Vorsicht mit Synergieerwartungen

Apothekeninsolvenz: Filiale als Falle

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Berlin -

Der Filialboom nach 2004 hat ein Ende. Immer öfter werden Filialapotheken geschlossen, immer seltener kommt ein Verkauf zustande. Für Inhaberinnen und Inhaber kann sich eine Filiale negativ auf das Betriebsergebnis auswirken. „Für etwa 70 Prozent der Inhaberinnen und Inhaber mit Filialen ist die Expansion wirtschaftlich schlecht“, sagt Marco Dohmen, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht. Oft hätten die Betriebe eine Mitschuld an der Insolvenz von Apothekerinnen und Apothekern. 

 

Apothekerinnen und Apotheker haben immer weniger Filialen. Während es 2021 laut Abda-Zahlen noch 3365 Hauptapotheken mit mindestens einer Filiale gab, sank die Zahl nach drei Jahren auf 3134. Insgesamt lag die Zahl der Filialapotheken bei 4511, nach 4743 in 2021. Auch im vergangenen Jahr dürfte sich dieser Negativtrend fortgesetzt haben. Denn angesichts der Kostensteigerungen und des Fachkräftemangels werden Filialen immer öfter zum Minusgeschäft.

Begrenzte Synergieeffekte für Apotheken

Auch Dohmen betrachtet die Filialisierung kritisch. Natürlich gebe es Beispiele, bei denen es gut laufe, räumt er ein. Doch dafür müssten jedoch mehrere Faktoren zusammenkommen und funktionieren. Denn die erhofften Synergien seien begrenzt: Natürlich könnten beim Einkauf zum Teil bessere Konditionen ausgehandelt werden, so Dohmen. Allerdings werde das Plus häufig von den deutlich höheren Personalkosten und Strukturkosten aufgezehrt.

Rechtsanwalt Marco Dohmen lächelt.
Rechtsanwalt Marco Dohmen rät, auf den Ertrag und nicht den Umsatz zu schauen.Foto: Dohmen

Dazu komme, dass vor dem Kauf bei der Auswahl einer möglichen Filiale häufig nur auf den Umsatz geschaut werde. „Das kann dazu führen, dass die Personalquote beispielsweise auf dem Papier gut aussieht. Aber mit der Tendenz zu immer höherpreisigen Arzneimitteln steigen die Umsätze bei sinkenden Rohgewinnen und die Personalkostenquote ist verfälscht.“ Besser man ermittele die Personalkostenquote auf Basis der Rohgewinne. „Das ist jedenfalls aussagekräftiger als ein Blick auf den Umsatz.“

Am Besten sei jedoch die Erstellung einer dezidierten Personalkostenplanung auf Basis von Öffnungszeiten und Packungszahlen, wobei zu berücksichtigen sei, dass beim Kauf einer laufenden Apotheke die bestehenden Arbeitsverhältnisse übernommen werden müssten. Aber dies eröffne dann unter Umständen noch einmal die Möglichkeit zu weiteren Preisverhandlungen.

Apotheker muss Filialtyp sein

Wichtig sei auch, dass man als Inhaberin oder Inhaber der „Typ für eine Filiale“ sein müsse. Ein Vorteil sei sicherlich, wenn die Betriebe nicht zu weit voneinander entfernt lägen. Aber gerade in der Anfangszeit brauche die Filiale viel Aufmerksamkeit durch den Inhaber, dies bedeute dann aber häufig auch, „dass die Hauptapotheke leidet, wenn man sich zu um die Filiale kümmern muss“.

Dohmen empfiehlt filialwilligen Inhaberinnen und Inhabern eine konsequente Planung, auch unter Berücksichtigung der Zahlen der bestehenden Hauptapotheke. „Ich darf mir nicht alles schönrechnen oder schönrechnen lassen, vielmehr gilt es, das Worst- und Bestcase-Szenario einschließlich aller weiteren – auch privaten Faktoren – zu betrachten, um auf dieser Basis die Entscheidung treffen.“

Die Apothekerinnen und Apotheker, die heute wegen Filialen in die Zahlungsunfähigkeit rutschen, hätten die Betriebe meist vor fünf bis zehn Jahren übernommen. Damals seien die Firmenwerte viel höher gewesen und die Banken hätten diese auch viel einfacher finanziert. „Heute sind alle kritischer.“ Wenn diese Filialen keinen großen Gewinn abwerfen und von einer Quersubventionierung mitgetragen werden, könne schon ein einzelnes externes Ereignis wie eine Baustelle oder der Verlust eines Verordners in die Krise führen, warnt Dohmen.

Damals wie heute gelte: „Wer eine kriselnde Hauptapotheke mit einer Filiale ‚aufbessern‘ will, für den ist die Filiale häufig der Nagel im Sarg und keine Rettung der Hauptapotheke.“ Und wenn dann die Filialisierung nicht funktioniere und man gezwungen sei, die Filiale zu veräußern, sei ein Problem, dass „man häufig nicht die Veräußerungserlöse nach Abzug eventueller Steuern erzielen kann, um die noch bestehenden Verbindlichkeiten aus der Filialisierung zu decken“, sagt er.

Dass eine Filiale jedoch auch eine Rettung sein kann, kommt natürlich auch vor. „Ein Mandant hatte vor seiner Hauptapotheke den Parkplatz des Einkaufszentrums für sechs Monate gesperrt, da war es für ihn super, seine Filiale zu haben.“

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