Kasse beschattet Botendienst | APOTHEKE ADHOC
ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Kasse beschattet Botendienst

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Berlin -

Blinker links, Blinker rechts. Das ist das Signal zur Übergabe. Die Kollegin im dunkelblauen VW biegt auf den Supermarktparkplatz ab, jetzt ist Nummer 2 dran. Der Detektiv hängt sich an das kleine Botenauto der Apotheke und folgt in sicherem Abstand.

Die Fahrt zieht sich, bis raus in die Vorstadt geht es. Ob die Fahrerin ihn entdeckt hat, fragt sich der Detektiv. Gerade als er die Verfolgung abbrechen will, hält das Botenauto vor einer Doppelhaushälfte. Er parkt seinen eigenen Wagen etwas weiter hinten auf der anderen Straßenseite, freies Schussfeld für die Kamera.

Eine Frau im weißen Kittel steigt aus, in der Hand eine Tüte mit rotem A. Sie klingelt, wartet sehr lange. Endlich öffnet eine ältere Dame, bestimmt über 80. Der Detektiv macht seine Fotos, auch wenn sein Auftraggeber explizit nach jüngeren Kund:innen gefragt hat. Er kann ja nicht mehr als die Realität abbilden. Unentdeckt fährt er weiter. Drei Zustellungen muss er heute noch abfangen und Beweismaterial liefern.

Denn seinem Auftraggeber, einer Krankenkasse, ist es schon lange ein Dorn im Auge, dass die Apotheken unter bestimmten Umständen für den Botendienst vergütet werden. Deshalb werden jetzt die Kuriere der Apotheken beschattet. Das ist zwar sehr aufwändig und teuer, lässt sich in der Bilanz aber bestimmt irgendwo unter Gesundheitsförderung verstecken.

Zurück bei seinem Auftraggeber berichtet der Detektiv ausführlich von seinen Beobachtungen: Gerade ältere Patient:innen oder solche, die irgendwie krank aussahen, hätten meist größere Tüten bekommen, so als hätten sie gleich den ganzen Quartalsbedarf ihrer Dauermedikation auf mehreren Rezepten verordnet bekommen. Und für Ehepaare seien die Medikamente immer in getrennten Tüten angeliefert worden, da habe er nicht gewusst, ob er die Adresse doppelt zählen soll, so der Detektiv. Da war der Auftraggeber etwas ungeduldig geworden. Als der Detektiv dann noch sagte: „Mal ganz ehrlich, die Apotheken, die müssen doch da irgendein Ding drehen, sonst lohnt sich das doch nie mit diesem Botendienst.“ – flog er raus und verlor den Auftrag der Kasse.

Keine Sorge, in Wirklichkeit beschatten die Kassen Ihren Botendienst noch nicht (so viel wir wissen). Aber so weit weg ist die „Studie“ der Barmer auch nicht, in der etwas von „Zielverfehlung“ der Botendienstregelung schwadroniert wird, ohne dass in der Analyse die einfachsten Fragen beantwortet oder überhaupt nur gestellt worden wären. Familienangehörige, Akutversorgung, Pflegeheime – alles ausgeblendet.

Die Kasse müsste wissen, dass auch die 2,50 Euro netto angesichts immer längerer Fahrten (Apothekensterben), Personalmangel, Mindestlohn und steigenden Spritkosten ohnehin schon eher symbolisch sind. Wenn als Folge dieser Barmer-Analyse die Botendienstpauschale wieder gestrichen werden sollte, würden etliche Apotheken den Service vermutlich zurückfahren oder ganz einstellen, eine Verschlechterung der Arzneimittelversorgung wäre die Folge.

Beherrscht hat diese Woche aber wieder einmal ein Thema: das E-Rezept. Jetzt steigen auch noch die Kassenärzte in Westfalen-Lippe aus dem Rollout aus, weil die Datenschützer das eGK-Verfahren als zu unsicher eingestuft haben. Das ist die Begründung der Kassenärzte, Applaus gab es von den Kollegen aus Schleswig-Holstein. Ebenso von der KBV, den Hausärzte und sogar von den Zahnärzten. So richtige Digitalisierungsfans werden die Medizinier wohl nicht mehr.

Nur die Abda behauptet weiter steif und fest, alle Apotheken könnten das E-Rezept kaum erwarten und wären readyready. Die eGK-Lösung möge doch bitte schnellstmöglich kommen. Noch sehnlicher warten nur die Versender, deren Aktionäre unter der Woche in Scharen flohen. Doch die Gematik hat mitgeteilt, dass sie est Mitte 2023 mit der sicheren eGK-Option rechnet.

Bis dahin wird es wieder einige hundert Apotheken weniger geben, so traurig es ist. Immerhin wird den Verschwundenen jetzt einmal gedacht. Zum ersten „Apothekentrauertag“ ist auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eingeladen. Nach Colbitz reisen wird er aber vermutlich nicht, denn es gilt die Energiekosten der Krankenhäuser und Pflegeheime abzufedern. KBV und Abda erinnern den Minister daran, dass auch eine ambulante Versorgung kritisch ist und Praxen und Apotheken kaum Energie sparen dürfen. Sie verlangen eine Aufnahme in die Härtefallregelung.

Wenn schon der Gesundheitsminister nichts für die Apotheken tut, dann vielleicht Kabinettskollege Robert Habeck? Der ist als Wirtschaftsminister immerhin für das Apothekenhonorar zuständig. Und immerhin hat sein Büro in einem Brief an Kammerpräsident Kay Christiansen jetzt versprochen, dass diese elenden Retaxationen dem geplanten Bürokratieabbau im Gesundheitswesen zum Opfer fallen könnten. Es gibt noch Hoffnung.

Aber nicht mehr für Kry. Der Telemedizinanbieter zieht sich im Dezember aus dem deutschen Markt zurück, weil es nicht schnell genug voran geht. Darüber haben wir ausführlicher im Podcast NUR MAL SO ZUM WISSEN gesprochen. Und über den Auftritt von Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn bei Kurt Krömer. Eine Hörempfehlung in eigener Sache also zum Schluss. Schönes Wochenende!

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