Zu wenig Honorar, Versender-Gefahr

„Amazon-Moment“: Apotheker-Paar im Zeit-Interview

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Berlin -

Die deutschen Vor-Ort-Apotheken sind in Gefahr: Ein seit Langem nicht mehr angepasstes Honorar sowie eine Politik, die ausländischen Großkonzernen freie Bahn lässt – diese Umstände werden vielerorts von den Inhaber:innen moniert. Die „Zeit“ hat sich nun umfänglich dem Thema angenommen und eine Vor-Ort-Apotheke aus Essen dem Versender Redcare gegenübergestellt.

Jan und Janet Olgemöller betreiben in Essen die Wasserturm-Apotheke – im Stadtteil noch eine von drei verbliebenen Apotheken. Im Nachbarbezirk gibt es schon gar keine mehr. Das merke man spätestens in den Notdiensten: „Wenn wir an Feiertagen aufhaben, kommen manche sogar schon aus Recklinghausen angefahren.“ Das sind schon mal 30 Kilometer.

Die Apothekendichte in Deutschland sei schon heute im europäischen Vergleich niedrig. Gründe für das Apothekensterben: „Das Geld und Günther Jauch“, zitiert die „Zeit“ Jan Olgemöller. „Früher waren Apotheken Goldgruben“, so Olgemöller. „Heute sind sie chronisch unterfinanziert.“ Weil bis 2004 Inhaber:innen an jeder verkauften Packung prozentual verdienten und Arzneimittel immer teurer wurden, seien auch die Einnahmen in den Apotheken gestiegen. 2004 änderte die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) dies, erklärt das Medium.

Seitdem hat sich die Finanzlage der Apotheken radikal geändert. Kommen soll nun nicht das versprochene höhere Fixum, sondern eine Verhandlungslösung mit den Kassen. Das reiche aber nicht, „denn da ist auch noch Günther Jauch“, so die „Zeit“.

„Könnte der Amazon-Moment der Apotheken sein“

„Seit anderthalb Jahren erklärt der Wer-wird-Millionär?-Moderator den Deutschen auf Plakatwänden und in Fernsehspots, wie sie ein E-Rezept einlösen: App öffnen, Karte dranhalten, fertig. Was er kann, könne jeder, so die Botschaft. Nur wirbt Jauch damit für die Shop Apotheke, einen Onlinehändler aus den Niederlanden“, heißt es weiter. Auch der Protest der Apothekerschaft gegen die Kampagne ist Thema im Zeitungsartikel.

„Jauchs Werbung und die Reaktionen darauf zeigen: Es verschiebt sich gerade etwas grundlegend im Geschäft mit Arzneimitteln“, erklärt die „Zeit“. Bei Papierrezepten sei die Einlösung bei Versandapotheken umständlich gewesen, mit dem E-Rezepte habe sich das deutlich verändert. „Es könnte der Amazon-Moment der Apotheken sein.“ Daher auch der Groll der Apothekerschaft. „Dass ausgerechnet er das unterstützt“, so Olgemöller im Beitrag.

Jauch-Spot in Dauerschleife

Doch die „Zeit“ besucht auch den Versender im niederländischen Sevenum, spricht mit Chef-Apothekerin Theresa Holler und Redcare-CEO Olaf Heinrich; will die andere Seite zeigen. Bei Redcare sei man „hingegen mächtig stolz auf ihre Werbung mit dem deutschen Fernsehmoderator“, so der Eindruck der „Zeit“; sie laufe sogar in Dauerschleife am Empfangstresen.

„In Deutschland dürfte eine Kapitalgesellschaft wie Redcare mit Aktionären und Großinvestoren weder eine Apotheke betreiben noch Arzneimittel versenden. Das soll Patienten vor Gewinnmaximierung schützen“, erklärt die „Zeit“ das System und setzt hinzu: „Das ist die europäische Freizügigkeit. Und die legt Deutschland weiter aus als andere Länder.“

Als Redcare 2001 gegründet worden sei, sei das E-Rezept in Deutschland bereits in Planung gewesen. „Wir wussten, dass es dauern würde, bis das wirklich kommt. Dass es am Ende 23 Jahre dauern würde, damit haben wir nicht gerechnet“, so Holler zur Zeitung. Jetzt erwarte man dafür immerhin ein starkes Wachstum.

Dass sich die Situation beim Versender im großen Stil von der Apotheke vor Ort unterscheidet, stellt die „Zeit“ so dar: „die 2000 meistverkauften Arzneimittel stapeln sich in einem langen Automaten und fallen bei Bestellung automatisch in die Kartons auf dem Förderband. Alles andere suchen Mitarbeiter händisch aus den Regalen heraus – noch“. Holler erklärt nämlich, das eine Halle weiter für etwa 100 Millionen Euro eine neue Anlage gebaut werde, die per KI-Einsatz „nahezu vollautomatisch funktionieren soll“. Die Anlage solle aber nicht ersetzen, sondern für mehr Pensum die bisherigen Strukturen ergänzen.

Holler und Heinrich würden selbstbewusst auftreten, heißt es, mit dem Umsatz sei man zufrieden. „Vor allem dank des E-Rezepts: Mit rezeptpflichtigen Mitteln hat der Konzern in Deutschland bereits eine halbe Milliarde Euro umgesetzt, nahezu doppelt so viel wie noch 2024“, schreibt die „Zeit“. Hier sei trotzdem noch „viel Luft nach oben“, wird Heinrich zitiert, der Rx-Markt sei vielversprechend.

Boni erlaubt: Versender mit „Wettbewerbsvorteil“

Zudem beschreibt die Zeitung „einen echten Wettbewerbsvorteil“ des Versenders: „Während Vor-Ort-Apotheken ihren Kunden keine Rabatte gewähren dürfen – allenfalls eine Packung Taschentücher oder Traubenzucker als Dankeschön ist erlaubt –, ist das bei Versandhändlern anders. 2016 urteilte der Europäische Gerichtshof, dass sie vom Rabattverbot auszunehmen sind.“ Die eigenen Effizienzvorteile gebe man über günstige Preise an die Kunden weiter, so Heinrich, der sich nicht als Konkurrenz zu den Apotheken sieht. „Wir sind Teil der Versorgung und schließen Lücken im System.“

Die Olgemöllers sehen das anders und die Abwanderung in Online-Kanäle bei Versandapotheken kritisch: „Medikamente kann man nicht mit Büchern oder Klamotten vergleichen. Da braucht es Beratung.“ Für die Apotheken vor Ort würden am Ende nur die komplizierten Fälle bleiben. Von der Beratung zu Asthmasprays und Insulin könnten Apotheken aber nicht überleben. Die Olgemöllers versuchen laut Bericht gegenzusteuern: eine eigene App, impfen, Blutdruck messen. Digitale Prozesse würden zunehmen, die Automatisierung auch vor Ort zunehmen. Doch die Beratung durch einen Bestellterminal inklusive Ausgabe ersetzen wollen die Olgemöllers nicht – „womöglich aber bleibt ihnen bald keine Wahl“, endet der umfangreiche Zeitungsartikel.

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