Rezepturmäßige Herstellung

Hohe Nachfrage: Kaliumiodid als Rezeptursubstanz

, Uhr
Berlin -

Obwohl die Bundesregierung bereits mehrfach darüber aufgeklärt hat, dass eine prophylaktische Lagerhaltung von Jodtabletten nicht sinnvoll ist und eine vorbeugende Einnahme in Eigenregie sogar schädlich sein kann, scheinen viele Bürger:innen diese Hinweise zu ignorieren. Kaliumiodid Lannacher ist vergriffen, in den meisten Apotheken ist der Verkauf von niedrigdosierten Tabletten gestiegen. Auch die Nachfrage nach der Rezeptursubstanz ist hoch.

Der Kundenwunsch nach Jod sorgt im Handverkauf seit zwei Wochen für heiße Diskussionen und bringt Apotheker:innen und PTA in einen Zwiespalt. Die tatsächlich wirksamen hochdosierten Jodtabletten sind nicht lieferbar – die niedrigdosierten Tabletten, die beispielsweise von Schilddrüsenpatient:innen eingenommen werden, sind im Falle eines nuklearen Unfalls unwirksam. Sofern man den Kunden nicht wegschicken will, bleibt eigentlich nur noch eine Alternative: die Rezeptur.

Fagron verzeichnet extreme Nachfrage

Fagron bestätigt, dass die Nachfrage nach Kaliumiodid seit Beginn des Ukraine-Konfliktes extrem gestiegen ist. Noch sei aber Ware an Lager. Dass das aktuelle Bestellaufkommen eine Folge des Krieges ist, lässt sich kaum bestreiten, denn im Normalfall gehört Kaliumiodid eher zu den selten genutzten Substanzen in der Rezeptur. Das NRF verfügt lediglich über zwei Vorschriften: Kaliumiodid-Tropfen 0,05 Prozent (NRF 20.4.) und Iodid-Lösung 500 mg/ml (NRF 28.1.).

NRF 20.4. – Kaliumiodid-Tropfen 0,05 Prozent
Anwendung sowohl prophylaktisch als auch therapeutisch zum Ausgleich des alimentären Iodmangels (Struma-Prophylaxe, Rezidivprophylaxe, Behandlung des euthyreotischen Struma)

NRF 28.1. – Iodid-Lösung 500 mg/ml
Anwendung in hochdosierter Form zur sogenannten Plummerung: Durch die Gabe wird die körpereigene Schilddrüsenhormonproduktion blockiert. Dadurch verringert sich die Durchblutung und der/die Chirug:in kann das Struma besser entfernen.

Keine monographierten Kapseln
Eine Vorschrift zur Herstellung von Kapseln beinhaltet das NRF nicht. Dennoch: Eine Herstellung wäre möglich. Schaut man die Hilfsstoffe von im Handel befindlichen Tabletten an, so zeigt sich, dass es in viele Präparaten dieselben Substanzen sind, die man in der Apotheke für die Kapselherstellung nutzt. So enthalten viele Jod-Fertigarzneimittel sowohl den Füllstoff Cellulose oder Lactose als auch das Fließregulierungsmittel Aerosil. Sowohl eine gravimetrische als auch eine volumetrische Herstellung nach Methode A (hoher Wirkstoffanteil von über 50 Prozent des Kapselfüllvolumens) wären möglich. Die Zugabe von 0,5 Prozent hochdispersen Siliciumdioxid kann die Fließfähigkeit verbessern.

Lugolsche Lösung
Diese Jodlösung wird eigentlich nur noch im Labor zur Anfärbung von Bakterien, zum Chitinnachweis oder im Rahmen der Iodometrie eingesetzt. Doch auch unabhängig vom Ukraine-Konflikt fragen Kund:innen in der Apotheke ab und an nach der Lugolschen Lösung. Die früher als Desinfektionsmittel eingesetzte Lösung gilt als verheißungsvolles Mittel bei zahlreichen Erkrankungen – dabei kann der Wunsch nach einer oralen Option gar nicht erfüllt werden. In einem Milligramm Lösung stecken 50 Mikrogramm Iod. Für die orale Einnahme ist die Lösung schlichtweg nicht zugelassen.

Orale Einnahme birgt Risiken

„Die orale Einnahme der Lugolschen Lösung oder anderer Jodtinkturen ist gefährlich“, so der Arbeitskreis (AKJ) bereits im letzten Jahr als Reaktion auf den Trend der hochdosierten Jodeinnahme. „Der extrem hohe Jodgehalt kann zu massiven Funktionsstörungen der Schilddrüse führen. Anfänglich kommt es immer zu einer kompletten Blockierung der Schilddrüsenfunktion mit einer temporären mitunter schweren Hypothyreose. Zudem kann bei Patienten mit bestehenden Schilddrüsenerkrankungen, wie autonomen Adenomen oder einer Autoimmunthyreoiditis, anschließend eine manifeste Hyperthyreose, also eine Überfunktion, auftreten. Diese ist dann nur schwer zu behandeln, da die verfügbaren Medikamente kompetitiv zum Jodgehalt der Schilddrüse wirken.“

Das gestiegene Bestellaufkommen von Kaliumiodid bei den Ausgangsstoffherstellern zeigt, dass die Nachfrage in der Apotheke weiter anhält und dass Kund:innen auf Alternativen zu den fehlenden hochdosierten Jodtabletten ausweichen wollen. Die Angst vor einem nuklearen Unfall oder Angriff ist größer als die Einsicht, dass die eigenständige Einnahme von hochdosiertem Jod eher schädlich als hilfreich sein kann. Auch die Lagerhaltung des Bundes über ausreichende Mengen Jodtabletten mindert die Nachfrage nach Rezepturen nicht. Da im Enrstfall nicht alle Bürger:innen Jod erhalten würden, wollen einige Kund:innen vorsorgen. Beispielweise sollen Personen über 45 Jahren kein hochdosiertes Jod einnehmen.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Neuere Artikel zum Thema
Mehr zum Thema
GesundheitsID aus der Apotheke
Apo-Ident: DAV plant erste Tests
Mehr aus Ressort
Mündliche Absprachen verschriftlichen
Übernahme: Das gilt für Arbeitsverträge
Bei Beratung Abschied nicht unterschätzen
Apothekenkunden richtig verabschieden

APOTHEKE ADHOC Debatte