Siegel der Bertelsmann Stiftung

Als familienfreundlicher Arbeitgeber punkten

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Berlin -

Jobs in der Apotheke gelten als familienfreundlich. Aber was ist wirklich dran und woran misst es sich? Mit dem Siegel „Familienfreundlicher Arbeitgeber“ der Bertelsmann Stiftung kommt die Apotheke im Aufnahmeverfahren gründlich auf den Prüfstand. Wer das Siegel bekommt, kann die erste Apotheke in Deutschland sein. Und damit punkten – auch wenn es darum geht, neue Mitarbeiter zu gewinnen oder gute ans Unternehmen zu binden. Die Steuerberatungsgesellschaft Treuhand Hannover hat das Thema für sich entdeckt und berät Apotheken dazu.

Wer Kinder hat, für den kann es wichtig sein, vorübergehend oder auch längere Zeit in Teilzeit zu arbeiten. Die Treuhand Hannover ist einer der Anbieter, die den Zertifizierungsprozess für Apotheken begleiten. „Auf der Expopharm war das Siegel ein Thema, das viele Apotheker interessiert hat“, sagt Anke Kunigkeit, die die Zertifizierung der Apothekenbetriebe für die Treuhand Hannover betreut.

„Ich bin als Beraterin bei der Bertelsmann Stiftung gelistet, habe hierfür eine Schulung besucht und berate Apotheken im Rahmen des Zertifizierungsprozesses. Wir fanden das Thema Familienfreundlichkeit für Apotheken sehr geeignet, weil das Thema dort gelebt wird.“ Von der Entscheidung bis zur Anbringung des Siegels in der Offizin oder an der Eingangstür dauert es bis zu vier Monate. Das Prüfverfahren verläuft nach einem streng festgelegten, aufwendigen Schema. Mitmachen können nicht nur Apotheken, das Siegel ist auch für kleine und mittelständische Unternehmen anderer Branchen interessant. Die Kosten des Erstverfahrens liegen bei Unternehmen bis zu zehn Mitarbeitern bei 980 Euro, für eine Apotheke mit bis zu 30 Mitarbeitern kostet die Zertifizierung 1480 Euro, bis 100 Mitarbeiter 4450 Euro (jeweils plus Mehrwertsteuer). Dazu kommt das Honorar für die Arbeit der Treuhand-Beraterin, das je nach Aufwand zwischen 1000 und 5000 Euro liegt.

Der Nutzen des Siegels: Zertifizierte Apotheken dürfen mit dem Logo auf ihrer Homepage, Broschüren, Briefpapier werden und bekommen ein Plexiglas-Schild für ihre Haustür. Bewerber für neue Jobs wissen sofort, dass es sich um ein Unternehmen handelt, in dem man sich mit dem Thema Familienfreundlichkeit en detail auseinandergesetzt hat.

Wenn Frau Kunigkeit eintrifft, kommt die Apotheke auf den Prüfstand. „Im Rahmen des Beratungsprozesses gehen wir in die Apotheken“, sagt die Expertin, „wir machen auf Wunsch dann einen Workshop vor Ort, arbeiten mit den Mitarbeitern an den unterschiedlichen Punkten. Wenn sich beim Fragebogen zum Beispiel herausstellt, dass bei Chef und Personal völlig andere Vorstellungen bestehen, wird erst das 1:1-Gespräch mit dem Inhaber gesucht.“ Je nachdem, wie viele Besuche vor Ort nötig sind, variiert das Honorar. Beim BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) können Apotheken einen Antrag auf finanzielle Unterstützung stellen, die gewährten Summen sind je nach Bundesland unterschiedlich.

In einem anonymisierten Mitarbeiterfragebogen (22 Fragen) erfolgt eine Bestandsanalyse aus Sicht der Mitarbeiter. Schritt zwei ist die Bestandsanalyse aus Sicht des Arbeitgebers. Hier treten häufig Ansichts- und Kommunikationsprobleme zutage, die im Idealfall aber angesprochen und gelöst werden. „Ich frage zum Beispiel nach, wie innerhalb er Apotheke zum Thema Familienfreundlichkeit kommuniziert wird. Oft ist der Arbeitgeber der Meinung, dass alle Angebote bekannt seien, aber nur nicht in Anspruch genommen werden. Dann sagen viele Mitarbeiter, dass sie gar nicht wussten, was genau sie alles in Anspruch nehmen können.“ Ein Beispiel: „Im Rahmen der Gesundheitsvorsorge gewähren Arbeitnehmer finanzielle Zuschüsse, damit es Müttern im Unternehmen besser geht. Auch wir bei der Treuhand haben zum Beispiel eine Masseurin, die in die Büros kommt.“

Auch ein familienfreundlicher Dienstplan ist immer wieder Anlass für Diskussionen. „Mitarbeitern ist nicht immer klar, dass sie nachfragen können, wenn sie tauschen möchten oder zum Beispiel Homeoffice machen wollen, wenn es etwa um Marketingaufgaben geht“, erzählt Kunigkeit aus ihrer Praxis. Für den Dienst in der Offizin sind die Homeoffice-Möglichkeiten natürlich nicht vorhanden.

Kunigkeit hat bei ihren Gesprächen mit Mitarbeitern vor Ort erfahren: „Oft wünscht das Team sich etwas, aber die Mitarbeiter glauben, dass sie das gar nicht zu fragen brauchen. Und gleichzeitig sagt der Chef oder die Chefin: Fragt mich doch einfach!“ Im Idealfall passiert in diesem Stadium der Zertifizierung viel Interaktion. „Es ist ein Prüfstand für die Unternehmer und Mitarbeiter. Mitarbeiter können plötzlich mitgestalten, sie bringen viele konstruktive Ideen mit hinein, die nicht nur die Familienfreundlichkeit betreffen.“

Schritt 3 im Zertifizierungsprozess ist die Strategie-Entwicklung und -festlegung. Im Rahmen eines Gruppengespräches diskutieren Apothekenleitung und Mitarbeiter die Ergebnisse. Die Prüfer der Treuhand Hannover nehmen dann eine Bewertung in fünf Handlungsfeldern vor: Unternehmens- und Führungskultur, Kommunikation, Arbeitsorganisation, Unterstützungsangebote sowie Strategie und Nachhaltigkeit. Sind alle Felder positiv bewertet, kommt alsbald das Siegel ins Haus.

Die Bertelsmann Stiftung wirbt auf ihrer Website um die Bedeutung ihres Siegels: „Familienfreundlichkeit wird ein immer wichtigeres Kriterium für die Auswahl des Arbeitgebers. Gerade für junge, engagierte Fachkräfte ist die Balance zwischen Beruf und Privatleben ein zentrales Anliegen. Große Konzerne schaffen mit viel finanziellem Aufwand Einrichtungen und Maßnahmen, um die Familienfreundlichkeit ihres Unternehmens zu erreichen. Kleine und mittlere Unternehmen können sich viele dieser Maßnahmen oft nicht leisten. Gerade diese Unternehmen haben jedoch häufig eine Unternehmenskultur, die vom persönlichen Führungsstil der Eigentümer geprägt ist und die die Mitarbeiter als sehr wertvoll empfinden ohne dass teure und aufwendige Maßnahmen nötig sind.“

Derzeit gibt es noch keine zertifizierte Apotheke: „Wir haben es erst auf der Messe ins Angebot genommen.“ Die Treuhand Hannover hat das Siegel der Bertelsmann Stiftung seit einem Jahr: „Vielen Mitarbeitern ist nicht immer klar, was es an Gutem im Unternehmen gibt. Im Prozess der Zertifizierung bekommt man ein Bewusstsein dafür, vergleicht es mit Arbeitsstellen im Freundes- und Familienkreis“, sagt Kunigkeit, „mir wurde zum Beispiel bewusst, wie viele Teilzeitangebote wird haben und dass viele Kollegen ein bis zwei Tage in der Woche im Homeoffice arbeiten.“

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