Die Spitze der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wird nicht müde, gegen das geplante Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) zu argumentieren. Allen voran der Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen tritt hierbei immer wieder mit streitbaren Aussagen in Erscheinung. Einer Apothekerin geht das zu weit. Sie sieht die Apothekerschaft durch seine Äußerungen diffamiert.
In der vergangenen Woche hatte Gassen das Versprechen aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG), das Fixum zu erhöhen, kritisiert, während für die Praxen kein Geld da sei: „Es scheint dagegen kein Problem zu sein, die Ausgaben im Krankenhaussektor ungebremst laufen zu lassen und den Apotheken eine Milliarde Euro zusätzliches Honorar beim Packungsfixum zu kredenzen.“
Auch zum Impfen in Apotheken, das mit der Reform weiter auf alle Totimpfstoffe ausgebaut werden soll, fanden Gassen und seine KBV-Vorstandskollegen bereits deutliche Worte. „Dies bestätigt unsere Befürchtung, dass es hier zu einer Leistungsausweitung durch nicht evidenzbasiertes anlassloses Testen durch medizinische Laien kommen wird“, kritisierte die Ärztevertretung.
Apothekerin Marietheres Reher-Gremme aus der Bären-Apotheke Dülmen findet hierfür ebenfalls klare Worte: „Wieviel Ignoranz und Arroganz muss man besitzen, um die Apothekerschaft als medizinische Laien zu diffamieren? Ich empfehle Ihnen dringend, die Approbationsordnung für Apotheker einzusehen: Dort werden Sie lesen, dass Pharmakologie und klinische Pharmazie wichtige und umfangreiche Lehrfächer sind“, schrieb sie an Gassen gewandt. Das Dritte Staatsexamen beinhalte zudem eine Prüfung in klinischer Pharmazie.
„Vielleicht tauschen Sie sich einmal mit Ihren Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern aus, die Sie über die wichtige Rolle der Pharmazeuten auf Station informieren können. Apothekerinnen und Apotheker sorgen täglich dafür, dass Neben- und Wechselwirkungen sowie Falschanwendungen von Arzneimitteln reduziert und die Arzneimittelsicherheit gestärkt werden.“
Während der Pandemie hätten die deutschen Apotheken gezeigt, wie viel Potenzial in ihnen stecke. „Mittlerweile sind Grippe- und Coronaimpfungen in den öffentlichen Apotheken etabliert – ohne medizinische Zwischenfälle oder Komplikationen.“ Die Impfbereitschaft sei jedoch grundsätzlich nicht groß genug, durch Mithilfe der Apotheken lasse sich die Quote deutlich verbessern. „Das dürfte sehr in Ihrem Sinne sein, da Impfungen auch viele weitere Folgeerkrankungen vermeiden und zur Verbesserung des Gesundheitsstandards beitragen.“
Auch die Befürchtung der Ärzteschaft, eine Abgabe bestimmter verschreibungspflichtiger Medikamente ohne Vorliegen einer ärztlichen Verordnung würde zu einem überhöhtem Einsatz von Antibiotika führen, entkräftet die Apothekerin: „Mit Antibiotika gehen wir im genauen Wissen um die Gefahr der Resistenzentwicklung sehr gewissenhaft um. Im Studium haben wir uns mit diesen Mechanismen eingehend vertraut gemacht.“
Sie ruft den Ärztefunktionär zu einem aufgeschlossenen Dialog mit der Apothekerschaft auf und mahnt zur aufrichtigen Wertschätzung der apothekerlichen Arbeit. „Um unser Gesundheitssystem auf sichere Säulen zu stellen und zukunftsfest zu machen, brauchen wir einen einvernehmlichen Schulterschluss zwischen Ärzten und Apothekern. Viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen wissen bereits die fruchtbare Zusammenarbeit zu schätzen – scheinbar außerhalb Ihres Wahrnehmungsfeldes.“
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