Morbus Parkinson galt lange Zeit vor allem als „Alte-Männer-Krankheit“. Doch ein geschlechtsspezifischer Blick auf die Neurologie offenbart deutliche Unterschiede: Frauen erkranken anders, zeigen ein abweichendes Symptomspektrum und erleben durch hormonelle Einflüsse teils massive Wirkungsschwankungen ihrer Medikation. Für das Beratungsteam am HV-Tisch eröffnet dieses Wissen neue Chancen für eine gezieltere Betreuung betroffener Patientinnen.
In Deutschland leben derzeit rund 400.000 Menschen mit der Parkinson-Krankheit. Durch die stetige Alterung der Bevölkerung ist bis zum Jahr 2040 mit einem Anstieg der Fallzahlen um etwa 50 Prozent zu rechnen. Obwohl die Erkrankung bei Männern insgesamt häufiger auftritt (Prävalenz-Verhältnis Männer/Frauen liegt bei 1,18 beziehungsweise Männer erkranken etwa 1,6-mal häufiger), ist der Krankheitsverlauf bei Frauen von besonderen biologischen Rahmenbedingungen geprägt:
Männer und Frauen unterscheiden sich sowohl in den motorischen als auch in den nicht-motorischen Manifestationen der Erkrankung deutlich: Während Frauen in Hinblick auf die motorischen Symptome zu Krankheitsbeginn deutlich häufiger einen Tremor als Erstsymptom manifestieren (67 Prozent vs. 48 Prozent), sind bei Männern Symptome wie Bradykinese, Hypomimie, Sprech-/Stimmprobleme, Haltungsstörungen und Gangblockaden tendenziell ausgeprägter.
Auch ein Blick auf die nicht-motorischen Symptome zeigt signifikante Unterschiede: So leiden Frauen häufiger unter Angst, Depressionen, Fatigue und Schmerzen, während Männer häufiger mit den Folgen kognitiver Beeinträchtigungen umgehen müssen.
Besonders in der Prodromalphase der Parkinson-Erkrankung ähneln viele Symptome den Symptomen des Klimakteriums, wie Brain Fog, Fatigue, Schlafstörungen und Ängsten – daher ist es sowohl für die Patientinnen selbst als auch für die Therapeuten zunächst zum Teil schwer zu unterscheiden, woher die Symptome kommen. In der Folge bedeutet das, dass die Diagnosestellung bei Frauen deutlich länger dauert als bei Männern.
Der biologische Schlüssel für viele geschlechtsspezifische Unterschiede liegt in der engen Wechselwirkung zwischen Östrogen und dem dopaminergen System im Gehirn. Östrogenrezeptoren befinden sich nämlich keineswegs nur im Brust- und Uterusgewebe, sondern in hoher Dichte auch im Gehirn. Dort entfaltet Östrogen neuroprotektive Effekte und fungiert bei der Parkinson-Krankheit als eine Art biologischer Puffer, der starke Schwankungen der Dopaminverfügbarkeit ausgleicht.
Dieser hormonelle Puffereffekt hat direkte Auswirkungen auf den Alltag betroffener Frauen: Da Östrogene in den Ovarien gebildet werden und bis zur Menopause auf einem insgesamt hohen Niveau liegen, unterliegen sie dennoch monatlichen Schwankungen. Dies führt dazu, dass sich die Parkinson-Symptomatik bei prämenopausalen Patientinnen zyklisch verändern kann. Ist bereits eine Diagnose gestellt und eine medikamentöse Therapie eingeleitet, bedingt das hormonelle Auf und Ab, dass die Medikation zu bestimmten Zeitpunkten im Menstruationszyklus spürbar besser wirkt als zu anderen.
Mit zunehmendem Alter gewinnt diese Dynamik noch weiter an Komplexität: In der Perimenopause beginnen die Östrogenspiegel stark zu fluktuieren, bevor sie postmenopausal auf sehr niedrige Konzentrationen abfallen. Diese hormonellen Umbrüche beeinflussen die Symptomatik sowie die Wirksamkeit der Parkinson-Medikamente direkt und müssen daher zwingend in das Therapieregime einbezogen und bei Dosisanpassungen berücksichtigt werden.
Im Laufe der langjährigen Behandlung mit L-Dopa verliert die Therapie – bei Männern wie auch bei Frauen – oft ihre gleichmäßige Wirkung. Die Gehirnzellen reagieren im Verlauf der Erkrankung zunehmend empfindlicher auf Schwankungen des Wirkstoffspiegels:
Neben den biologischen Besonderheiten stehen weibliche Betroffene vor einer besonderen gesellschaftlichen Herausforderung: Viele Frauen sind trotz ihrer Erkrankung weiterhin stark in Care-Arbeit eingebunden – sei es als Mutter, Partnerin oder pflegende Angehörige. Diese Doppelbelastung führt dazu, dass die eigene Gesundheit oft an zweiter Stelle steht. Hinzu kommt, dass sichtbare Überbewegungen im Alltag von Außenstehenden oft fälschlicherweise als „nervöse Zappeligkeit“ missverstanden werden, was den psychosozialen Druck erhöht.
Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich insbesondere in der Beratung betroffener Frauen konkrete Anhaltspunkte für das Apothekenteam:
Führen eines Bewegungsprotokolls empfehlen: Kundinnen sollten ermutigt werden, gute und schlechte Phasen (ON/OFF sowie Überbewegungen) über einige Tage in einem Bewegungsprotokoll zu dokumentieren. Das erleichtert dem Arzt die gezielte Therapieanpassung.
Frauen haben anders Parkinson – dieses und weitere Themen finden Sie in der neu erscheinenden Ausgabe der Apotheken Umschau. Für weitere Beiträge besuchen Sie gern die APOTHEKE ADHOC-Rubrik „Apotheken Umschau“.
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