Ob ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von neurologischen Entwicklungsstörungen bei Kindern besteht, deren Mütter in der Schwangerschaft mit Methadon/Levomethadon behandelt wurden, hat der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) bewertet. Die Produktinformationen müssen angepasst werden, auch wenn „ein kausaler Zusammenhang mit Methadon nicht beurteilt werden“ kann.
Laut Bulletin zur Arzneimittelsicherheit hat der Opioidkonsum bei Schwangeren stark zugenommen. Dieser kann die Gesundheit der Mutter gefährden, ist aber auch mit Risiken wie Frühgeburt, niedrigem Geburtsgewicht, intrauterinem Wachstumsverzug und neonatalem Entzugssyndrom beim Kind verbunden. Dabei zeigt sich ein Dosis-Effekt-Zusammenhang – konsumieren werdende Mütter in den letzten Schwangerschaftswochen höhere Opioiddosen, ist das Risiko für einen neonatalen Opioidentzug erhöht.
Zudem stellt sich zunehmend die Frage, wie sich der Einsatz von Methadon in der Schwangerschaft langfristig auf die Gehirnentwicklung von exponierten Kindern auswirkt. Denn verschiedene Studien berichten über motorische, kognitive und visuelle Beeinträchtigungen, die schon im Kindesalter erkennbar sein können.
Beobachtungsstudien an Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft mtit Methadon behandelt wurden, zeigen gehäuft Schwierigkeiten in exekutiven Funktionen wie beispielsweise Planen und Impulskontrolle sowie bei emotionaler Regulation und Verhalten sowie kognitive Beeinträchtigungen im Schulalter.
Eine norwegische Kohortenstudie mit 5- bis 13-jährigen Kindern ergab beispielsweise, dass pränatal opioidexponierte Kinder deutlich häufiger motorische Beeinträchtigungen (16 Prozent), breitere motorische Schwierigkeiten (35 Prozent), Probleme bei der visuell-motorischen Integration (19 Prozent) und sogenannte neuromotorische „Soft Signs“ (leichte, unspezifische Auffälligkeiten bei 43 Prozent) aufwiesen als Kinder, deren Mütter nicht mit Methadon in der Schwangerschaft behandelt wurden.
Zudem wurde ein Einfluss auf das Sehen festgestellt. Dieser zeigte sich in reduzierter Sehschärfe, Schielen, Augenzittern und verminderter Akkommodationsfähigkeit. Dabei zeigte sich, dass Methadon tendenziell mit stärkeren visuellen Defiziten assoziiert war als Buprenorphin.
Und auch die frühe Gehirnentwicklung kann beeinträchtigt sein. Ultraschallstudien zeigen bei Feten methadonbehandelter Schwangerer tendenziell kleinere Kopf- und Gehirnmaße – vor allem im Vergleich zu Feten, die Buprenorphin ausgesetzt waren. Außerdem legen Studien an Plazentagewebe nahe, dass eine pränatale Opioidexposition Struktur und Menge des Serotonintransporters (SERT) verändern kann.
Experimentelle Untersuchungen an kortikalen Organoiden – im Labor gezüchteten Miniaturmodellen der Großhirnrinde – deuten darauf hin, dass Methadon in frühe Schritte der Gehirnentwicklung eingreifen kann.
„Insgesamt zeigt sich ein möglicher Zusammenhang zwischen pränataler Methadonexposition und einem erhöhten Risiko für neurologische Entwicklungsauffälligkeiten, darunter niedrigere Werte in standardisierten Tests der geistigen und psychomotorischen Entwicklung sowie eine erhöhte Häufigkeit von Seh- und Verhaltensauffälligkeiten“, heißt es im Bulletin. Zudem würden einzelne Studien Veränderungen der Gehirnstruktur und -funktion, die im Vergleich zu Buprenorphin teils stärker ausgeprägt erscheinen, beschreiben. Die Veränderungen könnten auf das pharmakologische Profil von Methadon – lange Halbwertszeit, vollständiger Agonismus am μ-Opioidrezeptor und hohe Plazentagängigkeit –biologisch plausibel sein.
Aber die Studien zeigen Limitationen, die die Aussagekraft einschränken. Dazu gehören relativ kleine Fallzahlen, unterschiedliche Testverfahren und die häufig fehlende Verblindung.
„Bislang konnte daher weder ein eindeutiges Sicherheitssignal noch eine robuste kausale Beziehung im Sinne ‚Beweises‘ für Methadon als alleinige Ursache der beobachteten Auffälligkeiten etabliert werden.“
Dennoch werden die Produktinformationen angepasst. In Abschnitt 4.6. wird folgender Passus empfohlen: „Beobachtungsstudien berichten über angeborene Fehlbildungen und neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft aufgrund einer Opioidabhängigkeit mit Methadon behandelt wurden. Aufgrund von Limitationen der Studien sowie potenzieller Störfaktoren im Zusammenhang mit einer Opioidabhängigkeit (einschließlich mütterlicher, familiärer und sozioökonomischer Faktoren) kann ein kausaler Zusammenhang mit Methadon nicht beurteilt werden.“
Methadon bleibt wichtig in der Behandlung opioidabhängiger Schwangerer, denn ein unbehandelter Konsum illegaler Opioide birgt erhebliche Risiken für Mutter und Kind. Werdende Mütter sollten entsprechend informiert werden und potenzielle Risiken für das Ungeborene bei der Therapieentscheidung berücksichtigt werden.
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