000 Märkten ist Schlecker europäischer Marktführer. Allerdings kämpft der Konzern derzeit nicht nur mit seinem notorischen Negativimage, sondern auch mit Umsatzrückgängen, Filialschließungen und Stellenabbau. Die neue Generation soll es jetzt richten.

dm erwirtschaftete im vergangenen Geschäftsjahr in seinen 2200 Filialen 5,2 Milliarden Euro; Rossmann kommt bei ähnlicher Filialzahl - allerdings deutlichem Übergewicht in Deutschland - auf 4,1 Milliarden Euro. Müller macht mit rund 600 Märkten knapp 2 Milliarden Euro Umsatz.

Auf Apothekenprodukte haben es auf verschiedene Art alle vier Unternehmen abgesehen: Schlecker betreibt Pick-up-Stellen mit der hauseigenen Versandapotheke Vitalsana, dm in Zusammenarbeit mit der Europa Apotheek Venlo. Rossmann machte bis vor kurzem Marketing für die Deutsche Internet Apotheke, Müller kooperiert mit mycare. Nicht apothekenpflichtige, sondern -exklusive Produkte würden alle Drogerieketten gerne ins Sortiment nehmen. Die Modellprojekte laufen.

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