Chancen im ApoVWG

Hoffmann: „Wir brauchen das finanzielle Bekenntnis der Politik“

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Berlin -

„Wir befinden uns in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche“, erklärte Kammerpräsident Dr. Armin Hoffmann auf dem heutigen Neujahrsempfang. Gesundheitspolitisch gehe es um den Zugang zur Versorgung, um deren Verteidigung und letztlich auch um die Kosten im System. Er forderte Verbindlichkeit und Planungssicherheit von der Politik; gleichzeitig betonte er, dass die Apothekenreform auch viele Chancen für die Apothekerschaft biete, die man nutzen müsse.

„Wir stehen in der Gesundheitspolitik eigentlich vor der größten Herausforderung, die es je gab in der Bundesrepublik“, ist Hoffmann überzeugt. Die zwingend notwendige Verteidigungsfähigkeit des Landes werde auch Anpassungen im Gesundheitssystem erzwingen – und wahrscheinlich auch die eine oder andere dringend notwendige Entwicklung stören oder aufhalten.

Kein „Weiter-so“!

„Ein Weiter-so kann und wird es nicht geben“, so Hoffmann. In den verschiedenen Gesundheitsbereichen müssten Diskussionen über Sektorengrenzen hinweg geführt werden, um neue Wege zu denken und Lösungen zu finden. Verteilungskämpfe würden gesellschaftlich sicher nicht weiterhelfen. Es sei nicht die Frage, ob sich das Gesundheitssystem verändern müsse, sondern wie, mit welchen Zielen und mit wem. Das Jahr 2026 werde zwar voller Herausforderungen sein, aber es gebe auch Möglichkeiten, die sich die Apothekerschaft zuvor kaum hätte vorstellen können, erklärte Hoffmann.

Apotheke der Zukunft

„Wenn wir ehrlich sind, dann erleben wir zurzeit eine paradoxe Situation: Noch nie war die pharmazeutische Expertise so gefragt wie heute und noch nie war die wirtschaftliche Lage vieler Apotheken so angespannt. Wir sehen einen steigenden Versorgungsbedarf durch die Alterung der Bevölkerung, die Multimorbidität, die Komplexität der Arzneimitteltherapien und erweiterte Therapieoptionen sowie weiterhin bestehende Lieferengpässe – und gleichzeitig einen Rückgang der Apothekenzahl.“

Nach Zahlen der Abda sei die Zahl der öffentlichen Apotheken in Deutschland im Jahr 2025 auf 16.601 gesunken. Zwischen dem gesetzlichen Auftrag und der ökonomischen Realität klaffe zunehmend eine Lücke. „Diese Lücke muss geschlossen werden“, so Hoffmann. Apotheken hätten eine Lotsenfunktion im Versorgungssystem sowie eine Sicherheitsfunktion als Anker bei Medikationsfragen und seien nicht selten der letzte verbleibende Gesundheitsstandort vor Ort. „Diese Realität muss Ausgangspunkt jeder Reform sein.“

Zum Wohle der Patienten

Die Herausforderungen des Gesundheitswesens seien systemisch. Es müsse eine Entwicklung vom Sektorendenken hin zur Versorgungskette zum Wohle der Patienten stattfinden. Heute sei das Denken oft noch von Gegensätzen geprägt: ambulant gegen stationär, ärztlich gegen pharmazeutisch, Kasse gegen Leistungserbringer. „Dieses Denken ist nicht mehr zeitgemäß“, findet Hoffmann.

Apotheken könnten Brücken bauen zwischen der Arztpraxis und der Klinik, zwischen der Verordnung und der Anwendung sowie zwischen der Therapieplanung und der Lebensrealität der Patienten. Wenn man dieses Gesetz ernst nehmen wolle, müssten Apotheken systematisch einbezogen werden – insbesondere bei chronischen Erkrankungen und an den Übergängen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

Auch mit Blick auf Digitalisierung müssten die Apotheken mit einbezogen werden. Die Systeme müssten interoperabel sein, Daten nutzbar werden und Apotheken gleichberechtigt eingebunden werden, erklärte er. „Digitalisierung darf dabei nicht bedeuten, dass menschliche Beratung durch technische Prozesse ersetzt wird. Sie muss sie unterstützen, nicht verdrängen“, betonte Hoffmann. Ein Medikationsplan ohne die Expertise der Apotheker bleibe unvollständig.

Als dritten Punkt nannte er den Fachkräftemangel: „Ohne gut ausgebildete Teams in den Apotheken ist jede Reform Makulatur, denn wir brauchen attraktive Arbeitsbedingungen, verlässliche Perspektiven und moderne Ausbildungs- und Studienstrukturen“, betonte Hoffmann. Der gesetzliche Auftrag sei eindeutig: Es brauche ausreichend qualifiziertes Personal. „Und so sieht das Gesundheitswesen in Zukunft aus: wohnortnah, multiprofessionell, digital unterstützt und menschlich zugewandt“, fasste er zusammen.

Klares Bekenntnis der Politik

Die Veröffentlichung des Koalitionsvertrages 2025 habe im letzten Jahr viel Hoffnung gegeben. „Er war ein Versprechen an den Berufsstand und ein erhoffter Wendepunkt der Politik, denn er enthält zahlreiche Aussagen, deren Umsetzung uns in unserer täglichen Arbeit stärken können.“ Die direkte Umsetzung wäre eine Richtungsentscheidung für die zukünftige Gesundheitsversorgung gewesen; unterdessen ließen die Entwürfe der Apothekenreform die Apotheker zunächst enttäuscht zurück.

„Wir fordern hier keine Privilegien. Wir fordern lediglich die Planungssicherheit, die im Koalitionsvertrag angekündigt war, und zwar auch mit nachhaltigen Rahmenbedingungen. Wir brauchen das finanzielle Bekenntnis der Politik, dass die Leistungen der Apothekerschaft etwas wert sind, auch nachhaltig etwas wert sind.“ Deshalb werde die Apothekerschaft die finanziellen Zusagen aus dem Koalitionsvertrag immer wieder einfordern.

Chancen nutzen

Mit dem ApoVWG habe man aber auch einen Ansatz auf dem Tisch, der die Weiterentwicklung ernst nehme. Es gehe um neue Versorgungsleistungen, stärkere Einbindung in die Prävention und Therapiebegleitung. „Das ist richtig, aber Weiterentwicklung braucht Verbindlichkeit, nicht nur Modellprojekte“, stellte Hoffmann klar.

Zudem verspreche das Gesetz eine Entlastung bei der Bürokratie – doch die Erfahrung zeige leider, dass Versprechen allein nicht ausreichten. „Jede neue Leistung darf nicht drei neue Formulare erzeugen“, betonte Hoffmann. Dennoch erfahre der Berufsstand durch den Entwurf eine deutliche professionelle Wertschätzung. Es sei eine enorme Leistungserweiterung vorgesehen, die die Prävention und Therapiebegleitung stärke. Viele dieser Leistungen habe der Berufsstand bereits in seinem Zukunftspapier beschrieben. Die Politik habe die Apothekerschaft hier offenbar gehört.

Er sehe daher die Chance zur Weiterentwicklung der Vor-Ort-Apotheken zu hochmodernen Gesundheitszentren. „Das ist eine einmalige Chance, die wir als Apothekerschaft unbedingt ergreifen müssen.“ Zuletzt unterstrich Hoffmann, dass die persönliche fachliche Leitung einer Apotheke immer in der Hand eines Apothekers bleiben müsse – alles andere ergebe mit Blick auf die neuen Leistungen keinen Sinn.

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