Kommentar

Bitte mal Korinthen kacken!

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Berlin -

Sich mit seinen Retaxationen auseinanderzusetzen, gehört zu den Niederungen des Berufsalltags. Der Patient wurde fachlich korrekt versorgt, doch irgendeine Klausel in den Tiefen der Lieferverträge wurde übersehen. So ist in den meisten Fällen die Kasse im Recht – zähneknirschend akzeptieren viele Kollegen die Abzüge. Doch sich der pedantischen Logik zu beugen, ist der grundlegende Fehler.

Im Versorgungsalltag müssen andauernd Kompromisse gemacht werden, sonst leiden die Patienten. An den Schreibtischen in den Prüfzentren weiß man davon wenig – und interessiert sich auch nicht dafür. Stattdessen wird etwa bei der DAK in Bremen auch schon einmal mit Sekt angestoßen, wenn den Prüfern ein besonders dicker Fisch ins Netz gegangen ist oder ein neue Schwachstelle im Rahmenvertrag gefunden wird.

Bei soviel Zynismus kommt man mit aufrichtigen Entschuldigungen und verzweifelten Appellen nicht weit. „Kulanz ist gut, Geld ist besser“, so die Devise. Gerade bei der DAK braucht man offenbar zusätzliche Einnahmen, um Löcher im Haushalt zu stopfen. So werden neben den eigenen Versicherten die Leistungserbringer in die Pflicht genommen.

Was Apotheker tun können, hat ausgerechnet DAK-Chef Professor Dr. Herbert Rebscher verraten: Die formale Beanstandung laufe zu 95 Prozent automatisch; niemand könne ernsthaft erwarten, dass alle Rezepte durch einen Mitarbeiter geprüft würden. „Der Einzelne vor Ort ist sich nicht der Komplexität des Abrechnungssystems bewusst.“ Heißt übersetzt: Schon kleinste Abweichungen vom Standard können den Betriebsablauf empfindlich stören.

Wenn sich also auch Apotheker strikt an die Regeln halten, können sie den Kassen das Leben schwer machen. Das fängt bei immer neuen Einsprüchen an; je ausschweifender formuliert wird, desto mehr Arbeit hat der Mitarbeiter in der Prüfstelle. Am Ende müssen auch – oder gerade – bei den Kassen Aufwand und Nutzen in einem gesunden Verhältnis stehen.

Wer es noch krawalliger mag, dem stehen weitere Wege offen. Die DAK zur Kostenerstattung zu zwingen, ist eine Lösung, auf die die Geschäftsstellen offensichtlich nicht vorbereitet sind. So wird die Kasse mit ihren eigenen Waffen geschlagen: Pedanten werden von selbst nie zu Pragmatismus finden, sondern verstehen nur eine Sprache – die von Paragrafen und Verträgen.

Ein gesundes Maß an übertriebener Genauigkeit könnte die Apothekerschaft auch in der politischen Debatte vertragen. DAV-Chef Fritz Becker trommelt seit Längerem für eine Honorierung der Inkassoleistungen der Apotheken. Doch solange alles reibungslos läuft, wird er damit kaum Gehör finden. Niemand will den Streit auf dem Rücken der Versicherten austragen – aber den Kassen zu zeigen, wie viel Aufwand die Apotheken ihnen täglich ersparen, sollte allemal drin sein.

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