Qualität vor Historie

Apotheker schließt 253 Jahre alten Standort

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Berlin -

Wieder macht eine Apotheke zu: Ab Mai wird es die Alte Hirsch Apotheke in Brilon nicht mehr geben. Inhaber Felix Hagelüken besitzt in der nordrhein-westfälischen Mittelstadt zwei weitere Apotheken in unmittelbarer Nähe und macht sich weniger Sorgen um die Arzneimittelversorgung vor Ort – vielmehr bangt er um die ärztliche Versorgung.

Einrichtung mit historischem Charme: große Deckenleuchter und alte Standgefäße in dunklem HolzmobiliarFoto : Felix Hagelüken

Die Alte Hirsch Apotheke wurde bereits 1770 gegründet – 253 Jahre besteht der Betrieb in einem alten Fachwerkhaus mitten in der Fußgängerzone. Hagelüken hat sie 2014 von seinem Vater übernommen. Es ist eine der ältesten Apotheken in der Region – die Einrichtung aus altem Holz und mit großen Leuchtern versprüht genau jenen Charme, wie man ihn von einer klassischen Offizin erwartet.

Nicht mehr zeitgemäß

„Alles ist sehr schön und hübsch anzusehen“, berichtet Hagelüken. „Aber es entspricht leider nicht mehr den räumlichen Voraussetzungen, mit denen wir zukünftig arbeiten möchten.“ Zunächst einmal ist der Eingangsbereich dank einer großen Treppe nicht barrierefrei. Man könne die Offizin zwar über den Hintereingang erreichen, dies ist aus Sicht des Inhabers aber nicht mehr zeitgemäß. Alle seine Kund:innen sollen ohne Hindernisse den gleichen Eingang nutzen können und die Möglichkeit haben, sich in einer großzügigen Offizin frei bewegen zu können – ob mit Kinderwagen, Rollstuhl oder anderen Hilfsmitteln.

Die Alte Hirsch Apotheke bietet diese großzügigen Räumlichkeiten nicht, weshalb auch das Angebot pharmazeutischer Dienstleistungen (pDL) nur sehr eingeschränkt durchführbar wäre. Einen zusätzlichen Raum mit dem erforderlichen Platz, um beispielsweide Kompressionsstrümpfen so diskret wie möglich anmessen zu können, gibt es nicht.

Die Alte Hirsch-Apotheke ist für uns kein Standort, der den pharmazeutischen Anforderungen zukünftig gerecht werden kann.

Was aus den angemieteten Räumlichkeiten wird, ist noch unklar. Hagelüken kümmert sich mit um eine potenzielle Nachbesetzung, schließlich sei er interessiert daran, dass der Standort weiter genutzt wird.

Keine Apothekennot in Brilon

Weit laufen müssen Hagelükens Kund:innen zur nächsten Apotheke nicht: In der Fußgängerzone betreibt er selbst eine weitere Filiale. „Das sind keine 50 Meter.“ Alle Kundinnen und Kunden seien rechtzeitig informiert worden. Schließlich gebe es „Vorlieben“, was das pharmazeutische Personal betrifft, das die Schließung mitträgt und ab Mai in den beiden verbleibenden Hagelüken-Apotheken anzutreffen sein wird.

„Es gibt Kund:innen, die sich beispielsweise gerne nur von einer bestimmten PTA beraten lassen. Da wird auch gerne gewartet, bis diejenige mit der vorherigen Beratung fertig ist. Einfach, weil der Kunde oder die Kundin schon immer bei dieser einen PTA gewesen ist. Und das wird und soll so bleiben. Da legen wir großen Wert drauf, weil wir davon leben.“

Kaum noch Ärzte auf dem Land

Um die Arzneimittelversorgung macht sich der Inhaber keine Sorgen. Eher bangt er um die ärztliche Versorgung: „Da sieht es hier wirklich nicht so gut aus.“ Erst kürzlich habe eine Praxis geschlossen. Die Patient:innen stünden oft in der Apotheke und wollten wissen, wo sie denn nun hingehen könnten: „Mein Arzt ist in Rente, ein anderer nimmt mich nicht mehr auf…“, so ein Satz, den er zuletzt häufiger gehört hat. Hagelüken sieht hier ein großes Problem im ländlichen Raum. Dabei gehe es nicht nur um Allgemeinmediziner, sondern auch um Fachärzte.

Felix Hagelüken und Friedrich Merz (CDU) im Gespräch über Lieferengpässe und ÄrzteknappheitFoto : Felix Hagelüken

Politischer Besuch in Brilon

Am Wochenende besuchte CDU-Politiker Friedrich Merz eine der Hagelüken-Apotheken. Er stammt gebürtig von dort – Brilon gehört zu seinem Wahlkreis. Der Besuch kam nach einer Einladung Hagelükens relativ spontan zu Stande. Merz meldete sich und kam für eine gute halbe Stunde vorbei. In dem Gespräch zwischen den beiden Männern ging es um Personalmangel, Apotheker:innen-Honorar, Kassenabschläge, Rabattverträge, Kontingentierung, Preisdumping und um die Not der ärztlichen Versorgung vor Ort. Natürlich kam auch die Thematik der aktuellen Arzneimittell-Lieferengpass-Situation auf den Tisch: Die Politik müsse sich aus Sicht des Apothekers unbedingt kümmern, dass die Ausgangsstoffproduktion in Europa stattfindet. „Wie müssen unabhängig vom asiatischen Markt sein.“ Merz sei gut im Thema und habe Hagelüken gegenüber versichert, dass dies auch seinen langfristigen Vorstellungen entspräche.

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