Digitalisierung mit klarer Verantwortung

Vorline = Vor-Ort-Apotheke online

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Berlin -

Apotheken müssen sich in Zukunft digitaler aufstellen, aber: „Hinter Displays erreicht man keine Gesundheit“, findet Apotheker Alaa Khattam. Der Inhaber der Bahnhof-Apotheke in Schopfheim, der Apotheke am Bahnhof in Bad Krozingen und der Bahnhof-Apotheke in Albbruck hat einen Neologismus für sein Konzept geschaffen und geschützt: „Vorline“.

In der Diskussion über die Digitalisierung im Gesundheitswesen gehe es zu oft um Extreme: Vor-Ort-Apotheke oder Online-Versand, analog oder digital. Diese Gegenüberstellung sei zu simpel, findet Khattam. Natürlich müssten sich auch Vor-Ort-Apotheken weiterentwickeln und moderne Kommunikationswege nutzen. „Wir müssen und dürfen modern sein.“ Digitalisierung biete durchaus Chancen, betont er. Doch entscheidend sei die Grundlage, auf der man arbeite.

Der Begriff „Vorline“ setzt sich aus „Vor-Ort“ und „Online“ zusammen. „Digitale Angebote dürfen im Gesundheitswesen nicht losgelöst von realer pharmazeutischer Verantwortung existieren“, erklärt er. Online-Angebote müssten aus der Vor-Ort-Apotheke heraus entstehen – nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung.

Online aus der Apotheke heraus

Auch Khattam hat in seinen Apotheken digitale Angebote. Die Kundschaft könne sowohl die App von Gesund.de nutzen als auch den apothekeneigenen WhatsApp-Kanal. Ein Online-Shop befinde sich derzeit in der Aufbauphase; zudem bietet die Apotheke Lieferdienste an.

Diese digitalen Angebote seien sinnvolle Ergänzungen, „wenn hinter ihnen eine reale Apotheke mit ausgebildetem Fachpersonal, mit Notdienst, mit persönlicher Beratung und mit regionaler Verantwortung steht“, betont Khattam. Gesundheit bedeutet seiner Meinung nach auch gesunde soziale Interaktion.

Apotheken seien eben mehr als reine Distributionsstellen. Sie leisteten zum Beispiel Akut- und Notfallversorgung und seien niedrigschwellige Anlaufstellen für Patientinnen und Patienten. Außerdem seien Apotheken auch ökonomisch von Bedeutung als Ausbildungsstätten und Arbeitgeber in der Region.

Medikamente sind keine Konsumgüter

Gesundheit dürfe nicht wie ein einfaches Konsumprodukt behandelt werden. „Wenn wir zulassen, dass Patienten Medikamente genauso wie eine Pizza von der Couch aus bestellen, werden wir vor neuen Problemen stehen“, warnt Khattam.

Die persönliche Beratung mit Raum für spontane Rückfragen und der Möglichkeit zum Erkennen von Unsicherheiten sei kein Extra, sondern Teil einer qualitativ hochwertigen Versorgung. Eine komplette Verlagerung in digitale Strukturen berge entsprechende Risiken wie fehlende Therapiebegleitung und zunehmende Entkopplung von persönlicher Verantwortung.

Vor-Ort-Stärkung

Khattam kritisiert den zunehmenden Druck durch ausländische Versender. Er spricht von einem Ungleichgewicht: „Es ist widersprüchlich, höchste Versorgungsbereitschaft zu erwarten und gleichzeitig Strukturen zu fördern, die genau diese Versorgungsstrukturen schwächen.“ Digitaler Fortschritt dürfe nicht mit Strukturverlust verwechselt werden.

Was es stattdessen brauche, seien Digitalisierung mit klarer Verantwortungsbindung und innovative Online-Angebote, die von realen Apotheken getragen werden.

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