Kommentar

Der neue Onkel-Apotheker-Laden

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Berlin -

Die Politik setzt lieber auf eine Strukturreform, als sich der dringend benötigten Honorarerhöhung für Apotheken anzunehmen. Derweil schließen in der Fläche weiter viele Apotheken. Gleichzeitig suchen Inhaberinnen und Inhaber nach Lösungen. Jetzt kommt die Idee von Gesundheitsshops wieder auf – eine Kombination aus Rx-Bestellterminal samt Freiwahlbereich und pharmazeutischem Personal. Ein zum Scheitern verurteiltes Experiment oder eine gewiefte Geschäftsidee? Ein Kommentar von Carolin Ciulli.

Die Zukunft der medizinischen Versorgung auf dem Land ist viel diskutiert. Auch Apothekerinnen und Apotheker wollen sich einbringen. Im bayerischen Landkreis Freising entstand jetzt ein Gesundheitsshop – in einer geschlossenen Apotheke. Das Konzept ist nicht neu; bereits 2009 wurde in einer verlassenen Offizin im saarländischen Marpingen eine Rezeptsammel- und Abholstelle, gemeinsam mit der Annahmestelle einer Textilreinigung, untergebracht. In den thüringischen Gemeinden Treffurt und Lengenfeld/Stein eröffneten Gesundheitsmärkte, in denen Freiwahlprodukte gekauft und über das Internet verschreibungspflichtige Arzneimittel bestellt werden können. Oft sind sogar ehemalige Apothekenangestellte dort tätig und beraten.

Gesundheitsshop soll Lücke ersetzen

Ist das die neue „Apotheke light“? Tatsächlich entwickelt sich das Angebot aus einer Not heraus, denn auf dem Land fehlt es oft an Anlaufstellen für die Bevölkerung. Wenn die Bankfiliale, die Post, der Bäcker und am Ende noch Arztpraxis und Apotheke verschwinden, stehen viele Menschen ganz alleine auf weiter Flur. Das Ansinnen, in einem Geschäft pharmazeutischen Service inklusive Briefversand anzubieten, könnte dabei als cleverer Coup bezeichnet werden.

Fest steht, dass solche Shops zunächst aus einer Lücke heraus entstanden sind und dass das Ausprobieren seine Berechtigung hat. Bleibt die Nachfrage gering und fehlt der Ertrag, dürfte der Markt sich an dieser Stelle schnell selbstregulieren. Mit dem richtigen Marketing und guter Beratung könnte solch ein Gemischtwarenladen inklusive Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetik an frequentierten Standorten auch zum neuen erfolgreichen Tante-Emma-Laden werden.

Fallstricke gibt es jedoch genügend. Die Landbewohnerinnen und -bewohner sind es mittlerweile gewöhnt, ihre Einkäufe in Zentren oder der Stadt zu erledigen. Genau deshalb überleben auch kleine Lebensmittelhändler nur schwer. Dazu kommt, dass das Angebot von freiverkäuflichen Arzneimitteln und anderen Apothekenprodukten außerhalb der Offizin nicht jedem gefällt. Gegenwind kommt nicht nur von Mitbewerberinnen und Mitbewerbern, auch Aufsicht und Hersteller dürften die Konzepte ganz genau prüfen.

Ist die Apothekenexklusivität noch gewahrt, wenn pharmazeutische Fachkräfte die Produkte außerhalb der Apotheke in einem Gesundheitshop anbieten? L’Oréal etwa sah bei Douglas kein Problem, wenn in einer Parfümeriefiliale eine PTA angestellt war und somit die Beratung auf dem Papier sichergestellt werden konnte. Andere Unternehmen könnten dabei jedoch strenger sein, was die Umsetzung von Depotverträgen angeht.

Vor allem aber muss sich die Politik fragen, ob sie solche Modelle als Zukunftsmodell ansieht. Ob sich Menschen auf dem Land daran gewöhnen müssen, durch Ersatzapotheken versorgt zu werden. Soll das der neue Standard im deutschen Gesundheitswesen werden?

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