In der Wohnung von Dr. Petra Schneider war es am vergangenen Samstag plötzlich dunkel. Zunächst dachte die Apothekerin, dass lediglich der Strom in ihrem Haus ausgefallen sei, doch ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass in der gesamten Straße weder die normale Beleuchtung noch die Weihnachtsdekoration leuchtete. Beim Blick auf ihr Handy sah sie eine Meldung der Firma, die das Sicherheitssystem in ihrer Apotheke betreibt: Es sei gegen halb sechs Uhr morgens zu einer Stromunterbrechung gekommen. Sie machte sich sofort auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen.
Um halb acht kam Schneider an ihrer Dorotheen-Apotheke an. Der Strom war immer noch unterbrochen – und das sollte sich in den nächsten Tagen auch nicht ändern. „Der Samstag war extrem“, erzählt sie. „Kein Strom, kein Internet. Wir konnten die Patientinnen und Patienten nur über die Notdienstklappe bedienen, weil sich die elektrischen Türen nicht öffnen ließen.“ Zugang zu ihren Servern und dem Warenwirtschaftssystem hatte die Apothekerin ebenfalls nicht; auch der Kommissionierautomat konnte nicht bedient werden. Daher konnte sie am Samstag nur mit Arzneimitteln aus der Sichtwahl helfen. Warenbestellungen waren unmöglich, da auch die Telefone nicht funktionierten.
Mit dem Bewusstsein über das Ausmaß der Lage wurde klar, dass es in der kommenden Woche erst einmal nicht besser werden würde. Am Wochenende hieß es, dass die Stromversorgung voraussichtlich erst am Donnerstag wieder komplett hergestellt sein würde. Hilfe kam von Kollegen: Am Sonntag konnte sie über die Adler-Apotheke in Adlershof eine Powerbank organisieren. Auch über den Apotheker-Verein habe sie sich austauschen und vernetzen können – zumindest dann, wenn der Handyempfang mitspielte.
„Die Powerbank haben wir am Montag in Gang bringen können, sodass wir wenigstens im Notbetrieb arbeiten konnten“, erzählt sie. Seit Montag konnten sie so den Kommissionierer händisch nutzen und ihren eigenen Server aktivieren. Der Kontakt zu den Patienten lief nach wie vor über die Notklappe, da sich die Türen weiterhin nicht öffnen ließen. Papier- und Privatrezepte konnte die Apotheke am Montag wieder beliefern, allerdings ließen sich E-Rezepte mangels Internetverbindung immer noch nicht einlesen. Auch die Warenbestellung war online nicht möglich; die Mitarbeiter der Apotheke mussten telefonisch ordern.
Die Dorotheen-Apotheke befindet sich in einem Ärztehaus. Bereits am Sonntag hatte sich Schneider mit den Medizinern in Verbindung gesetzt und sich am Montag vor dem Haus kurz mit ihnen getroffen. „Wir haben eine Art Krisenmeeting abgehalten“, erzählt sie. Sie hatte eigentlich gehofft, dass die Ärzte – insbesondere Allgemeinmediziner, die keine Röntgengeräte oder Ähnliches benötigen – in dieser Zeit Papierrezepte ausstellen könnten. Doch die Sache war nicht so einfach: „Auch die Ärzte konnten nicht auf ihre Server zugreifen“, erklärt sie. Damit konnten die Mediziner selbst bei Dauerpatienten nicht nachverfolgen, wie hoch beispielsweise die Dosierung der Medikation war.
Teilweise hatten die Ärzte Notfallnummern auf Aushängen hinterlegt, einige Praxen boten Akutsprechstunden an. Über diese Nummern konnte die Apotheke seit Montag Rücksprache halten. Wenn Patienten in der Apotheke bekannt waren und Schneider die Ärzte schon lange kannte, konnten Einzelfalllösungen gefunden werden. „Wenn ein Patient, der Dauerverordnungen bekommt, wirklich gar nicht mehr versorgt war, konnte ich nach Absprache Medikamente ausgeben und mir das Rezept nachreichen lassen. Die Rede ist hier von chronisch Kranken oder Diabetikern, die auf Insulin angewiesen sind. Wenn das keine Notversorgung ist, was dann?“ Erst am Dienstagmittag konnte die Apotheke an den Notstrom angeschlossen werden.
Besonders dankbar ist die Inhaberin für ihr zwölfköpfiges Team: „Alleine hätte ich das definitiv nicht geschafft“, betont sie. „Das ganze Team hat mitgemacht, alle waren aktiv und flexibel.“ Nicht alle aus ihrem Team waren privat vom Ausfall betroffen; Mitarbeiter brachten neben Taschenlampen auch heißen Kaffee und Tee mit.
Schneider ärgerte sich jedoch über die späten offiziellen Warnungen. Gerade in einer Apotheke sei Zeit essentiell. Dank der Meldung ihres Sicherheitssystems konnte sie kühlpflichtige Waren rechtzeitig sichern. „Die Kühlschränke waren noch im Normbereich, als ich am Samstag in die Apotheke gekommen bin. Ich konnte Medikamente zwischenlagern.“ 95 Prozent der Ware brachte sie in einer befreundeten Praxis unter, die nicht vom Stromausfall betroffen war; die restlichen 5 Prozent lagerte sie privat unter Temperaturkontrolle. „Da hatten wir zum Glück keinen Verlust“, sagt sie.
Die Apothekerin zieht nun Schlüsse aus der Krise: „Das stand sowieso schon lange auf der To-do-Liste“, sagt sie. Sie hat nun einen Generator und will eine mobile Powerbank bestellen. Schließlich wisse man nie, wann es einen erneut treffe.
Nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) waren am Montag sieben Apotheken nicht dienstbereit, darunter auch eine, die zum Notdienst eingeteilt war. Eine weitere Apotheke konnte nur mit Einschränkungen arbeiten. Am Dienstag waren noch drei Apotheken in Zehlendorf und Nikolassee betroffen: Zwei davon waren eingeschränkt dienstbereit, eine weitere blieb noch geschlossen.