ABDA

Jürgen Siegemund (Ab.)

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Berlin -

Der Abgang von ABDA-Finanzgeschäftsführer Jürgen Siegemund kam und ist bis heute selbst für hochrangige Funktionäre überraschend. Beim Sommerfest am 20. Mai war der Herr der Zahlen noch dabei. Am folgenden Montag trennte man sich, offiziell „auf eigenen Wunsch“ Siegemunds und „aus persönlichen Gründen“. Der anhaltende Ärger um das Apothekerhaus stützt Gerüchte, wonach dem Geschäftsführer diese Entscheidung nahegelegt worden sein soll.

Siegemund kommt 2007 zur ABDA – ist in sieben Jahren aber mit den Apothekern nie so richtig warm geworden. Die Distanz zum Berufsstand ist schon im täglichen Arbeiten immanent: Ausgerechnet der Geschäftsführer für Finanzen und Personal hat sein Büro nicht im Berliner Apothekerhaus, sondern in der „verlassenen Immobilie“ im hessischen Eschborn. Nur zu Vorstandssitzungen oder Haushaltsdebatten erscheint er regelmäßig in der Jägerstraße. Zwischen den Sitzungen nimmt er in einem kleinen Eckbüro Platz.

Die Zuständigkeit für Personalfragen wird Siegemund im März 2011 zusätzlich übertragen: Dr. Sebastian Schmitz übernimmt als Hauptgeschäftsführer von Dr. Hans-Jürgen Seitz und tritt den Geschäftsbereich an Siegemund ab. Das Vertragswesen geht in die Wirtschaftsabteilung zu Geschäftsführer Karl-Heinz Resch, der dafür aber zusätzliche Abteilungsleiter unterstellt bekommt.

Siegemund hingegen fehlt ein funktionierender Unterbau. Er muss von Eschborn aus so anspruchsvolle Aufgaben wie Mitarbeiterführung und Personalentwicklung der ABDA mit rund 80 Beschäftigten verantworten. Mit dem Betriebsrat kommuniziert er manchmal nur per Videokonferenz. Zudem ist er Geschäftsführer der Verwaltungsgesellschaft Deutscher Apotheker (VGDA).

Größere Entfernung bedeutet aber nicht nur weniger Austausch, sondern auch weniger Kontrolle. Die Gründe für die jetzt plötzlich erfolgte Trennung werden zwar gemäß einer Vereinbarung mit Siegemund nicht bekannt gegeben. Aber niemand macht einen Hehl daraus, dass Selbst- und Fremdeinschätzung der Qualität seiner Arbeit zu weit auseinander lagen. Zu viele Aufgaben blieben zu lange auf seinem Schreibtisch liegen, heißt es aus dem Apothekerhaus.

Über seine Zeit vor der ABDA ist so gut wie nichts bekannt. Angeblich kam er vom Tabakkonzern Reemtsma, soll vorher für Wella (Procter & Gamble) in Asien tätig gewesen sein. Siegemund, der auf seine Auslandstätigkeiten anscheinend immer großen Wert legte, hat wenige Spuren hinterlassen.

In einer – wenn auch abgedunkelten – Öffentlichkeit trat er in der „local lounge“ des Manager Magazins in Erscheinung. Seit 2007 ist Siegemund Chef des geschlossenen Managerclubs in Frankfurt, davor in München. Dort treffen sich Führungskräfte aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen zum Kennenlernen und Austausch. Über die Lounge soll der Kontakt zur Groth-Gruppe entstanden sein.

Das Immobilienunternehmen von Klaus Groth wickelt vor allem in der Hauptstadt große Bauprojekte ab, hat unter anderem das Haus der Deutschen Wirtschaft in seiner Referenzliste. Der Groth-Gruppe mit Sitz am Berliner Kurfürstendamm gehört auch das Grundstück in der Jägerstraße neben dem Apothekerhaus, das die ABDA vor drei Jahren kaufen wollte. Siegemund verhandelt alleine.

Im Februar 2011 werden die von ihm verantworteten Baupläne zerrissen. Die ABDA-Mitgliederversammlung stimmt gegen den Erwerb und die Bebauung des Grundstücks in direkter Nachbarschaft des Apothekerhauses. Es ist die letzte von mehreren Sondersitzungen zu der Immobilienfrage.

In Erinnerung ist vielen eine Szene geblieben: Als sich die Ablehnung des Bauprojekts abzeichnet, verlässt Siegemund den Raum, um zu telefonieren. Als er zurückkommt, hat er gute Nachrichten: Groth habe sein Angebot verbessert, der Kaufpreis sei um 300.000 Euro gesunken.

In der ABDA wachsen damals die Zweifel, welche Rolle Siegemund spielt. Zu energisch soll er sich für das Projekt eingesetzt, zu oft auf das sich schnell wieder schließende Zeitfenster verwiesen haben. Als er in einer Sitzung den vermeintlichen Vorteil ins Feld führt, der Neubau werde auch das Problem der Fluchtwege im Apothekerhaus lösen, gibt es Nachfragen. Nachfragen, auf die Siegemund keine befriedigenden Antworten hat. Er wirkt auf Ehrenamtler überfordert.

Die ABDA entscheidet sich gegen den Kauf, auch die Spitze um den damaligen Präsidenten Heinz-Günter Wolf setzt sich in der entscheidenden Sitzung nur noch halbherzig für das Bauprojekt ein. Alle spüren: Es fehlen Informationen, es fehlt Vertrauen.

Ausgestanden ist die Sache damit aber nicht: Durch die Baustelle nebenan entstehen Risse im Apothekerhaus. Heute schätzt die ABDA die noch ausstehenden Kosten allein für die Riss-Sanierung auf 3 Millionen Euro. Vermutlich wird man sich mit dem neuen Nachbarn vor Gericht treffen, um zu klären, wer für die Renovierung aufkommt. Den Ausgang bezeichnet selbst die ABDA als offen, zumal in direkter Nachbarschaft auch bei der Telekom gebaut wurde.

Eigentlich sollte die Sanierung schon vor einem Jahr abgeschlossen sein. Vor allem die Art und Weise, wie Siegemund immer wieder auftauchende Schwierigkeiten kommuniziert, sorgt für Unmut. Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Geschäftsführer und der ABDA-Spitze sei erschüttert gewesen, heißt es.

Einen konkreten Vorfall, der zu der Trennung geführt hat, gibt es nicht. Selbst ihm wenig Wohlgesonnene aus der ABDA-Familie bestätigen, dass es keinen Verdacht auf Untreue oder dergleichen gibt. Siegemund habe im Apothekerhaus keine goldenen Löffel gestohlen.

Doch die Plötzlichkeit seines Abgangs, der Zeitpunkt mitten in der Haushaltsphase und die ersehnte Geräuschlosigkeit lassen erkennen, dass mehr dahintersteckt als der Wunsch nach einer beruflichen Neuorientierung. „Manager sind schließlich mehr als die Summe ihrer beruflichen Erfolge“, wurde Siegemund einst im Umfeld seiner Frankfurter Lounge zitiert.

Am 26. Mai einigt man sich in kleiner Runde der Spitzen von ABDA, DAV und BAK auf die Trennung. Ein Nachfolger wird noch gesucht. Vorübergehend übernimmt wieder Schmitz alle Bereiche selbst. Gut möglich, dass die Geschäftsführerposten von ABDA und VGDA demnächst auf mehrere Schultern verteilt werden.

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