Von allen grünen Geistern verlassen | APOTHEKE ADHOC
Kommentar

Von allen grünen Geistern verlassen

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Berlin -

DocMorris und die Grünen – das war einmal ein zwar illustres, aber erstaunlich gleichgesinntes Gespann. Gemeinsam wurde für den Versandhandel gestritten, gemeinsam gegen das Fremdbesitzverbot. Doch die Allianz beruhte – wie so viele Allianzen – auf persönlichen Beziehungen. Unter dem Abgang der handelnden Akteure litt folglich auch diese besondere Beziehung. Heute scheint DocMorris von allen grünen Geistern verlassen.

Was waren das noch für Zeiten, als DocMorris in Birgitt „Biggi“ Bender eine enthusiastische Unterstützerin hatte, böse Zungen sagen eine loyale Mitarbeiterin. Die damalige grüne Bundestagsabgeordnete und gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion hatte ihren Wahlkreis nicht nur rund um den Stuttgarter Hauptsitz von Celesio. Sie saß Seite an Seite mit dessen früheren CEO Dr. Fritz Oesterle auf der Bühne, um die Liberalisierung des deutschen Apothekenmarktes herbeizureden. Sie initiierte im Bundestag Anträge in dieser Sache, die in diametralen Widerspruch zum Mittelstandsprogramm ihrer eigenen Partei standen.

Standen, setzte, damalige – Vergangenheit. Bei der Bundestagswahl 2013 war Biggi Bender auf ihrer Landesliste so weit hinten positioniert, dass sie ihr Mandat verlor. Ihr Faible für Versandapotheken lebt sie heute noch als Moderatorin beim BVDVA-Kongress aus. Doch die Grünen im Bundestag haben mit DocMorris nur noch die Farbe gemeinsam – und selbst das nur ungefähr.

Der grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin hatte sich vor der Wahl 2013 noch einmal vorsichtig für Apothekenketten ausgesprochen, aber so richtig ist das Thema nicht mehr auf der grünen Agenda. In den Bundesländern hat der Wind sogar gänzlich gedreht: NRW-Sozialministerin Barbara Steffens (Grüne) vertritt viele Positionen, die auch die Apotheker und ihre Standesvertretung unterschreiben. Und der neue grüne Sozialminister Baden-Württembergs, Manfred „Manne“ Lucha, sieht in dem geplanten Abgabeautomaten von DocMorris sogar eine Gefahr für die bestehenden Versorgungsstrukturen.

Die alten Bündnisse sind weg. Auch Oesterle ist weg und bei Celesio war man bereit, DocMorris mit großem Verlust wieder zu verkaufen. Geblieben sind die Ideen für vermeintlich innovative Versorgungskonzepte. Auch das liegt an den handelnden Personen: DocMorris-Strategiechef Max Müller war schon zu Celesio-Zeiten für DocMorris zuständig.

Müller war in früherer Funktion auch in den kleinen Ort Hayn in Sachsen-Anhalt gereist, um dem Bürgermeister dort eine Apotheke zu versprechen. Im eigenen „Politikbrief“ hatte Celesio Hayn nämlich als trauriges Beispiel sich verbreitender Unterversorgung vorgestellt. Passiert ist nichts, der Bürgermeister hörte nichts mehr und bekam auch keine Apotheke.

Es folgte der Bus, mit dem DocMorris angeblich über die Dörfer tingeln und Arzneimittel verteilen wollte. Wieder mit großem PR-Aufschlag, wieder ohne Nachhaltigkeit. Inzwischen ist der aufwändig gestaltete Bus wieder umgebaut. Um die Versorgung auf dem Land kümmern sich weiter die Apotheken.

Es ist absolut legitim und begrüßenswert, wenn sich Versandapotheken an der spannenden und notwendigen Diskussion beteiligen, wie in sehr ländlichen Gebieten die Versorgung aufrecht erhalten werden kann. Denn dort fehlen nicht nur Bäcker, Fleischer und Tankstellen, sondern immer öfter auch die Apotheken.

Doch nach den bisherigen Auftritten bezweifeln immer mehr Politiker, dass DocMorris mit dem nötigen Ernst bei der Sache ist. Jeder hat verstanden, dass Versender die Versorgung allein nicht sicherstellen können. Über das frühere Großprojekt Video-Apotheke hüllt man ohnehin besser den Mantel des Schweigens. Das Projekt „Hüffenhardt“ ist keine neue Idee und es ist auch keine gute.

In seinem Gastbeitrag zum Wahl-Dossier von APOTHEKE ADHOC hatte Jürgen Trittin im Herbst 2013 zwar Ketten erneut als mögliche Organisationsform des Apothekenmarktes ins Spiel gebracht. In einem Punkt war er aber sicher: „Die persönliche Beratung, das direkte Gespräch, das können nur die Apothekerinnen und Apotheker vor Ort leisten.“ Trittin war damals Fraktionschef der Grünen.

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