Geplatzte Versprechen, immer neue Rekordverluste und kaum noch Wachstum in Sicht. Bei DocMorris kommt es jetzt zur Revolte der Anteilseigner. Sie wollen den langjährigen Firmenchef Walter Oberhänsli vom Hof jagen und durch den früheren Celesio-CEO Dr. Fritz Oesterle ersetzen. Kann ausgerechnet er den angeschlagenen Versender retten? Oder stecken größere Pläne dahinter? Ein Kommentar von Patrick Hollstein.
Oesterle, das ist kein Geheimnis, hat im Apothekenmarkt noch eine Rechnung offen. Anfang der 2000er-Jahre hatte er bei Celesio alles auf eine Karte gesetzt und mit viel fremdem Geld und eigenem Einsatz auf die Liberalisierung des Marktes gewettet. Erst zogen seine Juristen und Lobbyisten im Hintergrund die Strippen; als er im Frühjahr 2007 DocMorris kaufte, legte er sich offen mit den eigenen Großhandelskunden an. Auch einige gezielte Entgleisungen gehörten in jener Zeit dazu. Der damalige Großaktionär Haniel glaubte den Versprechungen von einem vollumfänglichen Marktumbruch und spielte lange mit – bis der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Mai 2009 das Fremdbesitzverbot dann doch nicht kippte.
Danach begannen in Stuttgart die Auflösungserscheinungen. Erst sollte eine Allianz mit Medco den strauchelnden Konzern retten, dann übernahm McKesson. 2021 zog sich der US-Konzern zurück, Phoenix übernahm den Großteil des Celesio-Erbes. 186 Jahre nach der Gründung war das einstige Vorzeigeunternehmen nur noch ein Stück Wirtschaftsgeschichte.
Da war Oesterle schon zehn Jahre lang weg. Er hatte 2011 bei Celesio seinen Hut nehmen müssen – es war das Ende seiner bis dahin glanzvollen Karriere vom Juristen zum Konzernchef. Fortan übernahm er verschiedene Aufsichtsratsmandate, die meisten davon bei Banken oder Unternehmen aus Baden-Württemberg. Öffentlich trat er – abgesehen von einem bösartigen Gastbeitrag anlässlich des Apothekenprotests vor drei Jahren – nicht mehr in Erscheinung. Bis jetzt.
Dass er nun der mächtigste Mann bei DocMorris werden will, passt durchaus zu seinem Naturell. Schon bei Celesio hatte er den Apothekenmarkt als Strategiespiel verstanden. Und dass er damit noch nicht abgeschlossen hat, zeigte eine von ihm angezettelte Intrige bei AEP im Jahr 2017: Um die Partner im Zusammenhang mit einer geplanten Kapitalerhöhung unter Druck zu setzen, löste er seinen eigenen Treuhänder ab und trat auf einmal selbst aktiv in Erscheinung. Er wusste, dass sein Name im Apothekenmarkt noch etwas wert war.
Aber ist er der Richtige, um jetzt DocMorris zu retten? Oesterles Auftraggeber Ceplion hat die Devise ausgegeben: „Change for DocMorris: From Undervalued e-Pharmacy to Leading European ‚Healthcare in One Click‘ Platform“. E-Rezept, Videosprechstunden und KI sollen die Zukuntfsthemen sein – im Grunde unterscheidet sich die Strategie nicht von der des aktuellen Managements. Oesterle aber steht nicht für diese Themen, er kommt aus einer Welt, in der Großhandel und eigene Ketten die dominierenden Geschäftsfelder waren.
Warum also Oesterle? Jener Manager, der sich mit DocMorris schon einmal verzockt und nicht nur einen unternehmerischen, sondern auch seinen ganz persönlichen Schiffbruch erlitten hat? Warum nicht gleich Ralf Däinghaus?
Die eigentliche Frage lautet: Ist DocMorris überhaupt zu retten? Die jüngsten Zahlen haben gezeigt, dass es derart hohe Marketingaufwendungen braucht, um die Kunden bei der Stange zu halten, dass der Versender auf absehbare Zeit gar nicht in die Gewinnzone kommen kann. Gleichzeitig werden das Wachstum immer schwächer und der Druck der Konkurrenz immer größer. Ist auch die Geschichte von DocMorris womöglich schon auserzählt?
Oesterles Aufgabe dürfte es sein, den Versender auf Konzernlinie zu bringen und die Investoren mit seinem guten Namen zu beruhigen. Vielleicht soll er DocMorris für die schon so oft kolportierte Übernahme vorbereiten. Dafür spricht, dass zwar Verwaltungsratspräsident Walter Oberhänsli abgesägt werden soll, CEO Walter Hess aber bei der Aktionärsrevolte mit keinem Wort erwähnt wird. Dass parallel Oesterles früherer Top-Lobbyist Max Müller beim Konkurrenten Redcare in den Aufsichtsrat gewählt werden soll, ist eine erstaunliche Koinzidenz.
Und noch eine Anknüpfung gibt es: Direkt nach seinem Ausscheiden bei Celesio heuerte Oesterle als Treuhänder bei der Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland) an. Der Handelsriese träumte damals ebenfalls von eigenen Apotheken, aktuell testet man in Neckarsulm Videosprechstunden und plant laut Medienberichten auch den Einstieg in den Arzneimittelversandhandel. Nach dem Einstieg der Drogeriekette dm werden die Karten neu gemischt. Wie auch immer die Aktionärsrevolte bei DocMorris ausgeht: Im Versandhandel stehen wohl definitiv größere Marktumbrüche an.