Pharmaunternehmen

Müller Göppingen vor dem Aus

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Berlin -

Das Familienunternehmen Müller Göppingen muss schließen. Zum Jahresende stellt der Hersteller seine Geschäftstätigkeit ein, die 70 Mitarbeiter haben ihre Kündigung bereits erhalten. Die Geschäftsführung bestätigt die Schließungspläne. Über die näheren Umstände möchte man sich aber nicht äußern – denn noch laufen verschiedene Arbeitsgerichtsprozesse.

Wichtigste Produkte des Unternehmens waren die Kava-Präparate Kavosporal und Kavosporal forte. 1998 setzte der Hersteller mit den beiden Mitteln knapp acht Millionen Euro um. Als das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 2002 die Zulassung für Arzneimittel mit Kava-Kava und Kavain widerrief, stürzte das das Unternehmen in eine tiefe Krise.

Zwar konnte die Betriebsschließung abgewandt werden, doch das Unternehmen hat sich von dem Schlag nicht erholt. Heute sind noch 70 Mitarbeiter bei Müller Göppingen beschäftigt, ein Drittel der früheren Zahl. Mit den verbliebenen Mitarbeitern hatte sich die Geschäftsleitung auf einen Deal verständigt: Die Angestellten verzichteten auf ihre Prämien, dafür sagte das Unternehmen zu, keine Arbeitsplätze abzubauen.

„Letzten Endes hat das keine Früchte getragen“, resümiert Betriebsratsvorsitzende Eva le Beau. Alle Mitarbeiter hätten bereits die Kündigung erhalten. Mit der Abfindung sei niemand zufrieden, darüber gebe es nun noch Streit. Obwohl das Unternehmen schon seit ein paar Jahren in finanzieller Schieflage sei, sei die Ankündigung zur Schließung für die Mitarbeiter plötzlich gekommen und habe alle schwer getroffen. Viele Mitarbeiter haben zwischen 20 und 40 Jahre für Müller Göppingen gearbeitet.

Das Unternehmen wurde 1921 vom Apotheker Carl Müller gegründet. Zuvor war er Leiter der Mauch'schen Apotheke in Göppingen. Bereits dort stellte er in größerem Umfang homöopathische Arzneimittel her. Sein Erfolg veranlasste ihn, die Chemisch-Pharmazeutische Fabrik Carl Müller zu gründen. Neben Spezialitäten widmete sich Müller vor allem homöopathischen und pflanzlichen Arzneimitteln.

Die Fabrikationsräume reichten schon bald nicht mehr aus, sodass 1925 der erste Teil des heutigen Gebäudes erbaut wurde. 1932 starb Müller und hinterließ ein Unternehmen mit zahlreichen Mitarbeitern. Die Verantwortung übernahmen seine Schwiegersöhne, Robert Pohl und Alfred Schmidt. 1936 wurde der Erweiterungsbau mit Räumen für maschinelle Anlagen, Büros, Lager und einem Laboratorium eingeweiht.

Beim Bombenangriff auf Göppingen am 1. März 1945 wurde das Gebäude zu großen Teilen zerstört. Die beiden Firmenchefs widmeten sich in der Nachkriegszeit dem Wiederaufbau. Die Verantwortung ging in dieser Zeit an die Schwiegersöhne von Schmidt, Dr. Harald Pfaendner und Apotheker Wolfgang Spaich, den Vater des heutigen Geschäftsführers Carl-Friedrich Spaich.

Da Forschung, Entwicklung und Vertrieb von Phytotherapeutika und Homöopathika inzwischen größere Dimensionen angenommen hatten, wurden die Unternehmensbereiche 1956 getrennt. Homöopathische Einzelarzneimittel und Spagyrik wurden in die Tochterfirma Staufen-Pharma überführt. 1998 wurde die Tochterfirma Staufen MP gegründet, die Medizinprodukte vertreibt.

Das Unternehmen ist nach wie vor in Familienbesitz. Neben den Geschäftsführern Spaich und Dr. Reinhard Rettenberger halten verschiedene andere Familienmitglieder Anteile. Die Söhne der Geschäftsführer, Steffen Spaich und Thomas Rettenberger, sind derzeit Prokuristen in dem Unternehmen.

Seit dem Aus für Kava-Kava sind PhytoStrol (Rhapontikrhabarberwurzel) und Sinfrontal (Cinnabaris) die Hauptumsatzbringer für das Unternehmen. Zum Portfolio gehören außerdem Carbo Königsfeld Pulver (Kaffeekohle) zur Behandlung von unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen, Procordal für Beschwerden bei Herzschwäche und Tussisana für Bronchitis und Keuchhusten. Inzwischen hat das BfArM den Widerruf von Kava-Kava nach einem jahrelangen Prozess zurückgenommendoch für Müller Göppingen war es zu spät.

Staufen hat Globuli, Ampullen und Dilutionen im Portfolio. Zum Spagyrik-Programm gehören rund 130 verschiedene Einzelessenzen nach Zimpel. Staufen MP liefert homöopathische Testsätze für die biophysikalische Diagnostik und Testlösungen in Ampullenform. Außerdem vertreibt die Tochterfirma drei Bücher zur Homöopathie.

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