Engpässe werden immer gravierender

Jodtabletten: Können Patient:innen noch versorgt werden?

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Berlin -

Die Nachfrage zu Jod-Präparaten ist in der vergangenen Woche massiv angestiegen. Während die Verfügbarkeit in größeren Städten bereits zu Beginn der vergangenen Woche problematisch war, halten die Schwierigkeiten nun immer großflächiger Einzug. Patient:innen, die gesundheitlich auf das Spurenelement angewiesen sind, könnten künftig Probleme bekommen.

In zahlreichen Apotheken hat sich in der vergangenen Woche ein ähnliches Bild abgezeichnet: Verängstigte, teilweise panische Kund:innen, welche in größeren Mengen Jod-Präparate kaufen wollen. Die Begründung: Man wolle sich auf den Ernstfall vorbereiten, um im Falle eines Atom-Angriffs durch Russland geschützt zu sein.

Das einzige hochdosierte Jod-Präparat Kaliumiodid Lannacher von der Firma Gerot Lannach Pharma – welches bei radioaktiven Unfällen zum Einsatz kommen kann – war das erste Präparat, welches nicht mehr zu bekommen war. Der Hersteller berichtete von einem extremen Anstieg der Nachfrage: Sowohl Apotheken wie auch Privatleute würden in großer Sorge anrufen – die Stimmung reiche dabei von verzweifelt bis aggressiv. „Wir erfahren eine unglaubliche Nachfrage und arbeiten mit Hochdruck daran, diese zu decken“, erklärte eine Sprecherin.

Niedrigdosiertes Jod – ist die Versorgung gefährdet?

Mittlerweile wird von den Verbraucher:innen deshalb auf alle noch verfügbaren Präparate zurückgegriffen. Die Lieferschwierigkeiten weiten sich daher breitflächig auf die herkömmlichen Präparate aus. Einige Apotheken berichten, dass mittlerweile kaum oder gar keine jodhaltigen Tabletten mehr über den Großhandel zu beziehen sind und auch die Schubladen leeren sich.

Für Patient:innen, die auf die Einnahme von Jod aufgrund eines Mangels angewiesen sind, könnte das in naher Zukunft zum Problem werden. Denn sowohl die Präparate für die wöchentliche Einnahme wie auch die für die tägliche Einnahme sind von den Problemen betroffen.

Wie sinnvoll ist die Einnahme?

Dabei eignen sich die herkömmlichen Präparate gar nicht für eine Jod-Blockade, was im Beratungsgespräch unbedingt verdeutlicht werden sollte:

  • Präparate mit wöchentlicher Einnahme enthalten 2 mg Kaliumjodid – für eine Jodblockade mit 130 mg Kaliumiodid müsste ein Erwachsener also 65 Tabletten einnehmen (eine Packung enthält 14 Tabletten).
  • Präparate für die tägliche Einnahme enthalten zwischen 100 und 200 μg Jodid pro Tablette – hier wäre die Einnahme von bis zu 500 Tabletten nötig.

Risiken der eigenmächtigen Jod-Einnahme

Dennoch beharren die meisten auf ihrem Wunsch. Es sollte weiterhin darauf hingewiesen werden, dass nicht jeder ohne ärztliche Rücksprache größere Mengen Jod einnehmen darf. Expert:innen warnen aktuell vor der eigenmächtigen Einnahme. Denn das Spurenelement kann auch schädlich sein.

„Untersuchungen aus verschiedenen Regionen der Welt zeigen, dass es nach Zunahme der durchschnittlichen täglichen Jodaufnahme zum häufigeren Nachweis von TPO-Antikörpern im Blut als Hinweis auf eine Hasimoto-Thyreoditis und bei sehr hoher Jodaufnahme bei Patienten mit erhöhten TPO-Antikörpern auch häufiger zu einer Schilddrüsenunterfunktion kommt“, erklärt das Deutsche Schilddrüsenzentrum. „Letztlich erlaubt die aktuelle Datenlage aber noch keine abschließende Bewertung darüber, welche genauen Dosen bei welchen Patienten tatsächlich schädlich sind. Patienten mit einer Hashimoto wird allerdings geraten, auf die Einnahme zusätzlicher Jodpräparate oder auf eine einseitige Ernährung mit sehr jodreichen Nahrungsmitteln zu verzichten. Das gilt ganz ausdrücklich nicht für schwangere Hashimoto-Patienten.“

Über 45-Jährige sollten gemäß den Empfehlungen der Strahlenschutzkommission ebenfalls von einer Einnahme absehen. Mit steigendem Alter treten häufiger Stoffwechselstörungen der Schilddrüse auf, welche die Gefahr von Nebenwirkungen einer Jodblockade erhöhen.

Eine Übersicht zur Jod-Einnahme als Download gibt es hier.

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