Kommentar

Keine Kammer für Polit-Apotheker

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Berlin -

Es gibt sie, Apothekerinnen und Apotheker, die nicht in der Apotheke oder der Industrie oder der Lehre arbeiten, sondern bei Krankenkassen, Verbänden und in Behörden und Ministerien. Sie sind damit von Berufs wegen eng eingebunden bei gesundheitspolitischen Prozessen und könnten damit wichtige Gesprächspartner für die Standespolitik sein. Doch die Apothekerkammer Berlin zeigt ihnen gerade die kalte Schulter – und zerstört damit den Zugang zu einem Netzwerk, das über Jahre hinweg unter persönlichem Einsatz aufgebaut wurde.

Rund 1150 Apothekerinnen und Apotheker arbeiten laut aktueller Abda-Statistik bei Behörden und Körperschaften, weitere 1700 in weiteren, nicht näher definierten Bereichen aus der Kategorie Verwaltung. Ihre Zahl ist seit 2010 um 42 Prozent gewachsen, während die Zahl der Approbierten in der öffentlichen Apotheke nur um 9 Prozent gestiegen ist.

Schon aus diesem Grund wäre es wichtig, diese Kolleginnen und Kollegen in die Berufspolitik aktiv einzubinden – in der Abda-Satzung ist dafür allerdings nur ein einziger Posten im Gesamtvorstand vorgesehen, der ohnehin keine allzu große Rolle im Tagesgeschäft spielt. So bleibt den Kolleginnen und Kollegen also nur der Zugang über die Kammern, da die Verbände bekanntlich ausschließlich die Interessen der Inhaber vertreten.

Eine besondere Bedeutung könnte dabei der Apothekerkammer in Berlin zukommen, denn in der Hauptstadt haben viele Verbände, Ministerien sowie Repräsentanzen der Kassen ihren Sitz. Alle Apothekerinnen und Apotheker, die hier arbeiten, sind damit auch Kammermitglieder – und nicht wenige von ihnen verstehen sich durch und durch als Pharmazeuten und wären durchaus interessiert, sich stärker berufspolitisch einzubringen und die gemeinsamen Sitzungen für einen offenen Austausch auch über kontroverse Themen zu nutzen.

Ins Innere des Apparats

Eine solche Zusammenarbeit müsste auch im ureigensten Interesse der Standesvertretung sein: Ob Ministerium, Gemeinsamer Bundesausschuss oder Krankenkassen – in den Fachabteilungen sitzen Kolleginnen und Kollegen, die die politische Linie zwar nicht vorgeben, die sie aber umsetzen müssen und die womöglich sogar dankbar wären, kontinuierlich in einem informellen Austausch zu sein.

Sicher wird kein Fachreferent eine Reform gegen die Apotheken aufhalten können – nützlich wäre ein Zugang zu den Expertinnen und Experten im Inneren des Apparats allemal. Gerade in den aktuell politisch schwierigen Zeiten kann es sich die Apothekerschaft gar nicht leisten, darauf zu verzichten. Denn was passieren kann, wenn man keinen Draht hat, zeigt gerade das Beispiel der Light-Filialen. Die Idee war 2014 von der Abteilung Arzneimittel beim GKV-Spitzenverband für ein Positionspapier entwickelt worden – maßgeblichen Anteil hatten auch Apotheker.

Verbindung abgerissen

Es macht aber nicht den Anschein, dass man sich bei der Kammer in Berlin über diesen einzigartigen Zugang zu den Hinterzimmern der Macht bewusst wäre. Bei der Wahl 2015 holte der Industrieapotheker Dr. Björn Wagner zwar aus dem Stand fünf Sitze in der Delegiertenversammlung; als Einzelkämpfer musste er vier jedoch sofort wieder abgeben. Einzige Reaktion auf den Überraschungserfolg war damals der Vorschlag, Kandidaten ohne Liste komplett von Wahlen auszuschließen.

Doch Wagner ließ nicht locker, vier Jahre später hatte er mehr als zwei Dutzend Kolleginnen und Kollegen für seine Liste „Apotheker/-innen aus Wirtschaft, Industrie und Verwaltung“ (WIV) eingesammelt, darunter einige Personen auf Schlüsselpositionen. Diesmal holte seine Liste sogar neun Sitze und wurde damit drittstärkste Kraft, Wagner selbst durfte neben Kammerpräsidentin Dr. Kerstin Kemmritz das Amt des Stellvertreters antreten.

Bei der jüngsten Wahl im März holte die WIV-Liste zwar zehn Stimmen und wurde damit sogar zweitstärkste Kraft. Doch nicht nur Wagner musste seinen Posten abgeben, vielmehr wurde seine Liste komplett vom Vorstand ausgeschlossen und eine Koalition um sie herum gebaut. Ein möglicher Grund könnte das Vorhaben sein, insbesondere die Industrieapothekerinnen und -apotheker mit ihren höheren Gehältern beim Kammerbeitrag stärker zur Kasse zu bitten.

Der Frust darüber, trotz all ihres Engagements einfach so abserviert worden zu sein, ist allen Beteiligten anzumerken. Da helfen auch die Lippenbekenntnisse der neuen Koalitionäre nichts, die gesamte Delegiertenversammlung bei wichtigen Entscheidungen einzubinden. Vereinzelt gibt es bei den WIV-Apothekern zwar noch das Interesse, mit eigenen Anträgen zum Deutschen Apothekertag (DAT) anzutreten. Doch auch dort hatte man den vermeintlichen Außenseitern in den vergangenen Jahren immer wieder die kalte Schulter gezeigt.

Die Berliner Kammer wäre nicht nur verpflichtet gewesen, alle Kolleginnen und Kollegen einzubinden und das besondere Profil in der Hauptstadt abzubilden. Sie wäre als politisch unverfängliche Institution auch prädestiniert gewesen, das einzigartige Netzwerk im Interesse des gesamten Berufsstandes zu nutzen und zu pflegen. Sich diesen Zugang stattdessen aus Kalkül und Postenschacherei verbaut zu haben, zeigt, wie es um die Standespolitik der Apothekerschaft aktuell bestellt ist. Kammerpräsidentin Dr. Ina Lucas und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben dem gesamten Berufsstand einen Bärendienst erwiesen.

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