„In Ihren Reinräumen entstehen keine Massenprodukte. Dort entstehen Überlebenschancen“, betonte Oliver Feth, Präsident des Verbands der Zytostatika herstellenden Apothekerinnen und Apotheker (VZA), auf der diesjährigen Jahrestagung. „Sie sind das pharmazeutische Rückgrat der Onkologie in Deutschland.“ Doch statt mit Anerkennung und einer stabilen Finanzierung reagiere die Politik auf diese Höchstleistungen mit einem Mix aus Misstrauen, Sparwut und überbordender Bürokratie. „Warum, frage ich Sie, wird ausgerechnet dieses System politisch und regulatorisch immer weiter unter Druck gesetzt?“
Einer der kritischen Punkte sei die Nullretaxation: „Was wir hier erleben, ist keine ordnungsgemäße Abrechnungsprüfung. Es ist eine Strafexpeditionsmentalität“, kritisiert er. Eine Apotheke stelle für einen hohen Betrag eine Infusionslösung her, die Therapie werde verabreicht, dem Patienten gehe es besser und der Arzt sei zufrieden. „Und dann findet ein Kassenmitarbeiter Monate später einen minimalen formalen Fehler auf dem Rezept. Und wie lautet das Urteil der Kasse? Null Euro für die Apotheke.“
Das sei nichts anderes als ein „legalisierter Raubbau an Ihrem Engagement“. Wenn ein kleiner Formfehler zum Totalverlust des Vergütungsanspruchs bei hochpreisigen Therapien führen könne, dann werde mit der Existenz von spezialisierten Apotheken Roulette gespielt. „Wir fordern ein Ende dieser Retaxationswillkür“, forderte er klar. Es brauche Verhältnismäßigkeit und Korrekturmöglichkeiten sowie ein System, das zwischen Versorgungsfehlern und Formfehlern unterscheiden könne.
Auch die Abrechnung der gesetzlichen Zuzahlung über Patienten, welche die Apotheken einzutreiben haben, müsse geändert werden. Mehrheitlich würden Rechnungen über die gesetzliche Zuzahlung zur Monatsmitte, zum Monatsende oder in Zyklen regelmäßig ausgestellt und postalisch oder elektronisch versandt. Bei Nichteinhaltung des Zahlungsziels gebe es Zahlungserinnerungen. „Was aber – und wir kennen das jetzt alle – wenn das nichts nutzt? Wir haben getan, was wir tun konnten, nehmen Kontakt mit der Krankenkasse auf“, so Feth.
Doch Hilfe bekäme die Apotheke hier nicht. Der Versicherte habe die Zuzahlung an die abgebende Stelle zu leisten, zitierte er aus einem Schreiben einer Krankenkasse. Soweit ein Versicherter dem nicht nachkomme, sei die Apotheke verpflichtet, ihn dazu gesondert aufzufordern. Sollte das nicht reichen, müsse auf dem Verordnungsblatt im Zuzahlungsfeld der Betrag null ausgewiesen werden. Doch damit nicht genug: Laut der Kasse sei das Rezept erst nach Beendigung des Zuzahlungsgeschäftes zur Abrechnung einzureichen.
„Weder der pharmazeutische Hersteller noch der pharmazeutische Großhandel und schon gar nicht die Apotheke kann die Vorfinanzierung bis zum Abschluss dieses Verfahrens betreiben. Das ist fernab der Realität“, kritisierte er. „Was für ein Wahnsinn. Wir alle sind die Abgabestelle der Arzneimittelversorgung und keine Inkassostellen.“ Eine vollständige Übertragung des Ausfallrisikos auf die Apotheken sei aus praktischer und insbesondere wirtschaftlicher Sicht unzumutbar. Hinzu komme erschwerend, dass der Verwaltungs- und Kostenaufwand für viele wiederholte Zahlungsaufforderungen, Mahnungen sowie weitere Schritte in absolut keinem Verhältnis zur eigentlichen Vergütung der Abgabeforderungen stehen würde. „Konsequenterweise müssten wir den Spieß umdrehen und aus Gründen der Entbürokratisierung das Einziehen der Zuzahlung komplett an die Krankenkassen abgeben.“
Ein weiterer Brennpunkt sei die Hilfstaxe. Derzeit werde hier mit „verdeckten Karten“ gespielt. Der Verhandlungsprozess in der Hilfstaxe zwischen den Selbstverwaltungspartnern leide seit Jahren unter der ungleichen, dysfunktionalen Transparenz, kritisiert er. Um dauerhaft tragfähige Vereinbarungen über gewichtete und insbesondere am Markt tatsächlich zu erzielende Wirkstoffpreise sowie über Abschläge auf Wirkstoffe für Fertigarzneimittel in parenteralen Zubereitungen zu erreichen, sei es unerlässlich, Transparenz für beide Verhandlungspartner herzustellen.
„Wir fordern daher schon lange, dem DAV oder einer noch besser von Ihnen beauftragten neutralen Stelle Einsicht in die Abfrageergebnisse und deren Auswertung zu gewähren.“ Nur so könnten die Preisauskünfte der Hersteller beziehungsweise die Auswertungen des GKV-Spitzenverbandes valide Grundlagen der Preisverhandlungen werden. Die Hilfstaxe dürfe zudem keine Einbahnstraße in die Unwirtschaftlichkeit sein. Es brauche eine Vergütung, die die reale Kostenstruktur der Spezialversorgung widerspiegle und nicht immer das Ergebnis von Rabattverhandlungen in Hinterzimmern der Krankenkassen sei. „Wir fordern Transparenz über die tatsächlichen Lasten, die Sie alle tagtäglich tragen.“
Kritisch sei auch die Forderung, die private Krankenversicherung an den Hilfstaxenverhandlungen zu beteiligen. Eine Gleichstellung von PKV und GKV wäre nicht nur problematisch, sondern ein fundamentaler Eingriff in das System des Gesundheitswesens. Es gebe ein duales Kassensystem: Auf der einen Seite die solidarisch organisierte gesetzliche Krankenversicherung, auf der anderen Seite die private Krankenversicherung. Beide Systeme erfüllten unterschiedliche Funktionen, folgten unterschiedlichen Prinzipien und beruhten auf unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen.
Die GKV sei Teil des Sozialstaats und entsprechend im Sozialgesetzbuch V festgelegt. Hier entscheide der Gesetzgeber über Preise und Vergütung. Apotheken seien Teil eines regulierten Systems der Daseinsvorsorge. Die private Krankenversicherung dagegen basiere auf Vertragsfreiheit: Hier schließen Versicherte individuelle Verträge mit privaten Unternehmen; Leistung und Erstattung ergeben sich aus Tarifen, nicht aus staatlichen Vorgaben. „Wer nun fordert, beide Systeme vollständig vergütungsrechtlich gleichzustellen, fordert im Grunde etwas anderes: Er fordert, ein privatrechtliches System wie einen Sozialstaat zu regulieren“, so Feth.
Das wäre ein Eingriff in den Wettbewerb und letztlich ein Schritt zur Auflösung der Systemgrenze zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Das hätte auch Folgen für die Apotheken, denn das Ausfallrisiko im Gesamtsystem der PKV-Beihilfe, bei dem der Privatversicherte der alleinige Vertragspartner der Apotheke sei, biete keine vergleichbare Zahlungsverlässigkeit wie die als mittelbare Staatsverwaltung organisierte GKV.
„Wir beobachten mit großer Sorge die Begehrlichkeiten der Krankenhäuser, immer mehr ambulante onkologische Versorgung in den stationären Sektor oder in kliniknahe Strukturen zu ziehen“, kritisierte Feth. Das Argument sei oft Effizienz, doch das sei ein Trugschluss. Dort, wo es den Krankenhäusern lukrativ erscheine und sie ihre gegebenenfalls mit staatlichen Fördermitteln neu gebauten Krankenhausapotheken auslasten wollen, werde über eine für den Notfall geschaffene Regelung die originär ambulante Versorgung übernommen.
Die ambulante Onkologie lebe von einem Netzwerk aus niedergelassenen Onkologen und spezialisierten Apotheken. Sie lebe von enger Abstimmung und kurzen Wegen. Dieses Netzwerk garantiere schnelle Anpassung und persönliche Betreuung. Ein Patient, der gegen den Krebs kämpfe, brauche keine anonyme Großstruktur; er brauche die Sicherheit, dass sein Medikament individuell, zeitnah und in seiner Nähe gefertigt wird. „Wenn wir die spezialisierte Versorgung in die Hände der Kliniken legen, zerstören wir die Resilienz unseres Systems. Wir fordern eine klare Grenze: Die ambulante Versorgung gehört in die Hände der öffentlichen Spezialapotheken.“
„Wie viel Zeit verbringen Sie eigentlich noch mit Patienten oder der Herstellung? Und wie viel Zeit frisst das Bürokratiemonster?“, fragte Feth zuletzt. Natürlich sei die Qualität wichtig, natürlich brauche es hohe Standards. Die Frage sei aber, wann Qualitätssicherung in Bürokratieüberforderung kippe. Wenn hochqualifizierte Mitarbeiter in den Apotheken einen Großteil ihrer Zeit mit Formularen verbringen statt mit pharmazeutischer Arbeit, wenn Teams mehr Zeit mit Dokumentationen als mit Patientenberatung und Versorgung verbringen, dann stimme in diesem System etwas nicht mehr.
„Wir produzieren Berge von Papier, während wir gleichzeitig händeringend nach Fachkräften suchen. Warum sollte sich eine junge PTA, eine junge Apothekerin oder ein junger Apotheker heute noch für den Reinraum entscheiden?“, kritisierte Feth. Der Druck steige, die Bürokratie ufere aus und die Bezahlung könne aufgrund der gedeckelten Honorare nicht mit der Industrie oder dem öffentlichen Bereich mithalten.
„Wir kämpfen an zwei Fronten. Wir kämpfen gegen die Unterfinanzierung und wir kämpfen um die klugen Köpfe von morgen. Aber wir können diesen Kampf nur gewinnen, wenn die Politik endlich begreift: Man kann ein System nicht gleichzeitig kaputt sparen und modernisieren wollen.“ Man trage Verantwortung für tausende Krebspatienten, die sich darauf verlassen würden, dass ihre Therapie morgen in höchster Qualität bereitsteht. Diese Verantwortung brauche ein solides Fundament, das derzeit bröckeln würde. „Spezialversorgung braucht Sicherheit statt Sparzwang. Wir sind bereit für den Dialog. Wir sind bereit für Innovation. Aber wir sind nicht bereit, die Qualität unserer Arbeit und die Sicherheit unserer Patienten der Kassenlage zu opfern.“
Seitens der Politik war heute allerdings kein Vertreter zugegen: „Heute darf ich Ihnen verkünden, dass wir keinen Politiker gefunden haben, der heute hier sprechen möchte. Aus welchen Gründen auch immer“, erklärte Feth. Das müsse aber kein schlechtes Zeichen sein, erklärte er.
Eigentlich sei die aktuelle Zeit eine gute Zeit für eine Bühne, so Dr. Hartwig Bohne, Politik- und Kommunikationsberater. „Auch und gerade, weil diese Bundesregierung und die Politik sich aktuell eine Apothekenreform vorgenommen haben – mit Gesetz und Verordnungen und allem, was man drumherum machen könnte“, so Bohne. Außerdem stehe am Montag ein Protesttag der Apotheken an. „Eigentlich also eine schöne Übung. Und dennoch wird es heute etwas anders sein.“
In den letzten Wochen habe man viele Gespräche geführt und Einladungen ausgesprochen. Man habe aber feststellen müssen, dass nicht jeder, der sich mit Apothekenthemen befasse, auch Lust und Zeit habe, sich mit 150 potenziellen Gesprächspartnern auszutauschen.
„Das ist aber kein Nachteil. Das ist auch kein schlechtes Zeichen“, betonte Bohne. Denn der VZA stehe schließlich nicht nur für patientenindividuell hergestellte Zytostatika, sondern eben auch für politikerindividuell vorbereitete Einzelgespräche. „Und da sind wir, ist der VZA in der Tat sehr gut aufgestellt“, versprach er.
So würden die Berichterstatter der Fraktionen zu Apothekenthemen regelmäßig durch Vorstände oder die Geschäftsführer informiert. Gerade vor drei Wochen habe der Berichterstatter für Apotheken der Unionsfraktion, Dr. Stephan Pilsinger, die Freude gehabt, die Themen des VZA kennenzulernen und erläutert zu bekommen.
Diese Themen könne man in Hintergrundgesprächen ohnehin viel intensiver besprechen als in einem Konferenzraum oder vor Publikum. Dort hätte man mehr Raum und der Abgeordnete würde sich wahrscheinlich wohler fühlen. „Also sind diese Hintergrundgespräche durchaus interessant, denn jedes Politikerwort auf einer Bühne ist meistens wohl kalkuliert im Hintergrund.“
Auch mit den vier Staatssekretären im BMG stehe der VZA im Austausch. Man habe die privaten Handynummern und informiere teils auch über WhatsApp. „Der VZA steht auch im Austausch mit immerhin 16 Ministern und Senatoren für Gesundheit, die es in unserem Land gibt“, versicherte Bohne.
Zudem zeige der VZA auch auf Verbändeanhörungen, wie kürzlich zur Apothekenreform in Berlin, Präsenz. Auch wenn diese medial in der Regel wenig Aufmerksamkeit erhielten, seien diese Anhörungen wichtig. Dort würden nicht nur Positionen klar formuliert und deutlich ausgesprochen – zum Beispiel zeigten dort die Krankenkassen eine relativ aggressive Verteidigungshaltung –, sondern dort könnten auch Allianzen mit anderen Verbänden und Akteuren im Gesundheitswesen entstehen.
„Politische Präsenz in Berlin ist eigentlich wie ein großes Puzzle. Man fängt an den Ecken an, aber irgendwann muss man auch zum Kern kommen. Und Ihr VZA, der dafür zum Beispiel auch eine neue Homepage hat, um präsent zu sein, der ist nicht immer laut und der ist auch nicht immer der, der überall immer mit einer lauten Stimme auftaucht – aber seine politische Präsenz ist mit Nachdruck“, verspricht er. Der Vorteil sei, dass dieser Nachdruck länger nachhalte.

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