Die Apotheken lassen sich den Protest einiges kosten. Gegenüber APOTHEKE ADHOC öffnen Inhaberinnen und Inhaber ihre Bilanzen und schildern, was die Schließung am 23. März sie kosten könnte – und betonen, warum sie den bundesweiten Apothekenprotest dennoch unterstützen. „Auf lange Sicht lohnt sich es“, sagt Jörn Graé von der Sixtus Apotheke in Haltern am See.
Tausende Apotheken werden am kommenden Montag für ein höheres Apothekenhonorar und den Erhalt der Vor-Ort-Apotheken demonstrieren. Viele Betriebe schließen. Laut dem Kampagnentool „ApoProtest“ hatten sich heute Morgen 2046 teilnehmende Apotheken eingetragen. Die Zahl steigt: Am vergangenen Donnerstag waren es noch rund 1200.
Inhaberinnen und Inhaber, die schließen, haben auch die Kosten im Blick. Graé betreibt laut eigenen Angaben eine Durchschnittsapotheke und rechnet an einem Montag mit einem Umsatz zwischen 10.000 und 12.000 Euro. „Die sind weg durch so einen Tag“, sagt er. Allerdings geht der Apotheker davon aus, dass viele Kundinnen und Kunden aufgrund der Vorabinformation auf Plakaten und in Lokalzeitungen über den Schließungstag Bescheid wissen werden.
Für ihn ist der Protesttag deshalb wie ein Feiertag. „Vorher und nachher kommt ein Teil des Umsatzes wieder rein.“ Dazu kämen Fixkosten von rund 1800 Euro, die aber auch an jedem anderen Feiertag anfielen. Graé unterstützt den Protest: „Ich sehe hier den Vorteil für uns, dass wir auf lange Sicht gewinnen.“ Denn wenn die Honorarerhöhung endlich komme, könnten Investitionen getätigt werden.
Das Plus werde nicht in die eigenen Taschen, sondern voraussichtlich in das Personal fließen. „Ich werde meine Angestellten besser bezahlen und vielleicht eine Person mehr einstellen können.“ Dadurch werde es wieder mehr Zeit geben. „Das ist mehr wert, als jetzt zu sagen, ich schließe aus Kostengründen beim Protesttag nicht.“ Die Demonstration sei mehr als überfällig. „Die Abda hat so lange gewartet, dass jetzt auch die Letzten sagen, sie machen mit.“
Auch Susanne Bormann wird am Montag schließen. Die Inhaberin der Apotheke im Nordharz-Center in Blankenburg weiß, dass der Tag finanziell auf jeden Fall ein Minus in der Bilanz hinterlässt. Sie erwartet ebenfalls einen Einbruch von mehreren Tausend Euro – allein die 75 Personalstunden müssten bezahlt werden. Im Schnitt kämen an einem Montag rund 300 Kundinnen und Kunden. Doch es gehe ihr um ein Signal an die Politik: Die Apothekenteams müssten zusammen und als Einheit auftreten. „Es ist unheimlich wichtig, dass mitgemacht wird, denn die Patientenversorgung wird leiden, wenn es so weiter geht.“
Bormann vermisst jedoch den Zusammenhalt in ihrer Region. Auf ihren Appell und Fragen, wer sich beteilige und ob man einen Bus zur Kundgebung in der nächsten Stadt organisieren sollte, sei keine Reaktion gekommen. Ihr Team werde am Protesttag vor der verschlossenen Apotheke Kundinnen und Kunden über die Gründe informieren. „Ich kann keinen verdonnern, dorthin zu fahren. Wichtig ist, es geht um die Arzneimittelversorgung, wir kämpfen gemeinsam für alle.“
Eine Inhaberin aus Rheinland-Pfalz verweist auf die Transferkosten für zehn Personen. Die Zugtickets kosteten 400 Euro. „Wir haben durch Bürokratie und Digitalisierung in der Apotheke jeden Monat so viel mehr unnötige Kosten, für unsere Zukunft gebe ich einmalig diese 400 Euro gerne aus. Das Team freut sich auf den Tag, der eine Art Betriebsausflug sein wird. Vielleicht wird es noch die Gelegenheit geben, gemeinsam etwas zu essen oder zu trinken.“
Sie rechne mit keinem großen Umsatzverlust. „Wie bei jedem anderen Feiertag zum Beispiel Rosenmontag auch, werden die Kunden am Dienstag kommen und nur für die wirklich dringenden Rezepte zur Notdienstapotheke fahren.“ Dort werde es vielleicht zu längeren Wartezeiten kommen. „Die meisten Kunden werden deshalb trotz Dringlichkeit sicher auch erst am Dienstag zu uns kommen, da ihnen der Weg zur Notdienstapotheke zu weit sein wird ist.“ Wenn alle Betriebe wirklich zumachten, werde der Ausfall deshalb für jeden einzelnen sehr überschaubar bleiben. „Ich rechne nicht damit, dass die Kunden ihr Rezept in den Online-Handel geben werden, da sie die Medikamente dort auch nicht schneller bekommen werden.“
Die Apothekerin hofft, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen bei „Apoprotest“ eintragen. Noch immer hätten sich viele, die schließen würden, sich dort nicht angemeldet. Dabei sei es „kinderleicht und schnell“. Man benötige nur das N-ident-Passwort, das jeder besitzen müsse.
Gerrit Nattler von der Elisana-Apotheke in Dorsten hat die Kosten nicht überschlagen. „Das ist schwer zu berechnen. Vieles wird sich einfach verschieben und es kommt auch darauf an, ob in der Nähe die Apotheken geöffnet oder geschlossen haben“, sagt er.
In Dorsten selbst ziehen alle Inhaberinnen und Inhaber an einem Strang und schließen. Natürlich sei es kurzfristig wirtschaftlich negativ und manchen Kolleginnen und Kollegen stehe das Wasser bis zum Hals. „Aber nichtsdestotrotz: Wenn man mit der aktuellen Situation nicht zufrieden ist, muss man handeln. Sonst ist es nicht konsequent und man darf sich eigentlich nicht beschweren.“