Patientinnen und Patienten müssen immer länger auf einen Termin beim Facharzt warten. Die Wartezeiten sind nach aktuellen Zahlen auf sechs Wochen im Schnitt angestiegen. Der Ruf nach Verbesserungen wird lauter. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) verspricht den Versicherten künftig schnellere Termine bei tatsächlichem Bedarf. „Wenn ein schneller Termin medizinisch notwendig ist, so soll er auch gewährt werden“, sagte Warken.
Nach einer Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Linken-Anfrage betrug bei gesetzlich Versicherten, die mindestens einen Tag auf einen Facharzttermin gewartet haben, die Wartezeit 2024 durchschnittlich 42 Tage. 2019 waren es erst 33 Tage. Zählt man Patienten mit Termin am selben Tag dazu, waren im Schnitt noch 36 Tage zu warten. Die Antwort auf Basis einer Versichertenbefragung liegt der Deutschen Presse-Agentur vor, die „Rheinische Post“ hatte zuerst berichtet.
Gleichzeitig sind die jährlichen Kassen-Mehrausgaben für offene Facharzt-Sprechstunden ohne Termin gestiegen – von rund 291 Millionen Euro 2020 auf rund 814 Millionen 2023. Der Gesetzgeber hatte immer wieder Verbesserungen versprochen. So sollte das Terminservice- und Versorgungsgesetz Patientinnen und Patienten zu schnelleren Arztterminen verhelfen und die Versorgung verbessern.
Warken räumte ein: „Die Schaffung von Anreizen für schnellere Facharzttermine – etwa aus der vergangenen Legislaturperiode – haben offenkundig nicht zu nachhaltigen Verbesserungen geführt.“ Nun seien deshalb konkrete Strukturveränderungen geplant, „die das Problem von Grund auf angehen“. Konkret solle es mehr Navigation und Steuerung geben. Denn: „Wartezeiten auf einen Facharzttermin sind für zu viele Versicherte ein Problem.“
Durch die geplante Reform sollen die Versicherten dann in der Regel zuerst zum Hausarzt gehen. Der soll bei Bedarf zum Facharzt überweisen – mit Termin innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Genaueres ist noch offen. Alltag werden soll die Reform voraussichtlich 2028.
Die Chefin des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Professor Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, forderte eine schnelle Umsetzung. „Seit Jahrzehnten doktert die Politik an den Symptomen eines zunehmend überlasteten Gesundheitswesens rum“, sagte sie der „Rheinischen Post“.
Die Linke-Gesundheitspolitikerin Julia-Christina Stange nannte bestehende Regelungen für eine bessere Versorgung und schnellere Termine einen „Rohrkrepierer“. Angesichts explodierender die Beiträge fragten sich die Menschen zurecht, „wessen Interessen hier eigentlich bedient werden“.
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verwies in der „Rheinischen Post“ auf bestehende Gebühren für Hausärzte für die Vermittlung von Facharztterminen. Vorstand Eugen Brysch sagte, die guten Absichten dahinter seien von der Ärzteschaft torpediert worden. „Nina Warken ist aufgefordert, die Gelddruckmaschine abzustellen.“ Der Gesundheitsministerin fehle der Mut, die Gebühren zu streichen. Haus- und Fachärzte könnten weiter Kasse machen.
Martin Krasney, Vorstandsmitglied beim GKV-Spitzenverband, forderte in der „Rheinischen Post“ kürzere Wartezeiten für Facharzttermine und flexible Öffnungszeiten der Praxen. Konkret verlangte er eine gesetzliche Regelung für ein tagesaktuelles Onlineportal. Ob jemand gesetzlich oder privat versichert sei, solle nicht mehr gefragt werden dürfen, so der Kassenverbandsfunktionär. Sozialverband-Deutschland-Chefin Michaela Engelmeier sagte zudem dem „Münchner Merkur“: „Wo es sinnvoll ist, sollten Krankenhäuser für die ambulante Versorgung geöffnet werden.“
Das Problem heute ist laut Buhlinger-Göpfarth: Viele Patienten schlügen beim Facharzt auf, die dort gar nicht hingehörten. „Das Motto lautet vielerorts: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Daran sind nicht die Patientinnen und Patienten schuld, sondern das chaotische System, in dem jeder auf eigene Faust versuchen muss, sich irgendwie durchzuschlagen.“ Künftig würden durch bessere Steuerung Kapazitäten in Facharztpraxen frei.
Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, wies Kritik zurück. „Die allermeisten Termine erfolgen innerhalb von drei Tagen, Notfälle werden sofort behandelt“, sagte Gassen der „Rheinischen Post“. Jeder Siebte bekomme „sogar noch am selben Tag einen Termin beim Facharzt“. Es handele sich um eine Luxusdiskussion: In fast allen Ländern seien die Wartezeiten „deutlich länger“. Schränke die Politik den finanziellen Spielraum weiter ein, werde es weniger Termine geben, warnte Gassen.
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